Berlin

Kleine Welt in der großen Stadt

von Helmut Kuhn

Das große Lagerfeuer zu Lag BaOmer
musste leider ausbleiben: Das verboten die Ordnungshüter im Mauerpark am Prenzlauer Berg, wo sich jüdische Studenten aus ganz Europa getroffen hatten, den Feiertag mit Liedern und »Bonfire« zu begehen. So blieb es zwar beim Grillen, doch der Stimmung tat das keinen Abbruch. Die jüdi-schen Lieder rissen auch so alle mit.
Insgesamt 63 Studenten und junge Menschen aus Schweden, der Ukraine, Russland, der Schweiz, Finnland, Frankreich, Ungarn und aus ganz Deutschland waren nach Berlin gekommen, um an einem viertägigen Seminar der israelischen Hagshama (hebr.: Verwirklichung, Ausführung) teilzunehmen. Hagshama ist Teil der World Zionist Organization und hat sich zum Ziel gesetzt, junge Juden zwischen 18 und 30 Jahren zusammenzubringen, »damit sie erfahren, dass sie Teil einer großen, weltweiten Gemeinde sind«, sagte Ilan Roth, der die Hagshama-Delegation leitete.
»Wir wollen euch nicht bekehren oder zum orthodoxen Judentum überreden. Manche von euch sind liberal, manche konservativ, manche kennen ihre Religion gar nicht. Wir wollen, dass ihr euch mit eurer jüdischen Identität auseinandersetzt und versteht, dass ihr Teil eines wunderbaren Ganzen seid«, erklärte Roth den Studenten. Über die internationalen Seminare sollen die jungen Leute zur Verantwortung in einer jüdischen Gemeinde und gegenüber Israel herangeführt werden. »Organisiert euch, tut etwas, dabei werden wir euch immer unterstützen«, versprach Roth.
Am Donnerstag checkten die Studenten in ein Hostel am Prenzlauer Berg ein, am Abend ging es gleich zum Mauerpark. Am Freitag besichtigte die Gruppe jüdische Orte in Berlin, die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße und den Friedhof an der Schönhauser Allee. Am Nachmittag wie am Schabbat blieben alle nach der koscheren Mahlzeit im Restaurant Rado an den Tischen und folgten den Seminaren. Darin ging es vor allem um die gegenwärtige Situation in Israel und die 60-jährige Geschichte des Landes.
Der Höhepunkt des Seminars aber war am Abend das Konzert und die anschließende Party »Sabbaba« mit drei Sängern des israelischen Songwettbewerbs Kochav Nolad. Um 22.10 Uhr endete der Schabbat, um 22.20 brachte ein Bus die Partygänger in den neuen Club Noir am Kudamm. Zwei der Stars sind Gewinner des »Israeli Idol«, dem Pendant des Sängercontests »Deutschland sucht den Superstar«. Ihre verschiedenen Ethnien spiegeln die Vielfalt Israels: Die Sängerin Israela stammt aus Äthiopien, Boris ist russischer Jude und Hanan Lela ist in Israel geboren.
Rund 400 Besucher sind zu dem Konzert gekommen. Kaum treten die israelischen Idole auf, fangen alle an zu tanzen und zu singen. »Das ist doch fantastisch«, sagt Avi Toubiana, der das Event von deutscher Seite her organisierte. »Die haben mit ihrer Show die ganze Party zum Rocken gebracht.« Bis vier Uhr dauerte der Spaß. Am Sonntag spielte Kochav Nolad in Chemnitz, am Montag in Köln und Dienstag in Dortmund.
Die jüdische Welt aber sei letztlich doch eine sehr kleine, meint Avi Toubiana. »In Deutschland kennen wir uns fast alle von den Machanot. Über die Summer-University und die Treffen der Hagshama kenne ich Leute in ganz Europa. Wenn ich nach Schweden oder Istanbul oder nach Spanien reisen will, habe ich dort Freunde und Bekannte.«
Der Sohn israelischer Eltern wuchs in Düsseldorf auf und lebt heute am Prenzlauer Berg, »wo es eine stetig wachsende israelische Gemeinde aus Künstlern, Studenten und jüngen Leuten gibt«. Er ist Schauspieler und organisiert mit seiner Firma JC-life jüdische Caterings. »Es geht bei den Hagshama-Seminaren vor allem um Leute, die noch nicht so fest in ihrer Religion sind. Und indirekt ist das natürlich auch ein Heiratsmarkt«, so Toubiana.
»Ich finde das Seminar in Berlin sehr hilfreich. Es ist toll, jüdische Studenten aus anderen Ländern kennenzulernen«, sagt Alina Polak, 31. Sie stammt aus der Ukraine, studierte Amerikanistik, Judaistik und Slawistik, schreibt gerade ihre Magisterarbeit über jüdisch-amerkanische Literatur und lebt in Frankfurt am Main. Aber sie erinnert sich noch gut an ihre Zeit als »Kontingent-Flüchtling« in einem kleinen sächsischen Dorf: »Da ist man als Jüdin völlig isoliert, wie auf einem anderen Planeten.«
Ähnlich erging es ihrer Freundin Marina Lebenson, 29. Sie kommt aus Russland und ist heute Konzertpianistin in Frankfurt. Sie freute sich allein schon über die Reise nach Berlin. Gerade 80 Euro Eigenbeitrag kostete der Trip, den Rest sponserte Hagshama. »Eine wirklich aufregende Stadt«, sagt Marina.

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