Georgien-Konflikt

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von Christian Jahn

Eti Batschakaschwili ist enttäuscht von den großen jüdischen Organisationen in Russland. »In so einer Situation müssen alle Juden zusammenhalten, egal wo sie leben, in Russland, in Georgien, in Israel oder sonst wo in der Welt«, ist die Sekretärin der jüdischen Gemeinde in der georgischen Hauptstadt Tiflis überzeugt.
Von den jüdischen Organisationen in Russland sei bisher weder materielle noch moralische Unterstützung in Tiflis angekommen. »Kein einziger Anruf hat uns aus Russland erreicht«, sagt Batschakaschwili ausdruckslos in den Telefonhörer. Warum diese Zurückhaltung? Aus Angst, mutmaßt sie. Aus Angst vor dem Unmut der politischen Führung in Moskau.
Tatsächlich halten sich die jüdischen Großorganisationen in Russland mit öffentlichen Stellungnahmen zurück. Keinerlei Solidaritätsbekundungen für die eine oder andere Konfliktpartei in der russischen Presse. Keinerlei Verlautbarungen auf den Webseiten der Organisationen.
»Wenn wir tatsächlich Angst vor der Putin-Administration hätten, dann hätten wir längst eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der wir deren Kurs unterstützen«, erklärt ein Mitarbeiter des Russischen Jüdischen Kongresses (Rossijskij Evrejskij Kongres, REK). Für vorauseilende Loyalität gebe es keinen Grund, so der Mann, der seine Aussage für den Druck freigibt, jedoch namentlich nicht genannt werden will.
Der Kongress habe deshalb noch keine offizielle Stellungnahme abgegeben, weil die Situation auch jetzt noch zu unübersichtlich sei, erklärt er gut eine Woche, nachdem der georgische Präsident Michail Saakaschwili am 11. August ein Waffenstillstandsangebot unterzeichnet hat.
Der REK ist nicht die einzige Organisation, die sich weiter bedeckt hält. »Politische Ereignisse und Ereignisse, die nichts mit dem Leben der Gemeinde hier direkt zu tun haben, kommentieren wir nicht«, bittet Daniil Jakovlev von der Föderation der Jüdischen Gemeinden in Russland (Federacija Evrejskich Obshtshin v Rossii, FEOR) diplomatisch um Verständnis. Die Föderation gehört zur übergeordneten FEO SNG, die jüdische Gemeinden in insgesamt 15 Nachfolgestaaten der Sowjetunion vereint – auch Eti Batschakaschwili und die jüdische Gemeinde in Tiflis gehören dazu.
Die russische Unterabteilung FEOR, an deren Spitze der Rabbiner Berl Lazar steht, gilt unter Fachleuten als Putin-nah. Der Geistliche soll auf Initiative des ehemaligen russischen Präsidenten nach Russland eingeladen und innerhalb weniger Tage im Eilverfahren eingebürgert worden sein.
Auch wenn man REK und FEOR glaubt, dass Angst oder vorauseilender Gehorsam für sie keine Rolle spielen, so wollen die Organisationen offenbar keine schlafenden Hunde wecken – weder in der russischen noch in der georgischen Administration.
Einzig auf der Webseite des Kongresses der Jüdischen Religiösen Organisationen und Vereinigungen in Russland (Kongres Evrejskich Religioznych Organizacij i Obedinenij v Rossii, KEROOR) findet sich eine Stellungnahme zum Krieg in Südossetien. Bereits am 10. August, rund zwei Tage nach dem Angriff georgischer Truppen auf Zchinwali in der Nacht zum 8. August und dem anschließenden Vorrücken russischer Panzer nach Südossetien, ruft KEROOR-Präsidiumsmitglied Zinovij Kogan russische und georgische Juden zum Zusammenhalt auf: Am Vorabend von Tischa B’Aw, dem Gedenktag an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, hätten georgische Truppen Zchinwali dem Erdboden gleichgemacht, so der Inhalt der Erklärung. »Wie vor Jahrtausenden wurde Blut vergossen, es starben 1.500 Menschen. Und wie damals füllten Flüchtlinge die Straßen.« Kogan stellt die rhetorische und irreführende Frage: »Haben die Jahrtausende menschlichen Zusammenlebens Georgien denn gar nichts gelehrt?«
Ein pathetisches Statement, gesteht Wladimir Pliss ein, der den Pressedienst des KEROOR leitet. »Das ist die persönliche Meinung von Herrn Kogan. Ich weiß, dass der Oberste Rabbiner Russlands, Shaevich, und der Oberrabbiner von Moskau, Pinchas Goldschmidt, das so nicht unterschreiben würden. Aber jeder hat ein Recht auf eine eigene Meinung.«
Allerdings steht die persönliche Meinung des Präsidiumsmitglieds Kogan exponiert, als einzige Meinung auf der offiziellen Website der Organisation. Er be- reite gerade eine offizielle Erklärung für den Oberrabbiner Adolf Shaevich und den Moskauer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt vor, sagt Pliss. Vor allem werde darin den Opfern der politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen Mitgefühl ausgesprochen.
Wenn es um die Frage der Verantwortung für den Konflikt gehe, dann könne er wiederum nur mit einer persönlichen Meinung dienen, seiner eigenen nämlich. Seine Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen in Nordossetien habe ihn davon überzeugt, dass die Nordosseten sich nicht Georgien zugehörig fühlten. »Ich denke, dass die ablehnende Haltung gegenüber der georgischen Regierung auch für die Südosseten gilt«, so Pliss weiter. »Sie fühlen sich zu Russland hingezogen, dem starken Nachbarn.« Dass Nordossetien nicht zu Georgien sondern zu Russland gehört, dieses Wissen setzt Pliss bei seinem Gesprächspartner stillschweigend voraus.
Doch vermutlich liegt Pliss mit seiner Einschätzung nicht ganz falsch: Bei einem Referendum im Jahr 2006 hatten 99 Prozent der Bevölkerung Südossetiens für die Unabhängigkeit von Georgien gestimmt – über eine mögliche Vereinigung mit Nordossetien wurde damals wohlgemerkt nicht abgestimmt. Das Referendum wurde später von den USA, der EU und internationalen Organisationen nicht anerkannt – unter anderem weil die georgische Bevölkerung Südossetiens von der Abstimmung ausgeschlossen war.
Warum nur er den Konflikt in Südossetien kommentieren will? Pliss weiß es nicht. »Angst vor dem Unmut der russischen Administration muss jedenfalls keiner haben. Es gibt in diesem Konflikt eigentlich keinen Grund, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten«, so der KEROOR-Sprecher.
Und auch den Juden im Konfliktgebiet selbst könne eine Organisation mit ihren Statements nicht schaden. »Die Frage ist nicht, wem ich mit meiner Verlautbarung schade«, meint Wladimir Pliss, »sondern von wem wird meine Verlautbarung womöglich politisch vereinnahmt.« Vielleicht liegt hier der Grund für die Zurückhaltung der anderen Organisationen.

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