Texte

Mit der Zeit

von Rabbiner Jonathan Magonet

Das Wort Ekew, das der Parascha dieser Woche ihren Namen gibt, bedeutet Ferse. Wie die eine Ferse im Gehen auf die andere folgt, so ist jedes Ereignis eine Folge dessen, was davor geschah. Aus diesem Grund hat das Wort die Bedeutung von »als Folge davon« angenommen: Ist Schritt A getan, wird Schritt B folgen.
Laut dem Eingangsvers hat die »Einhaltung der göttlichen Gebote« zur Folge, dass Gott den Bund mit Israel »einhält«: »Wenn ihr diese Rechtsvorschriften hört, auf sie achtet und sie haltet, wird der Herr, dein Gott, dafür auf den Bund achten und dir die Huld bewahren, die er deinen Vätern geschworen hat« (5. Buch Moses 7,12). Doch im weiteren Verlauf zählt das Kapitel eine Reihe von Geboten auf, die höchst problematisch sind und die Frage aufwerfen, welche Geltung sie heute noch haben und inwieweit sie noch immer befolgt werden sollten.
Der Text selbst ist Teil der langen, an das Volk gerichteten letzten Ansprache Mosches, aus der das 5. Buch der Tora besteht. Er sieht, wie das Volk sich in der Zukunft, beim Betreten des Landes Kanaan verhalten wird. Gott wird ihre Schlachten für sie schlagen, doch Er fügt hinzu: »Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen« (7,16). Dann redet er vom Austilgen der Namen ihrer Könige und dem Auslöschen sämtlicher Spuren ihrer Götter.
Im Kontext von Mosches Rede macht das als rhetorischer Aufruf Sinn. In den zwei Jahrtausenden des Exils, wo man an ein solches Tun nicht denken konnte, war es möglich, Texte wie diesen zu beschönigen, ins Spirituelle zu erhöhen oder einfach nicht zu beachten. Doch mit der Rückkehr ins Land Israel und mit der Wieder- herstellung jüdischer Souveränität in unserer Zeit sind wir gezwungen, diese Texte einer erneuten Prüfung zu unterziehen, denn sie liefern jenen, die sich gern von ihnen inspirieren lassen, immer wieder Munition für religiöse und politische Militanz. Wenn wir ehrlich sind, können wir uns auch schwerlich darüber empören, was in christlichen und muslimischen Texten, die wir für gewalttätig oder destruktiv halten, steht, ohne auch die Probleme zu sehen, mit denen uns die eigene Tradition konfrontiert. Daher ruft Ekew dazu auf, die Folgen, die aus unseren eigenen Heiligen Schriften erwachsen können, kritisch zu beurteilen.
Heilige Texte, die das Wort Gottes wiedergeben, dürfen nicht einfach gestrichen oder verändert werden. Dennoch besitzen wir eine reiche Tradition im Aufzeigen von Möglichkeiten, wie wir Passagen aus früheren Epochen, die uns heute als fragwürdig erscheinen, neu interpretieren oder neutralisieren können. Nicht die göttliche Natur des Textes ist dann das Thema, sondern die Autorität des Interpreten – und genau an diesem Punkt wird es schwierig.
Während sich in vergangenen Generationen die Debatte oft um die Anschauungen einzelner Rabbiner drehte, argumentierten doch zumindest alle Debattierenden innerhalb des gleichen geschlossenen Glaubenssystems. Doch seit nun beinahe 200 Jahren trifft dies nicht mehr zu. Insbesondere der kritische, historisch orientierte Geist der Moderne stellt diese vergangene Autorität und ihre Grundannahmen infrage.
Eine mögliche Antwort ist, die Legitimität solcher modernen Methoden des Hinterfragens zu leugnen und sich auf die Treue zur Tradition und auf den Glauben selbst zu berufen. Das andere Extrem liegt darin, Fragen nach der Maßgeblichkeit des offenbarten Wortes links liegen zu lassen und die Heilige Schrift und alle aus ihr abgeleiteten Texte als nichts weiter zu sehen als ein menschliches Gedankengebäude – als Fundament der jüdischen Kultur und Zivilisation wertvoll an sich, doch ohne Gültigkeitsanspruch für die Gegenwart. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine Menge Zwischenpositionen, die die Ergebnisse kritischer historischer Studien akzeptieren, gleichzeitig aber versuchen, Lebensweisen zu finden, die sich den Herausforderungen und Widersprüchlichkeiten stellen.
Wie also sollen wir mit Texten umgehen wie diesem und anderen, die die friedensbejahenden Werte des Judentums infrage stellen? Eine Möglichkeit besteht darin, die Methoden der Vergangenheit auf das Problem anzuwenden, das heißt, die Hebräische Bibel als einen hermetisch geschlossenen Text zu betrachten, der nur anhand von textimmanenten Kriterien gedeutet werden darf. So könnte man etwa diese Passagen aus dem 5. Buch mit Versen aus dem 3. Buch der Tora 19, 33-34 vergleichen: »Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.« Dann wird die Passage aus dem 5. Buch der Tora zum Ausdruck dafür, dass die Zeit der Eroberung zur Zerstörung der physischen und spirituellen Infrastruktur eines anderen Volkes führte. Nur wenn man die Verantwortung dafür akzeptiert, was in der Vergangenheit geschehen ist, wird es möglich, den »Fremden in eurem Land« in der Gegenwart »wie einen Einheimischen« zu behandeln.
Es ist paradox, dass eine durch spätere religiöse Einsichten gewonnene menschliche Sensibilität einige Aspekte der Heiligen Schriften als problematisch erscheinen lässt. Umgekehrt wirft die Passage im
3. Buch der Tora noch immer wichtige Fragen auf, wenn es um die allgemeinen Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten geht – Probleme, die in vielen Teilen der Welt weiterhin einer Lösung harren.
So verbleiben wir mit Ekew, mit den »Folgen« unseres Festhaltens an den göttlich geoffenbarten Schriften, die uns in unserem Leben als Juden leiten, und der damit einhergehenden Verantwortung, sie so zu deuten, dass sie die höchsten von uns angestrebten Werte erfüllen.

Der Autor leitete bis 2005 das Leo Baeck College in London. Von April bis Juli dieses Jahres hatte er die Schalom-Ben-Chorin-Gastprofessur der Julius-Maximilians-Universität Würzburg inne.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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