»Sklaverei

Keine Macht dem Pharao

von Rabbiner Baruch Rabinowitz

Im Wochenabschnitt Waera erfahren wir, wie die Geschichte des Exodus weitergeht. Moses ist in Ägypten. Er hat es gerade geschafft, sein Volk zu überzeugen, daß der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ihm sich tatsächlich offenbart hat. Die Befreiung und Rückkehr in das Gelobte Land, auf die sie Jahrhunderte lang gewartet hatten, sei endlich gekommen. Die Sklaverei ist endlich zu Ende. Aber etwas ging schief. Als Moses die Forderung Gottes überbringt, das Volk Israel freizulassen, antwortete der Pharao mit noch größerer Unterdrückung. Sein Volk glaubt ihm nicht mehr: statt versprochener Befreiung noch mehr Leid.
Im 2. Buch Moses (6,9) lesen wir: »So redete Moses zu den Israeliten. Sie aber hörten nicht auf ihn, weil sie vor harter Arbeit verzagten.« Pharao hört ebenfalls nicht auf Moses, weil Gott das Herz Pharaos verhärtet hatte. »Ich aber will das Herz des Pharao verhärten, und dann werde ich meine Zeichen und Wunder in Ägypten häufen. Der Pharao wird nicht auf euch hören. Deshalb werde ich meine Hand auf Ägypten legen und unter gewaltigem Strafgericht meine Scharen, mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führen« (2. Buch Moses 7, 3-4).
Diese Geschichte ruft einige Fragen hervor. Moses steht zwischen zwei Feuern. Egal was er tut, es erscheint aussichtslos. Warum sollte Moses überhaupt zu dem Pharao reden, wenn es von vornherein bestimmt war, daß der auf ihn nicht hören wird? Warum sollte er seinem Volk als Feind erscheinen, der mit seiner Offenbarung die Lage noch schmerzlicher macht? Die weiteren Kapitel beschreiben die Plagen, die das Land befielen und fast völlig zerstörten und am Ende den Pharao dazu zwangen, das Volk Israel freizulassen. Aber war der Pharao daran schuld, daß Gott sein Herz verhärtet und seine Augen geblendet hat, so daß er den Untergang seines Landes und Gottes Zeichen gar nicht gesehen hat? Und was war das größere Wunder – die Plagen oder die Blindheit des Pharaos?
Antworten auf diese Fragen können wir am besten im Blick auf unser eigenes Leben finden. Die Geschichte des Exodus ist zeitlos. Sie ist für jede einzelne Generation des jüdischen Volkes und für jeden einzelnen Menschen aktuell, nämlich als Prozeß der Befreiung aus unserer persönlichen Sklaverei. Ägypten auf hebräisch ist Mizraim. Mit anderen Vokalen gelesen, ergibt das mi zarim, was »aus der Enge« bedeutet. Moses’ Ruf an Israel ist die Stimme, die auch uns ruft, unsere eigene Enge zu verlassen und uns für eine abenteuerliche geistige Tora-Reise zu entscheiden. Es sind unsere Visionen und Träumen, die auf Verwirklichung warten. Auch wenn die ganze Welt sich gegen uns stellt, um uns das Gegenteil zu beweisen, steht unser Moses fest mit vollem Vertrauen in Gott, der sein Wort immer halten wird.
Nicht alle Israeliten wollten mit Moses gehen. Viele fanden ihr Leben in Knechtschaft ganz toll. Die Kommentare sagen, daß nur 50 Prozent (oder sogar nur fünf Prozent) der Israeliten sich entschieden haben, Ägypten zu verlassen. Die Entscheidung heute wie damals liegt bei jedem ganz persönlich. Der Mensch kann in der Sklaverei bleiben, von seinen Trieben, Launen und Wünschen abhängig und kontrolliert. Er kann sich aber auch einzig und allein in die Abhängigkeit von Gott begeben und damit von allem anderen frei werden. Wie es unsere Weisen gesagt haben: »Die meisten Dinge sind gute Diener, aber schlechte Herren.«
Die Plagen Gottes sind die Zeichen, die in unserer Umgebung und in uns selbst immer geschehen und uns auffordern, unser Leben zu überprüfen und umzukehren. So wie Naturkatastrophen in der letzten Zeit kräftige Zeichen sind, die uns warnen und aufrufen, unsere Lebensweise bewußt ökologisch und naturfreundlich zu gestalten. Die Tora lehrt, wie sorgfältig und liebevoll die Menschen mit der Umwelt umgehen sollen. Die kleinen »Katastrophen« oder »Plagen« in uns selbst sind vielleicht die Zeichen, daß wir auf unsere geistige und körperliche Gesundheit mehr Acht geben sollten.
Und der Pharao ist manchmal der Mensch selbst, die Umgebung, oder manchmal die Umstände, die verhärtet werden, um unseren Willen zu stärken und uns zu prüfen. Über den Pharao sich zu ärgern, macht ja keinen Sinn. Gott hat sein Herz verhärtet und ihn bloß als Werkzeug benutzt, um ein höheres Ziel zu erreichen.
Unser Wochenabschnitt lehrt uns, die Stimme unseres persönlichen Moses zu hören, der uns eine neue Offenbarung unseres Gottes bringt und uns auffordert zusammen mit ihm jeden Tag einen weiteren Schritt auf dem Weg aus unserer persönlichen Sklaverei zu machen.
Unsere Augen für Gottes Zeichen und Wunder zu öffnen und insbesondere die großen, globalen Zeichen, wie zum Beispiel die Schreie der Natur, nicht zu übersehen. Sie betreffen uns genau so persönlich wie alle anderen.
Und wir sollen uns erinnern, daß die Pharaonen, die wir im Leben treffen, nur Werkzeuge Gottes sind, um Ziele mit uns zu erreichen, die sich in diesem Moment unserem Blick vielleicht noch entziehen.

Waera: 2. Buch Moses 6,2 bis 9,35

In eigener Sache

Volontär/in gesucht

Wir suchen zum 15. Oktober 2026 einen Volontär (m/w/d) in Vollzeit

 06.07.2026

Holzstörche zur Geburt in Niederösterreich. Noch immer werden neben den klassischen Namen viele biblische Namen den Kindern gegeben.

Statistik

Diese hebräischen Vornamen in Österreich sind am beliebtesten

Österreichische Eltern wählen gern Klassiker. Unter den Top Ten sind auch viele Namen biblischen Ursprungs

von Nicole Dreyfus  04.07.2026

Bundesamt für Statistik

Dieser hebräische Vorname ist am beliebtesten bei Schweizer Eltern

Auch in der Schweiz wählen Eltern weiterhin häufig biblische Namen für ihr Neugeborenes

von Nicole Dreyfus  04.07.2026 Aktualisiert

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 04.07.2026 Aktualisiert

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026