Westjerusalem

Mit Brettern vernagelt

von Wladimir Struminski

Käme ein Zeitreisender aus noch gar nicht so lange zurückliegenden Jahrzehnten in die Westjerusalemer Innenstadt, müsste er unweigerlich glauben, Israels Hauptstadt liege – vielleicht nach einem verlorenen Krieg – im Niedergang. Einstmals spielte sich hier das Jerusalemer Leben ab. Ein kleines Gebiet, eingerahmt von der Jaffa-, King-George- und Ben-Jehuda-Straße, bot als sogenanntes Dreieck einen angenehmen Gegensatz zu der vor Geschichte, Heiligkeit und Konflikten berstenden, nur einen Kilometer entfernt liegenden Altstadt. In der ausgehenden türkischen Ära in Angriff genommen, unter den Briten vervollständigt, bargen die wenigen Straßenzüge eine ganze Welt in sich. Hier traf sich, auch noch in den ersten Jahrzehnten des Staates Israel, alles, was Rang und Namen hatte: Intellektuelle, Minister und Professoren ebenso wie das übrige Volk Israel. Und wer weder einen Kaffee im »Atara« noch die Gulaschsuppe im »Fink’s« wollte, konnte einkaufen oder sich im Dreieck oder zumindest in dessen unmittelbarer Nähe in eines der 14 Kinos setzen.
Heute ist von der alten Glorie nichts mehr zu spüren. Die Straßen sehen gealtert aus. Die Häuserfassaden aus dem Jerusalemer Stein ersticken unter einer Schmutzschicht. Die einstmals beigefarbenen Straßenfliesen sind grau. Eine alte Tafel erinnert an die Einweihung der King-George-Straße durch den britischen Hochkommissar für Palästina, Herbert Samuel, am 9. Dezember 1924. Ansonsten gibt die einstige Pracht-Avenue aber nicht allzu viel her. Unter der Hausnummer 12 verbirgt sich ein zu Zeiten von König George V. sicherlich wunderschönes Gebäude, mit Bogenfenstern, kunstvollen Erkern, gediegenen Balkons. Heute ist alles in Ruß getaucht. Im Erdgeschoss ein Billigspielzeugladen. Tand aus China, wegen Geschäftsschließung alles zum halben Preis. Ein kleiner Laden mit Hüten und Kopftüchern für die fromme Dame. Eine Pizzeria ohne mediterranen Charme.
In der kleinen Histadrut-Straße ist die »Hochschule für professionelles Make-up« mit Brettern vernagelt. In der Jaffastraße reihen sich einige Bekleidungsgeschäfte aneinander, denen man nicht auf den ersten Blick ansieht, ob die Ware fabrikneu oder aus zweiter Hand ist.
In der Ben-Jehuda-Fußgängerzone sind die Besucher am frühen Nachmittag dünner gesät als der Müll auf der Straße. Eine Frau rutscht auf einer achtlos hingeworfenen Plastiktüte aus. In der Jawetz-Gasse machen sich sechs Straßenkatzen mit insgesamt elf Augen an einem Müllsack zu schaffen.
Der Verfall der Innenstadt, konstatiert Israel Kimhi, Forschungskoordinator des Jerusalemer Instituts für Israel-Studien, begann in den 70er- und 80er-Jahren. Die Stadt begann, in die neuen Außenbezirke zu expandieren. Ehemalige Gewerbezonen, wie Talpiot oder Giwat Schaul, stiegen immer mehr zu Shopping-Meilen auf. In den nach dem Sechstagekrieg gebauten neuen Wohnvierteln entwickelte sich ebenfalls ein eigenes Handels- und Dienstleistungsnetz. Den Todesstoß für die Innenstadt bedeutete aber die Eröffnung des Einkaufszentrums Malcha. Mit 260 Geschäften auf einer Verkaufsfläche von 37.000 Quadratmetern gräbt Malcha inzwischen 30 Prozent der gesamten Jerusalemer Kaufkraft ab. Auch Kinos und andere Vergnügungsstätten sind weitgehend nach Malcha und in weitere klimatisierte Malls abgewandert. Stadt und Regierung beklagten den Verfall, unternahmen aber lange Zeit nichts dagegen.
Vor einigen Jahren aber besannen sich die Stadtväter eines anderen. Seitdem laufen gezielte Bemühungen um eine Wiederbelebung des alten Stadtkerns an. Der verkehrsfreie Bereich wird ausgebaut. Heute schon entsteht an der Kunstakademie Bezalel – unweit der King-George-Straße – ei-
ne Fußgängerzone. Längerfristig, so Asaf Witman, Direktor der städtischen Gesellschaft für die Entwicklung der Innenstadt, Eden, soll die Jaffa-Straße zwischen der Altstadt und dem Freiluftmarkt Machane Jehuda ebenfall nur für Fußgänger zu-gänglich gemacht werden. Um Platz für die 1.300 Meter lange Meile zu machen, werden Kraftfahrzeuge auf Umgehungsstraßen verbannt. Das Erneuerungsprogramm will auch neue und attraktive Geschäfte anziehen. Die ersten Markenläden sind schon da. Die Zahl der Besucher, die im Tagesdurchschnitt die Innenstadt aufsuchen, ist in den letzten zwei Jahren von 80.000 auf 120.000 gestiegen. Durch Mietzuschüsse von umgerechnet 80 Euro pro Monat werden Studenten als Einwohner gelockt. Heute leben bereits 1.200 Studiosi in der Innenstadt. Noch vor einigen Jahren strebte die Zahl gegen null. In der Schlomzion-Hamalka-Straße haben mehrere Kneipiers eine Existenzgründung gewagt. Neue Wohnungen werden gebaut, bestehende Gebäude von ein bis drei auf vier bis sechs Etagen aufgestockt. Heute sind im Stadtzentrum 100.000 Quadratmeter Wohnfläche im Entstehen; weitere 200.000 warten auf die Baugenehmigung. Schließlich soll die im Bau befindliche Straßenbahn künftig für mehr Besucher und weniger Verkehrschaos sorgen.
Oft sind die Wiederbelebungsversuche von nervtötender Gemächlichkeit. So reicht der Etat für die Fassadenreinigung gerade mal für fünf Gebäude pro Jahr. Auch die Erneuerung des Handelswesens ist erst zum kleineren Teil bewältigt worden. Der Bau der ersten Straßenbahnstre-cke, meldete im Oktober die Wirtschaftszeitung »The Marker«, wird sich um schät-
zungsweise 14 Monate verzögern und erst im April 2010 vollendet sein. Die anderen sieben geplanten Trassen sind nicht einmal in Angriff genommen worden. Dennoch geben sich die Stadtväter zuversichtlich: In einigen Jahren, hoffen sie, ist die Innenstadt wieder attraktiv.

Eva Erben

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