Pavel Feinstein

Meister der Verfremdung

von Bettina Piper

Er hat eine Schwäche für Tiere. Fische, Affen, Lämmer und das goldene Kalb. Sie gehören bei Pavel Feinstein zum Inventar. Jetzt sind auch noch Bären, Löwen, Antilopen und Nashörner dazugekommen. Gerade hat er ein Buch herausgebracht mit Bleistiftskizzen aus dem Berliner Zoo, die in den Jahren 2002 bis 2007 entstanden sind. »Ich gehe gerne dorthin. Immer, wenn ich im Atelier nicht so recht vorankomme, verlege ich meine Arbeit nach draußen. Das ist für mich Handwerkspflege.«
Aber Pavel Feinstein ist nicht nur Zeichner, sondern auch Maler. Und ein Meister der Verfremdung. Der Künstler schafft eigenartig melancholische Still-leben, auf denen Fische mit weit aufgerissenen Glubschaugen unter Tüchern hervorglotzen, und düstere Figuren-Szenen, denen biblische Geschichten zugrunde liegen. Durch die eigenwillige Komposition der Elemente bricht er in seinen Bildern radikal mit jüdischer Tradition, den Konventionen der Malerei und den Erwartungen der Betrachter.
Seit bald 30 Jahren lebt Feinstein in Berlin. Vor Kurzem hat er sein neues Atelier bezogen. Es liegt im vierten Stock, in einem Hinterhof in der Nassauischen Straße im Stadtteil Wilmersdorf. Früher arbeitete hier einmal George Grosz, bis er 1933 in die USA übersiedelte, noch bevor er in Deutschland als »entartet« verfemt und ausgebürgert wurde. Ein bisschen Stolz ist Feinstein anzumerken, als er auf ein kleines, vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto zeigt, auf dem sein »Kollege« genau in diesem Atelier, an seinem Arbeitsplatz unter dem großen Fenster sitzend, zu erkennen ist. Heute steht vor demselben alten Berliner Heizkörper ein schmales, im Laufe der Jahre etwas durchgesessenes Sofa, ein Schreibtisch im Eck, Bücherregale, ein paar Stühle, ein kleiner Tisch. Rund um die Staffelei die üblichen Malutensilien. Auf dem Boden und an den Wänden reiht sich Leinwand an Leinwand, hintereinander gestapelt und übereinander gehängt – Feinstein, so weit das Auge reicht.
Geboren wurde der Maler 1960 in Moskau. Er wuchs in Duschanbe in Tadschikis-tan auf, wo sein Vater einen Lehrstuhl für Architekturgeschichte übernommen hatte. Schon früh kam er durch das Elternhaus mit Kunst in Berührung, bereits mit 14 Jahren fasste er den Entschluss, Maler zu werden. In Duschanbe besuchte der junge Mann ein Jahr lang die Kunstfachschule, bevor die Familie 1980 nach Berlin ging. Deutschland bot sich an, weil der Vater die Sprache beherrschte. »Im damaligen West-Berlin trafen ungeheuer viele merkwürdige, verrückte Gestalten und die verschiedensten Kulturen aufeinander. Es war irgendwie bunt, großstädtisch, das hat mir gefallen.«
Kaum angekommen, bewarb sich Pavel Feinstein an der Hochschule der Künste und wurde nach bestandener Prüfung aufgenommen. Fünf Jahre hat er dort studiert und ist seitdem als freischaffender Künstler tätig. Seine erste Ausstellung hatte er mit 21 Jahren, in einer kleinen Kreuzberger Galerie. Die bislang umfangreichste Schau mit rund 70 Gemälden war die im Jüdischen Museum Berlin Ende 2002.
Feinstein ist gedanklich blitzschnell, weiß eine Menge über Kunst und Religion und macht gerne Scherze über sich selbst, über die biedere Bürgerlichkeit der anderen, das orthodoxe Judentum, über den Zeitgeist und was ihm sonst noch so einfällt. Eigentlich ist ihm nichts heilig. Mit einem Augenzwinkern sagt er: »Beim Malen ein bisschen Schabernack treiben muss schon erlaubt sein. Oder nicht?« Unerlaubt gibt es für ihn nicht. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, auch über Inhalt. Deshalb lehnt er die Frage strikt ab, warum etwas auf seinen Gemälden so ist, wie es ist. Es ist eben so, dafür sei er Maler und kein Dokumentarfotograf.
Nicht immer macht er sich nur Freunde mit seiner Arbeit. Zum Beispiel seien seine wenig schmeichelhaften Porträts nur etwas für »Liebhaber«, wie Feinstein selbst zugibt. Seine Bilder überraschen, irritieren und schockieren. »Ein Rabbi sagte mir mal, bevor er eines meiner Gemälde kaufen könne, müsse ich den armen Kerlen darauf erst mal was anziehen.« Die Rede ist von der »Jüdischen Reihe«, großformatigen Kompositionen mit nackten oder halbnackten Figuren, die mit der Erinnerung an stereotype Judenbilder spielen. Ausgezehrt wirkende Männer mit schwarzen Hüten und füllige Frauen mit einer Art Turban auf dem Kopf halten Gläser, Becher oder Schalen, Stöcke und waffenähnliche Werkzeuge in Händen und blicken den Betrachter mit gespenstisch geweiteten, manchmal durchbohrenden Augen an.
Was Pavel Feinstein nicht leiden kann, ist Konsequenz oder Programmatik. Die Frage nach Inhalt ist für ihn nur eine sekundäre. Deswegen gibt er den Bildern auch selten Titel, denn die würden in eine bestimmte Richtung weisen.
Dass sie immer wieder mit den Ursprüngen des Judentums zu tun haben, ist augenscheinlich. Schließlich ist Feinstein davon mehr geprägt als durch eine konkrete Vorstellung von Heimat, die es für ihn im wörtlichen Sinne nicht gibt. In Berlin fühlt er sich wohl, versteht sich mehr als deutscher denn als russischer Künstler, aber das Judentum bildet die Konstante in Feinsteins Leben und prägt sein Schaffen und Denken. Dass seine Kinder – vor Kurzem ist er zum dritten Mal Vater geworden – jüdisch erzogen werden, steht für ihn außer Frage. »Was aber nicht bedeuten muss, dass bei uns zu Hause koscher gekocht wird.« So wie er in seinen Bildern alternative Versionen zu bekannten Bibel-szenen bietet, hat er auch im realen Leben eine ungewohnte und nicht uneigenwillige Auslegung des Judentums parat. Es symbolisiert für ihn nicht nur eine Glaubensgemeinschaft, sondern auch ein Gefühl von Volkszugehörigkeit und Kulturbewusstsein, das sich vor allem im Religiösen spiegelt. Deshalb hat Religion seinem Verständnis nach eine zutiefst identitätsstiftende Funktion, so wie auch die eigene Herkunft oder Heimat.
Wenn er mit seinem Sohn die Synagoge besucht, trifft er dort immer auf Freunde und Bekannte, mit denen er sich über die letzten Nachrichten austauschen, die aktuelle Gemeindepolitik besprechen und über die neuesten Witze lachen kann. Pavel Feinstein hält einen Moment inne, nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und blickt unverwandt aus dem Fenster. »Irgendwohin muss man doch gehören.«

Pavel Feinstein, Skizzen aus dem Berliner Zoo 2002-2007, 19,90 Euro, erhältlich in Kirschkerns Bücherei, Hohenzollerndamm 199, Berlin-Wilmersdorf

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