Kupfer

Mexikanische Mine

von Wladimir Struminski

Den meisten Besuchern des Timna-Tals fällt die rauhe Schönheit des Ortes auf, die Stille der Wüste, die rötlich gefärbten Steinformationen, die, je nach Blickwinkel, an einen Pilz, einen prähistorischen Fisch oder eine Menschengestalt gemahnen. Alonso Ancira aber bemerkte noch etwa ganz anderes. Als er vor zwei Jahren nach Eilat unterwegs war, um sich nach einem anstrengenden Geschäftsbesuch zu erholen, fiel ihm 25 Kilometer vor dem Reiseziel der Eingang einer Kupfermine auf. Für Ancira war das Grund genug anzuhalten und der Sache auf den Grund zu gehen. Ancira ist nämlich nicht irgendein Tourist, sondern Eigentümer und Vorstandsvorsitzender des mexikanischen Metallkonzerns Altos Hornos de Mexico, kurz als AHMSA bekannt. Kein Wunder also, daß ihn plötzlich auftauchende Minenschächte in ihren Bann ziehen.
Wohlgemerkt war der mexikanische Unternehmer nicht der erste, der auf das Kupfer von Timna aufmerksam wurde. Bereits 3.300 Jahre vor Ancira hatten die alten Ägypter das Potential des unwirtlichen Landstriches erkannt und nahmen – man schrieb das späte 14. Jahrhundert vor der Zeitenwende – den Kupferbergbau auf. Im Laufe der Jahre trieben die ägyptischen Minenbauer zwischen achttausend und zehntausend Schächte in den Boden, um das kostbare Metall zu gewinnen. Damit wurde ein Großteil der mit damaliger Technik zugänglichen Kupferreserven aufgebraucht. Mitte des 12. Jahrhunderts zogen die ägyptischen Schatzjäger ab. Das Kupferabbaugebiet wird auch »Salomos Minen« genannt, doch ist dies historisch falsch: Die Bergbauaktivitäten des biblischen Königs haben sich nicht am Roten, sondern am Toten Meer abgespielt.
Dreitausend Jahre nach Salomo wurde Timna wieder in Betrieb genommen: Zwischen 1951 und 1984 rang der Staat Israel in Dutzenden Bergwerken dem Boden Kupfer ab. Dann aber wurde die Anlage wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit erneut geschlossen: Kupfer wurde größtenteils durch Aluminium ersetzt. Die Weltmarktpreise waren in den Keller gerutscht. Viele Anbieter, darunter auch Israel, hatten das Nachsehen.
Als das Schicksal Alfonso Ancira nach Timna führte, hatte sich das Blatt jedoch wieder gewendet. Das rapide Wirtschaftswachstum in Fernost, vor allem in China, ließ die Nachfrage nach Kupfer in neue Höhen schnellen und die Lagervorräte auf einen historischen Tiefststand sinken. Ob Baugewerbe oder die High-Tech-Industrie: Viele Branchen hielten verzweifelt Aus schau nach dem begehrten Rohstoff. Die Hersteller machten sich auf die Suche nach neuen Vorräten. »Unser Unternehmen ist um ständigen Ausbau seiner Mineralressourcen bemüht«, heißt es auch bei AHMSA. Da war Timna für die findigen Mexikaner ein vielversprechender Ort.
Kurze Zeit nach Anciras Wüstenreise beantragte der Konzern die Genehmigung, Timna wieder in Betrieb nehmen zu können. Anfang dieses Jahres wurde die Betriebserlaubnis gewährt. Heute ist die »Operation Timna« in vollem Gang. Ihre Durch-
führung obliegt den vom mexikanischen Mutterhaus gegründeten Tochterfirmen AHMSA Steel Israel und Arava Mines.
Einfach ist das grandiose Projekt nicht. Im ersten Stadium wurde eine Million Kubikmeter Grundwasser, das in den letzten zwei Jahrzehnten in die Minen eingedrungen ist, abgepumpt. Noch vor Wintereinbruch soll die Instandsetzung der Schächte und Tunnel beginnen. Allerdings will AHMSA auch nach neuen Vorkommen suchen. Parallel dazu wird eine Kupfergewinnungsanlage, die Affinerie, gebaut. Spätestens Mitte 2009 läuft die reguläre Kupferproduktion an. Nach Erreichen der vollen Betriebskapazität wird die Affinerie 40.000 Tonnen reines Kupfer auf den Markt werfen.
Kosten des Investitionsprojekts: umgerechnet 140 Millionen Euro. Damit ist Timna eines der größeren Wirtschaftsprojekte in Israels Geschichte. Da kommt im benachbarten Eilat Hochstimmung auf. »Die Mexikaner stellen neue Mitarbeiter ein«, freute sich das Lokalblatt »Erew, Erew« (zu deutsch: Abend für Abend»). Im Kreisrat werden bereits die Segnungen des Vorhabens für Eilat und dessen kleinere Nachbarorte kalkuliert. Bereits im vergangenen Jahr entsandte die südisraelische Kreisverwaltung eine Delegation nach Mexiko, um die zukünftigen neuen Nachbarn besser kennenzulernen.
Mit der Inbetriebnahme der Timna-Minen schließt sich aber nicht nur ein dreitausend Jahre alter, sondern auch ein viel kürzerer Geschichtskreis. Die Direktorin von AHMSA Steel Israel, Carla Garcia Granados, ist nämlich die Nichte des guatemaltekischen Diplomaten Jorge Garcia Granados, der bei Israels Geburt eine wichtige Rolle gespielt hat. Im Jahre 1947 diente Onkel Jorge als Guatemalas Botschafter bei den Vereinten Nationen und setzte sich aktiv für die Gründung eines jüdischen Staates ein. Bei der UN-Abstimmung über die Teilung Palästinas am 29. November 1947 gab er eine der Ja-Stimmen ab, die Israels Gründung möglich gemacht haben. Später diente er auch als der Botschafter seines Landes im jüdischen Staat.

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