Franz Rosenzweig

Methode, nicht Gegenstand

von Ralf Balke

»Wir als Juden haben einen ganz wesentlichen Anteil an Europas Geistesgeschichte.« Mit diesen klaren Worten eröffnete Eveline Goodman-Thau am 28. Juni die Konferenz »Neues Denken – Jüdisches Denken« in der Evangelischen Akademie Arnoldshain, die Leben und Werk des 1886 in Kassel geborenen Philosophen Franz Rosenzweig in den Mittelpunkt rückte. »Das jüdische Denken in die europäische Geistesgeschichte eingebracht zu haben, genau darin liegt das Verdienst und die Bedeutung der Person Franz Rosenzweig«, betonte die Direktorin der Hermann-Cohen-Akademie.
Rosenzweig wuchs als assimilierter Jude auf, der in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts seinen Ort in der christlich geprägten Kulturlandschaft Europas suchte. Dabei liebäugelte er kurz vor dem Ersten Weltkrieg sogar mit dem Gedanken, zum evangelischen Glauben zu konvertieren. Doch Rosenzweig beschließt nicht nur Jude zu bleiben, sondern verzichtet ganz bewusst, nachdem er bei Friedrich Meinecke seine Doktorarbeit über Hegel und den Staat abgeschlossen hatte, auf eine akademische Karriere im klassischen Sinne. Er engagiert sich im »Freien Jüdischen Lehrhaus«, einem Erwachsenenbildungsprojekt im Frankfurt der frühen 20er-Jahre.
»Franz Rosenzweig lässt sich nur in der Komplexität der Spannungsfelder von Judentum sowie deutscher Identität, Kultur und Intellektualität verstehen«, lautete die Einschätzung von Yehudit Kornberg Greenberg aus Florida. »Er zitiert die Bibel mindestens genauso oft wie Goethe.« Für sie ist das Faszinierende an Rosenzweig sein nuanciertes Konzept von ‚Liebe‘. »Judentum wird immer als reine Gesetzesreligion verstanden, während das Christentum als Religion der Liebe dargestellt wird«, so Kornberg Greenberg. »Genau diese konventio- nelle Wahrnehmung stellte er auf den Kopf.« Für die Herausgeberin der demnächst erscheinenden Encylopedia of Love in World Religions ist Rosenzweig der erste moderne jüdische Philosoph, der es schafft, den Begriff Liebe als wesentliches Element jüdischer Spiritualität herauszuarbeiten. Zugleich erkannte er das Christentum als gleichwertig mit dem Judentum an – für einen dezidiert jüdischen Denker etwas Einzigartiges. Nach Auffassung von Hermann Düringer, Direktor der Akademie Arnoldshain, lieferte er damit die Basistexte für den jüdisch-christlichen Dialog.
Ephraim Meir von der Bar-Ilan-Universität in Israel konnte all das nur bestätigen. »Rosenzweig war ein deutscher Jude, der die Philosophie genauso wie das jüdische Leben in Deutschland erneuern wollte. Dafür schöpfte er tief aus den klassischen jüdischen Quellen und verwendete traditionelle jüdische Begriffe, um seinen philosophischen Ideen Ausdruck zu verleihen und eine neue Vernunftkritik zu entwerfen.« Dadurch geriet er in Konflikt mit den damals vorherrschenden Ideen des Deutschen Idealismus. »In seinem Hauptwerk Der Stern der Erlösung denkt Rosenzweig nicht nur die Grundlagen der westlichen Tradition neu, sondern er denkt sie jüdisch«, bemerkte dazu Goodman-Thau. Das berühmte Rosenzweig-Zitat »Das Jüdische ist meine Methode, nicht mein Gegenstand« bildete denn auch den roten Faden der Beiträge.
»Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Schoa wird es immer deutlicher, dass wir über das jüdische Erbe in Europa nicht mehr allein unter den Stichworten ‚Opfer‘ und ‚Täter‘ reden können, sondern den jüdischen Beitrag zur europäischen Geistesgeschichte weit umfassender bedenken müssen«, resümierte Goodman-Thau. Dass die- ses Erbe eine weltweite Ausstrahlung hatte, davon konnte man sich auf der Konferenz ein beeindruckendes Bild machen. Experten aus Nordamerika, Europa und Israel waren angereist – ein Indiz dafür, dass das »Jüdische Denken« Sinne Rosenzweigs auf enorme Resonanz gestoßen ist und auch in Zukunft im philosophischen Diskurs einen wichtigen Platz einnehmen wird.

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