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Letzte Adresse Güntzelstraße

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Forschungsprojekt über Freitod von NS-Opfern soll erweitert werden

von Eva Stern

Auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee wurden zwischen 1938 und 1945 mehr als 1.600 namentlich bekannte Juden beigesetzt, die sich unter dem unerträglichen Druck der Verfolgungen umgebracht hatten. »Solange noch Zeitzeugen Dokumente und Fotos zur Verfügung stellen können, wollen wir daran arbeiten, den Opfern ein Gesicht zu geben«, sagt Herrmann Simon, Direktor des Centrum Judaicum. Mitarbeiterin Anna Fischer ist den Spuren der Toten nachgegangen. Das Projekt wird bis Ende Juni 2006 von der EU finanziert. Nach der großen Resonanz auf Medienberichte bemüht sich die Kunsthistorikerin um eine Verlängerung der Forschungsmöglichkeit, um ein weiteres Kapitel aufzuschlagen: Viele Juden, die zum Christentum konvertiert waren, erlitten das gleiche Schicksal. Ihre Namen finden sich nicht auf jüdischen Friedhöfen, sondern nur vereinzelt in Gedenkbüchern, wie etwa vom Bezirksamt Wilmersdorf herausgegeben. So auch Erich Stern, der 1944 nach Auschwitz deportiert wurde.
Auf dem schwarzen Grabstein im Urnengarten des Parkfriedhofs Lichterfelde sind die Daten der Toten lesbar. Vor 30 Jahren hat Klaus Stern die verwahrloste Grabstätte seiner Großeltern mit dem umgefallenen Stein entdeckt und wieder herrichten lassen. »Dr. Alfred Stern, 10. 10. 1873, und Ella Stern, geb. Silberstein, 15. 12. 1883« steht darauf. Das Sterbedatum der Eheleute ist der 17. Dezember 1941. Daß sie sich das Leben genommen haben, als ihr Abtransport nach Theresienstadt bevorstand, wissen nur noch wenige. Die Familiengräber beider Familien liegen auf dem Jüdischen Friedhof in Breslau nebeneinander. Kindheitserinnerungen an Besuche bei den Großeltern in ihrer Dahlemer Villa standen Klaus, dem Enkel, der 1929 in Breslau geboren worden war, deutlich vor Augen. Auch ein Neffe des Großvaters, der US-Historiker Fritz Stern, erinnert sich an Besuche bei den Verwandten. Er wurde 1926 in Breslau geboren und lebte dort mit seinen Eltern, bevor sie in die USA emigrierten.
Den Namen seines Vaters Erich ließ Klaus Stern auf den Grabstein zu denen von Eltern und Schwester schreiben. Geboren worden war Erich als Sohn von Alfred und Ella am 19.3.1905 in der Fasanenstraße 58, getauft in der Evangelischen Gemeinde zu Deutsch-Wilmersdorf, ermordet kurz vor Kriegsende in Auschwitz. Bis zur Scheidung seiner Ehe mit Margot Stern, geborene Schulze, im September 1942 war Erich noch geschützt. Nach einem Fluchtversuch kehrte er kurz vor der belgische Grenze um nach Berlin, wo er untertauchte. Auf einer Ansichtskarte schrieb er einen Gruß an den 13jährigen Klaus, »zur Erinnerung an Ostern 43«. Erich Stern wurde bei einem Treffen mit anderen »U-Booten« bei »Aschinger« am Zoo erkannt und verraten. Seine letzte Berliner Adresse steht im Gedenkbuch für die Juden in Wilmersdorf unter Güntzelstraße 45.

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