Melbourne

Latkes, Eis und Barbecue

von Hannah Miska

Der Sportplatz von Caulfield hat sich in einen Vergnügungspark verwandelt. Auf dem Grill brutzeln Hühnchenfilets, daneben duftet es nach frischgebackenen Latkes und Ponchkis, den polnischen Sufganiot. Kinder lärmen und flitzen vom Karussell zur Riesenrutschbahn, kriechen durch den langen Erdwurm-Plastiktunnel, streicheln Kaninchen, Enten und Ziegen in einem kleinen Wanderzoo. Hier in Caulfield, dem Herzen der jüdischen Gemeinde Melbournes, wird an diesem Sonntagnachmittag und -abend das sechste Chanukkalicht entzüdet. Die Mittagswolken haben sich verzogen, es sind keine brütenden 35 Grad mehr wie noch vor ein paar Tagen, der Himmel ist blau – ein schöner Sommertag.
Ringsum sind Zelte aufgebaut: In dem einen werden Sportmützen und Schweißbänder für den MDA-Ambulanzdienst in Israel verkauft, in einem anderen informiert eine Firma über die Möglichkeit, israelische Fernsehprogramme via Satellit zu empfangen, anderswo werden jüdische Workshops und Schabbatons für Frauen angeboten, und ein Telefonberatungsdienst der Gemeinde stellt sich vor. An einem Stand verkauft ein Kunsthändler Federzeichnungen und Aquarelle aus Israel. Er kam vor 20 Jahren aus Europa, weil er hier in Australien eine Marktlücke für jüdische Malerei entdeckte. Über Lautsprecher ertönt die Erkennungsmelodie von SBS Radio, Australiens Multikultisender, und die Ansage: »Sie hören SBS Radio, die vielen Stimmen Australiens, auf Hebräisch und Englisch.« Der Funkwagen von SBS ist der Renner für die Kinder. Jeder kann vors Mikrofon, Quizfragen beantworten, ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen. Gerade wünscht ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, der Festgemeinde in druckreifer Rede einen glücklichen sechsten Chanukka-Abend und zwei verbleibende, ebenso glückliche Chanukkatage.
Es weht eine frische Brise, der Wind kommt von Süden, aus der Antarktis. Das bedeutet, der Abend wird kühl. Aber während man in Deutschland jetzt dringend einen Glühwein bräuch- te, hat hier Groß und Klein eine Eiswaffel in der Hand. Auf der Bühne spielt die »Schnapps Band« bekannte jüdische Lieder. Die Musik ist rhythmisch, man wippt im Takt.
Der Platz füllt sich zusehends, vor der Bühne sind über 500 Stühle aufgestellt, alle sind inzwischen besetzt. Alle wollen dabei sein, wenn bei Einbruch der Dämmerung sechs Lichter der etwa zehn Meter hohen Chanukkia angezündet werden. Ein Rabbi begrüßt die Menschen, er spricht auch ein paar Worte Russisch für die vielen anwesenden Russen. Der gerade wiedergewählte Abgeordnete aus dem Wahlkreis, selbst Jude, hebt hervor, wie gut es sich anfühlt, dass man in Australien öffentlich und mit Stolz ein jüdisches Fest feiern kann, und dass sich auch Nichtjuden dazugesellen.
Aber die Stimmung ist nicht nach langen Reden, es ist kurz vor neun und man ist voller Erwartung. Melbournes jüdischer Männerchor erklimmt die Bühne, und während die Sänger hinreißend schön Maos Zur singen, werden von einer Hebebühne aus die sechs Lichter angezündet. Kurz darauf beginnt ein Feuerwerk.
Am letzten Abend des Lichterfests steigt eine riesige Open-Air-Chanukka-Party mitten in Melbourne. Dort steht die größte Gas-Menora der südlichen Hemisphäre, es spricht John So, der Oberbürgermeister der australischen Metropole, und es gibt Klesmer, jüdischen Punkrock, Komödianten und Kinderprogramme. 4.000 Besucher mit unterschiedlichem ethnischen und religiösen Hintergrund feiern gemeinsam das jüdische Fest. Yidcore Punkrocker Bram Presser schmunzelt: »Es gibt nichts Schöneres, als asiatische Touristen zu sehen, die im Takt zu hebräischen Liedern klatschen.«
Rabbi Fred Morgan, ein Amerikaner, der lange in England gelebt hat, kann sich an das Chanukkafest in Australien nicht so recht gewöhnen. Er schüttelt den Kopf und sagt: »Das Chanukkalicht ist doch auch ein Symbol der Wärme in Zeiten der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. In einem kalten europäischen Winter empfindet man das stärker als hier. Chanukka ist hier nicht das Gleiche wie in England.« Doch für die Juden Australiens ist es das, was es immer war: Chanukka im Sommer.

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