Gelsenkirchen

Mit Feder, Tinte und Nadel

von Tobias Ertmer

Als Rabbiner Chaim Kornblum das traditionelle hebräische Volkslied »Hava Nagila« anstimmt, geht ein Ruck durch die orthodoxe Gemeinde in der Gelsenkirchener Synagoge. Heute ist ein besonderer Tag. Und der verdient einen besonders ausgelassenen Gottesdienst, wie man ihn sonst selten sieht – mit Chor und ohne Geschlechtertrennung in den Sitzreihen. Dem Anlass angemessen: Zwei der vier zu restaurierenden Torarollen sind soeben in den Schoß der Gemeinde zurückgekehrt.
»Unsere Torarollen, von denen wir gar nicht so genau wissen, wann sie geschrieben worden sind, waren nicht mehr tauglich für den Gottesdienst«, erklärt Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der Ge- meinde. Fünf Rollen hatten die Gelsenkirchener stets in ihrem Toraschrank. Zwei kamen vor 50 Jahren aus Amsterdam, die Herkunft der anderen ist unbekannt. Vier können mit Hilfe des Sofers Hofmann aus Hannover noch gerettet werden.
Für die fünfte kommt allerdings jede Hilfe zu spät. »Die fünfte Rolle ist nicht mehr koscher, sie ist also für den Gottesdienst nicht mehr zu gebrauchen«, erklärt Judith Neuwald-Tasbach. Nähte, die aus Tiersehnen gefertigt sein müssen, waren aufgeplatzt. Seiten hingen lose aneinander, die Schrift war stark verblichen. Auch eine Folge der koscheren Tinte, die keine Metallanteile enthalten darf.
Eigentlich, so sagt die Gemeindevorsitzende, hätte man die fünfte Rolle nun auf einem jüdischen Friedhof beerdigen müssen. »So, wie man es mit einem lieben Angehörigen macht.« Doch das erschien der Gemeinde irgendwie zu endgültig. Stattdessen dient die Rolle nun als Ausstellungsstück. Sie wird eines von zahlreichen Exponaten sein, die die Räume des ehemaligen Gemeindezentrums in der Gelsenkirchener Altstadt füllen, das im Herbst als Museum und Begegnungszentrum eröffnet werden soll.
Die ersten beiden der vier ramponierten Rollen sind nun wieder in Gelsenkirchen eingetroffen – die anderen beiden schon wieder beim Sofer, dem Schriftgelehrten und Toraschreiber: »Das war früher ein weit verbreiteter Beruf, heute ist er vom Aussterben bedroht«, weiß Judith Neuwald-Tasbach. Insgesamt rund 7.500 Euro kostet die Restaurierung. Neue Rollen anzuschaffen – unvorstellbar: Rund 30.000 Euro würde nur eine von ihnen kosten.
Kein Wunder. Das Schreiben der Tora, oder besser das Abschreiben, ist eine schwierige Arbeit: Jeder Buchstabe wird einzeln aus der Vorlage kopiert, geschrieben wird mit einer Gänse- oder Putenfeder auf dem echten Pergament aus Tierhaut. »In diesem Fall ist es Kuhhaut, die verwendet wird«, sagt Neuwald-Tasbach. Anschließend müssen die einzelnen Seiten mit Tiersehnen vernäht werden. Ein Gottesdienst ohne Torarolle ist nicht möglich – daher auch die aufeinanderfolgende Restaurierung der einen Meter hohen Rollen, damit immer noch eine vor Ort ist.
Wie aufwendig das Schreiben mit Feder und Tinte wirklich ist, davon können sich die 120 Gäste und Gemeindemitglieder in der 2007 eröffneten neuen Gelsenkirchener Synagoge an diesem Tag selbst überzeugen. Die fünfte Rolle, die einmal ein Ausstellungsstück werden soll, liegt ausgebreitet auf einem Tisch. Rabbiner Chaim Kornblum erklärt, wie die Rolle im Gottesdienst einzusetzen ist: »Dass wir nun wieder zwei fertige und nutzbare To- rarollen hier haben, ist ein großes Glück!«
Auf einem weiteren Tisch liegen die Schreibutensilien Putenfedern, Papier und koschere Tinte – und natürlich hebräische Textvorlagen. »Das ist gar nicht so einfach«, staunen die experimentierfreudigen Gelsenkirchener. Vielleicht auch gerade durch diese Erfahrung füllt sich anschließend die Spenden-Spardose der Gemeinde. Gelsenkirchens stellvertretender Bürgermeister Klaus Hermandung – »einen engen Freund der Gemeinde« – nennt ihn Neuwald-Tasbach, ist auch da: »So ein Ereignis möchte ich mir nicht entgehen lassen«, sagt der Kommunalpolitiker.
Die Bedeutung der Tora als heilige Schrift wird den Gästen im Gemeindesaal auch durch einen Film der christlich-jüdischen Gesellschaft nahegebracht: Aus christlicher Sicht gibt es Informationen zu den fünf Büchern Mose, ihrer Herkunft und ihrer enormen Bedeutung auch für den christlichen Glauben. »Die Tora und ihre Schriften ist für unsere – die christliche und jüdische – Zivilisation grundlegend. Ohne sie gäbe es viele unserer immer noch gültigen Werte so nicht«, sagt ein Redner. Beim anschließenden Plausch an üppig mit Couscous und Häppchen gefüllten Tischen kommen die Besucher untereinander und konfessionsübergreifend ins Gespräch. So bringt die Jüdische Gemeinde in Gelsenkirchen einmal mehr Juden und Nichtjuden zusammen. Schon im Gottesdienst, der diesmal fast liberal anmutete, verfolgten zahlreiche Gäste die Begrüßung der Torarollen. Und die ist wirklich sehens- und hörenswert.
Rabbiner Chaim Kornblum, der seit der Eröffnung für die Gemeinde in Gelsenkirchen da ist, wird beim feierlichen Hereintragen der Rollen unter dem Baldachin von Religionslehrer Alexander Krimhand unterstützt. »Das war ein ganz toller Mo- ment für mich«, sagt der junge Lehrer, der regelmäßig bis zu 16 Kinder im Gemeindezentrum unterrichtet, mit strahlenden Augen. Der Chor stimmt heute nur Loblieder an. Es ist ein freudiger Tag für Gelsenkirchens Gemeinde. »Ein guter Tag«, sagt Judith Neuwald-Tasbach. »Lasst uns glücklich sein« – »Hava Nagila« – singt die Gemeinde. Recht hat sie.

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