Plastikgeschirr

Kleines Besteck, große Wirkung

von Jonathan Rosenblum

Plastik verrottet nicht. Wenn unser unge-hemmter Verbrauch – zum Beispiel bei Tellern, Bechern und Besteck – so weitergeht, wird unser Planet eines Tages im Plastik versinken. Dass es sehr praktisch ist, Einweggeschirr zu benutzen, liegt auf der Hand. Plastik heißt: kein von schmutzigem Geschirr überquellendes Spülbecken, kein Gestreite, wer mit dem Abwaschen dran ist. Gegen die Bequemlichkeit steht die Wirkung, die eine Änderung in unserem Verhalten vielleicht hat.
Hier begegnet uns ein altes Paradox der Moralphilosophie, bekannt als Allmendeproblematik. Angenommen, eine Anzahl von Schäfern teilt sich ein Stück gemeinsames Weideland. Jeder einzelne Schäfer hat ein Interesse daran, seine Herde zu vergrößern. Aber wenn alle Schäfer diese Strategie verfolgen, wird das gemeinsame Weideland bald erschöpft sein, was für alle ein Unglück ist.
Noch ein Beispiel: Die vernünftigste Strategie für ein einzelnes Elternpaar wäre, sein Kind nicht impfen zu lassen, da es so gegen die geringe Gefahr einer negativen Reaktion auf die Impfung geschützt werden kann. Doch das stimmt nur so lange, wie alle anderen Eltern ihre Kinder weiterhin impfen lassen. Kämen alle El-
tern zu dem gleichen Schluss und ließen ihre Kinder nicht impfen, würden Pocken und Keuchhusten bald zurück sein und für jedes Kind eine weit größere Gefährdung darstellen. Kurzum: Wenn jeder Mensch sein eigenes vernünftiges kurz-
fristiges Interesse verfolgt, kann das dazu führen, dass es auf lange Frist für alle ein großes Unglück geben wird.
Umweltbewusstsein genießt in der charedischen (jüdisch-ultraorthodoxen) Bildung noch immer keine sehr hohe Priorität. Zum Teil liegt dies an der Ideologie, die die weltliche Ökobewegung so sehr durchdringt, und dem ausgemachten Un-
sinn, der im Namen des Umweltschutzes verzapft wird. Gleichzeitig legt uns die Tora die Verpflichtung auf, Beschützer von Haschems Welt zu sein: »Als der Ewige den Adam Harischon schuf, nahm Er ihn und zeigte ihm alle Bäume in Gan Eden und sagte zu ihm: ‚Siehe meine Werke, wie wohltuend und schön sie sind ... Sorge dafür, dass du Meine Welt nicht verwüs-test und zerstörst, denn wenn du sie verwüstest, wird keiner sie nach dir wiederherstellen‘« (Koheles Rabba, 91 [13]).
Ein vor Kurzem erschienener Band mit dem Titel Hasviva B’halacha Ve’machshava, veröffentlicht von der Umweltorga-
nisation »Sviva Israel«, zeigt, dass die halachische Literatur ökologische Probleme ausführlich behandelt. Die größten der Poskim (Rechtsgelehrter, der über die halachische Gesetzgebung entscheidet) rangen mit Fragen wie der, ob und unter welchen Bedingungen man einen Baum ab-
holzen darf. Der Chatam Sofer (Raw Moshe Sofer, 1762-1838) zum Beispiel plädierte deutlich für die Erhaltung von Naturressourcen, etwa Bäumen, selbst wenn das bedeutet, dass man sie entwurzelt und anderswo wieder einpflanzt.
Neben den rein halachischen Erwägungen gehört eine ernsthafte Beschäftigung mit der Frage, wie sich unser Tun in der Zukunft auf die Umwelt auswirkt, ohne Wenn und Aber zu einer gerechten Weltsicht im Sinne der Tora. Als gläubige Ju-
den, die sich nicht nur um die kommende Welt, sondern auch um die Welt, die wir unseren Kinder hinterlassen, Gedanken machen, blicken wir in die Zukunft.
Rabbi Moshe Sherer (1921-1998) pflegte darauf hinzuweisen, dass das Wort »Metzachek« im Präsens (Raschi zu Bereishis 21:9) auf die sieben Todsünden anspielt. Das Futur des gleichen Wortstamms bildet aber den Namen von Yitz-
chak. Unseren Kindern beizubringen, sich um die Zukunft Gedanken zu machen, ist also Teil einer wahren Toraerziehung. Nicht zufällig wurde Rabbi Moshe Gafni vom Vereinigten Torajudentum zum um-
weltbewusstesten Mitglied der Knesset gewählt. Grünes Denken erlaubt es auch, die kumulative Wirkung zu erkennen, die viele kleine Handlungen haben können – zum Guten oder zum Bösen. Wenn »Sviva Israel« an charedischen Schulen Vorträge hält, sind die Kinder hin- und hergerissen, wenn sie erfahren, wie groß der Umwelt- »Fußabdruck« eines jeden von uns ist. Zu lernen, die kumulative Wirkung kleiner Taten zu bedenken, hat sowohl banale als auch erhabene Folgen.
Jeder, der jemals einen Überziehungskredit abgestottert oder fünf Kilo Übergewicht heruntergehungert hat, weiß, dass ein solcher Prozess aus Dutzenden kleinen Entscheidungen besteht: dem Drängeln ei-
nes Teenagers, der unbedingt ein Handy kaufen will, zu widerstehen. Den Zigarettenkonsum zu reduzieren. Auf eine Flasche Limonade auf dem Schabbattisch zu verzichten. Oder eben das Geschirr zu spülen, statt Plastikgeschirr zu verwenden.
Und so geht es mit allen Verbesserungen in unseren Middot (Charaktereigenschaften). Tausendmal in die Tasche zu greifen, um einer ausgestreckten Hand zu geben, schreibt Rambam, trägt viel mehr dazu bei, aus einem Menschen einen Geber zu machen, als einen Scheck über die gleiche Summe auszustellen. Auf ähnliche Weise wird darauf verwiesen, dass die spirituelle Alija nicht in großen Sprüngen, sondern in kleinen Schritten geschehen muss.
Der Schlüssel zu der Frage, wie lebendig wir als gläubige Juden sind, liegt in der Bedeutung, die wir den gewöhnlichsten, sich täglich wiederholenden Tätigkeiten beimessen – jeder Bracha und der ein-
fachsten Mizwa. Wie Rabbi Chaim Volozhin (1749-1821) betonte, haben selbst klitze-kleine Taten das Potenzial, Pipelines für den göttlichen Segen zu öffnen – oder das Gegenteil zu bewirken. Unser Bewusstsein dafür zu schärfen, welche Bedeutung scheinbar winzig kleine Taten haben, ist dann nicht nur wichtig für die Ökologie der Natur, sondern ebenso wichtig für un-
sere eigene spirituelle Ökologie.
Heißt das nun, dass die Familie Rosenblum nie mehr Plastikgeschirr verwenden wird? Nicht ganz. Wie es in einem Beitrag in Hasviva B’halacha Ve’machshava heißt: Es mag sein, dass der Verzicht auf Plastikgeschirr gut für die Umwelt ist, für deine Ehe aber könnte es sich als fatal erweisen. Dennoch hoffe ich, dass jetzt ein paar Teller mehr abgewaschen werden und dabei natürlich zwischen jedem Teil der Wasserhahn zugedreht wird – selbst wenn ich derjenige bin, der mit dem Geschirrspülen dran ist.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.jewishmediaresources.org

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026