Orient-Fantasien

Levantinische Träume

von Simon Grünewald

»Orient« – diesen Begriff kritisierte der palästinensische Kulturwissenschaftler Edward Said 1978 vehement in seinem Buch Orientalism. Die westlichen Orientwissenschaften, so Said, seien von Anfang an bis heute ideologisch und imperialistisch geprägt gewesen. Was der 2003 verstorbene palästinensische Nationalist Said wohl dazu gesagt hätte, dass ausgerechnet das israelische Nationalmuseum in Jerusalem jetzt sein Buch sozusagen illustriert? Eden – Orient and Occident heißt eine Ausstellung, die bis zum 17. Juni Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und frühe Filme zeigt, die das Panorama westlicher »Orient«-Fantasien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dokumentieren. Es waren, so die Kernthese der von Yigal Zalmona kuratierten Schau, immer Wunschbilder des Westens, Ausgeburten unterbewusster, verdrängter Begierden und Ängste, die auf die ferne Traumlandschaft des Orients projiziert wurden, aber bald ein Eigenleben entwickelten, sodass die Grenzen zwischen der Erforschung des »Exotischen« und dem Ausleben eigener Wunschvorstellungen immer mehr verschwammen.
Ein Paradebeispiel dafür ist der 1926 produzierte Stummfilm Sohn des Scheichs mit Rudolph Valentino, zu sehen in einer Kinonische zu Beginn der Ausstellung. In diesem Celluloidtraum lassen sich europäische Damen in den braun angemalten Armen Rudolf Valentinos genüsslich vergewaltigen und zähmen dann durch ihre schwülstige Verliebtheit den wilden, Turban tragenden Araber. Der Erotik des anziehend-abstoßenden Exoten ist eine ganze Abteilung der Schau gewidmet. Dazu gehört auch das Thema Frauenhandel, ein heute in Israel wieder aktuelles Problem. Durch die romantisch verbrämende Brille des 19. Jahrhunderts wurde Zwangsprostitution zum genüsslichen Kunsterlebnis verarbeitet. Die Plastik Der Sklavenhändler von Amedeo Gennarelli etwa zieht alle Register des Rassismus und bedient gleichzeitig das Klischee der für Geld sexuell verfügbaren Frau. Die 60 cm hohe Bronzefigur zeigt einen schwarzen Sklavenhändler, der unter seinem Mantel zwei Frauenfiguren aus Marmor hervorzaubert. Die Tatsache, dass gleich zwei Maiden angeboten werden, hat wohl mit den weitverbreiteten Haremsfantasien zu tun. Solche Figuren waren um die vorige Jahrhundertwende beliebte Dekorationen für die großbürgerlichen Salons, die diesen ein wenig exotische Pikanterie verleihen sollten.
In der nächsten Abteilung wird der jüdische Blick, der im ausgehenden 19. Jahrhundert schon zionismusschwanger gen Palästina blickte, der Perspektive christlicher Künstler gegenübergestellt. Der jüdische Maler Mauryce Gottlieb aus Galizien stellt in seinem Bild Der junge Jesus im Tempel von 1879 Jesus vor dem Sanhedrin als schwarzhaarigen Jüngling dar, in lebhafter, jedoch keinesfalls feindseliger Diskussion mit anderen Rabbinern. Der christliche Maler Adolf H.G. Schmitz (1825-1894) hingegen zeigt in seinem Ölgemälde Leaving the Temple 1857 Jesus als blond, umgeben von schwarzhaarigen, hakennasigen Juden und deren fettleibigen Frauen mit Damenbart.
Eine weitere Abteilung der Ausstellung kontrastiert die traditionelle Handwerkskunst der seit Jahrtausenden in Palästina lebenden Juden mit kunsthandwerkli- chen Produkten der Bezalel-Schule. Die Bezalel-Akademie, gegründet 1903 von Boris Schatz, war die erste zionistische Kunstakademie und ist noch heute die wichtigste Kunstschule Israels, aus der die meisten zeitgenössischen israelischen Künstler hervorgegangen sind. Die frühen Bezalel-Produkte waren als politische Kunst gedacht. Sie zielten zum einen darauf ab, aktiv gegen das Vorurteil des »unproduktiven, unkreativen Juden« anzugehen. Außerdem sollte der »neue Jude« in Palästina daheim umgeben von jüdischem Kunsthandwerk leben und so den Einklang von Theorie und Praxis des zionistischen Aufbaus verwirklichen.
Eden – Orient and Occident wird vom Publikum wahrscheinlich auf zwei sehr unterschiedliche Weisen wahrgenommen werden. Der kritische Betrachter wird die Realitätsferne in der Darstellung des »Orients« bemerken, wie sie in der von den Kuratoren geschaffenen Gegenüberstellung bewusst gemacht wird. Der unbedarfte Besucher jedoch wird, wie schon der durchschnittliche Kunstkonsument des 19. Jahrhunderts, wohl nur die Schönheit der künstlerischen und kunsthandwerklichen Arbeiten genießen und sich vom alten Geist in den gleichen seichten Traum der Stereotypen entführen lassen.

www.imj.org.il

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