Anne Frank

Klärchen und Kitty

von Kathrin Baumhöfer

Das Tagebuch der Anne Frank ist eines der eindrücklichsten Zeugnisse der Schoa. Die Aufzeichnungen über Verfolgung, Versteck und Verrat lassen den Leser auch teilhaben an der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Mädchens, bei der Bücher eine zentrale Rolle spielen. In ihrem Tagebucheintrag vom 11. Juli 1943 schreibt die damals 14-Jährige wie immer an ihre imaginäre Freundin Kitty: »Wir warten auf die Bücher ... wie kleine Kinder, die wissen, dass ein Geschenk in Aussicht ist. Menschen, die ein normales Leben führen, können nicht ermessen, was Bücher für uns Eingeschlossene bedeuten.«
Eine Ausstellung in der Amsterdamer Stadtbibliothek zeigt jetzt die Bücher, die Anne Frank im Versteck gelesen hat. Gelesen wurde viel im Hinterhaus der Prinsengracht 263, wo tagsüber jedes Geräusch, das lauter war als das Umblättern einer Seite, die Untergetauchten hätte verraten könnte. Miep Gies, eine der Helferinnen, die die Franks und die anderen versteckten Juden regelmäßig mit dem Nötigsten versorgte, brachte ihnen wöchentlich fünf Bücher aus der Leihbibliothek mit. Anne las zunächst Jugendbücher ihrer Lieblingsautorin Cissy van Marxveldt. Ihrer besten Freundin Jaqueline van Maarsen fiel bei der Lektüre von Annes Aufzeichnungen später auf, dass sie »lauter Briefe geschrieben hatte, so wie sie bei Cissy van Marxveldt vorkommen – und die Adressatinnen dieser Briefe waren allesamt Figuren aus diesen Büchern! Sie hatte aus ihnen ihre eigenen Fantasie-Freundinnen gemacht.« Auch eine »Kitty« gibt es bei van Marxveldt. Jaqueline van Maarsen hat keinen Zweifel, dass es diese Kitty war, und nicht ein Nachbarmädchen gleichen Namens, an die das Tagebuch adressiert ist.
In ihrem Versteck las Anne Frank bald nicht mehr nur Jugendliteratur, sondern auch »Erwachsenenbücher« wie Nico van Suchtelens Evas Jugend, über das sie etwas enttäuscht notierte: »Einen großen Unterschied gegen die Mädchenbücher kann ich eigentlich nicht finden.« Am selben Tag schreibt sie in ihr Tagebuch: »Vater hat die Dramen von Goethe und Schiller aus dem Schrank geholt und will nun jeden Abend vorlesen.« Das Mädchen findet Gefallen an den deutschen Klassikern. In einem »Buch der schönen Sätze« notiert sie ganze Passagen wie Klärchens Lied aus Goethes Egmont und zitiert sie später in ihrem Tagebuch: »,Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt!‘ Himmelhochjauchzend bin ich, wenn ich daran denke, wie gut wir es hier haben, besonders im Vergleich zu anderen jüdischen Menschen. ‚Zu Tode betrübt‘ … ja, es überfällt mich, wenn ich höre, wie das Leben draußen weitergeht.«
Die Ausstellung zeigt auch andere Lektüre Anne Franks, etwa Biografien Kaiser Karls V., Franz Liszts und Galileo Galileis. Die Wissenschaftlerin Sylvia Patterson Iskander, die den autobiografischen Stil Anne Franks näher untersucht hat, glaubt, dass die Tagebuchautorin ihre lebendigen Beschreibungen des Alltagslebens, ihre Selbstreflexion und ihre Selbsterkenntnis anhand dieser und anderer Bücher verfeinert hat – immer vor dem Hintergrund, selbst Schriftstellerin zu werden.
Als am 28. März 1944 der niederländische Exilsender Radio Oranje dazu aufruft, Dokumente aus der Kriegszeit aufzubewahren, beschließt Anne Frank, ihre Tagebuchnotizen zur Grundlage eines Romans zu machen, den sie nach dem Krieg unter dem Titel »Het Achterhuis« – Das Hinterhaus – veröffentlichen will. Sie be-ginnt mit der redigierten Abschrift ihrer Aufzeichnungen, notiert Namensänderungen für die Personen und schreibt: »… in meinem Kopf ist es schon so weit fertig, wie es fertig sein kann, aber in Wirklichkeit wird es wohl viel weniger schnell gehen, wenn es überhaupt jemals fertig wird.« Tatsächlich wird die Arbeit nie vollendet: Acht Monate vor Kriegsende wird das Versteck der Franks verraten. Anne kommt nach Auschwitz, von dort nach Bergen-Belsen, wo sie kurz vor der Befreiung im März 1945 an Typhus stirbt. Ihr Vater Otto überlebt und bringt 1947 die Aufzeichnungen seiner Tochter heraus. Bis heute wurde das Tagebuch der Anne Frank in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt und mehr als fünfzehn Millionen Mal verkauft.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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