Ecuador

Leidenschaft und Leinwand

von Hans-Ulrich Dillmann

»Natürlich schlägt mein Herz für Ecuador, das Land, das uns in der Not und als Verfolgte aufgenommen hat«, sagt Alfredo Baier. »Trotzdem wünsche ich mir ein schönes und vor allem faires Spiel, wenn es gegen Deutschland geht.« Die Vorrundenspiele seines Anden-Landes gegen Costa Rica und Polen wird Baier vor dem heimischen Fernseher zusammen mit seinem Enkel Mauricio Arocha anschauen. Der 18jährige spielt in seiner Freizeit Fußball und möchte nach dem Abitur Sportjournalistik studieren. Nach dem Eröffnungsspiel und der Übertragung der Be- gegnung zwischen Polen und Ecuador am gleichen Tag in Gelsenkirchen wird Baier mit der Familie zum Gottesdienst fahren. »Wir gehen fast jeden Freitagabend in die Synagoge«, sagt der 76jährige. Trotz seines Alters hat er sich noch nicht in den Ruhestand zurückgezogen. Der Agraringenieur ist Inhaber einer Firma, die Landwirte mit Samen, Pflanzen und Dünger versorgt. »Das hält mich jung«, sagt er.
Baier wurde in Papenburg geboren. Als er neun Jahre alt war, flohen seine Eltern aus Deutschland in das Land, durch das sich der Äquator zieht. Alfred, wie er damals gerufen wurde, hat als Kind selbst Fußball gespielt – bis keiner mehr mit den Jungen aus dem jüdischen Sportverein spielen durfte. »Aber ich habe keinen Haß«, sagt er. Nach 1945 kehrte er sogar kurzzeitig zurück, um in Kiel Landwirtschaft zu studieren. »Aber ich fühle mich schon längst als Ecuadorianer«, sagt der Agronom.
Die Synagoge, in der Baier betet, liegt auf der Panamericana, knapp acht Kilometer von jenem Punkt entfernt, an dem der südliche und der nördliche Teil des Erdballs durch den Äquator getrennt wird, markiert durch eine Betonweltkugel und einen gelben Strich über der Fahrbahn.
Arkaden spenden Schatten. Einen schönen Blick über baumbewachsene Hügel hat man vom jüdischen Gemeindezentrum aus. Das 18.000 Quadratmeter große Gelände ist von der Straße nicht einsehbar. Es bietet nicht nur Platz für die Synagoge, sondern auch für eine kleine Religionsschule und eine Mikwe. Und es gibt Tennisplätze, Sauna, Swimmingpool und ein Fitneßzentrum.
»Die Bau wurde durch Spenden unserer Mitglieder finanziert«, sagt Paul Rozenberg, der Präsident der Asociación Israelita de Quito (AIQ), der Israelitischen Vereinigung von Quito. Wie in vielen Ländern Latein- und Zentralamerikas sind die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft des Landes in den 20er und 30er Jahren eingewandert. »Die meisten sind aschkenasische Juden, unsere Gemeinde ist konservativ«, sagt Rozenberg. Nach 1945 betrug die Zahl der Juden in Ecuador mehr als 2.000. In Guayaquil gab es, bevor die Flüchtlinge aus Europa kamen, keine jüdische Gemeinschaft. Heute findet sich in der Zwei-Millionen-Stadt die zweite Synagoge des Landes. In den vergangenen Jahren haben die beiden Gemeinden einen kleinen Aufschwung erlebt, durch den Zuzug von Israelis, aber auch aus anderen Ländern Lateinamerikas, nachdem dort die Wirtschaftskrise Arbeitslosigkeit verursachte. Etwa 1.000 Juden leben heute in Ecuador.
Ganzer Stolz der Gemeinschaft ist das »Colegio Experimental Alberto Einstein«. Die experimentelle Privatschule besteht seit 1973. »Zwar kommen nur noch etwa zehn Prozent der 600 Schülerinnen und Schüler aus jüdischen Familien«, sagt Rozenberg, »aber alle lernen Hebräisch und jüdische Geschichte.« Dem AIQ-Präsidenten bereitet allerdings der Altersdurchschnitt der Gemeindemitglieder Sorge: »Wir sind eine Gemeinschaft von Älteren. Viele der Jugendlichen, die das Abitur bestanden haben, ge- hen zum Studium ins Ausland. Danach kehren sie nicht zurück.«
Aber jetzt geht es um Fußball! Pläne für ein mögliches Weiterkommen der Mannschaft bei der WM in Deutschland sind in der Gemeinde schon gemacht. Schließlich sind die rund zwölf Millionen Einwohner des Landes bekanntermaßen Fußballfans. »Wir sind da keine Ausnahme«, versichert Alberto Baier. Im Gegenteil: Namhafte Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft haben sich im Fußball Ecuadors engagiert. »Tommy Schwarzkopf hat jahrelang Deportivo Quito geführt, und Pedro Steiner hat sein Amt als Präsident der Asociación Israelita de Quito jahrelang gut mit seinem Engagement im Profifußball vereinbaren können«, berichtet Baier.
Wenn Ecuador weiterkommt, werden die Spiele auf der Großleinwand im Gemeindezentrum ausgestrahlt. Möglicherweise wird Baier dann Enrique Heller sehen können. Der Inhaber einiger Schnell- restaurants wird mit vier Freunden zur Weltmeisterschaft nach Deutschland fliegen. »Zwei sind Juden, zwei nicht«, sagt Heller. »Aber das spielt für uns keine Rolle. Uns eint die Freundschaft und die Fußballeidenschaft.«

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