»Pazifik Exil«

Kalifornische Kabalen

von Harald Loch

»Die Dreizehn bringt mich um den Verstand« lässt Michael Lentz den Erfinder der Zwölftonmusik Arnold Schönberg fast am Ende seines Lebens sagen. Zu Beginn des Romans Pazifik Exil kostet die Dreizehn Franz Werfel mit seiner Frau Alma sowie Heinrich, Nelly und Golo Mann fast das Leben. Der abergläubische Werfel will partout nicht an einem Freitag dem 13. aus dem deutsch besetzten Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien fliehen, um von dort über Lissabon ins rettende Amerika zu gelangen.
Damit ist schon ein Teil des Personals eingeführt, das den Roman bevölkert. Dazu kommen noch Bert Brecht mit Ehefrau Helene Weigel, sein Hauskomponist Hanns Eisler, Lion Feuchtwanger und – eher im Hintergrund – Thomas Mann und dessen Frau Katia. Alle fanden sich nach der Kapitulation Frankreichs in Kalifornien wieder und bildeten zusammen mit von den Nazis vertriebenen anderen Exilanten eine Kolonie, in der es nicht sehr solidarisch, sondern in einer Konkurrenz von Egos knallhart zuging.
Michael Lentz macht aus dieser erzwungenen, neiderfüllten Symbiose von Größen aus der Zeit vor Hitler – den Brecht im Roman gerne »den Anstreicher« nennt – einen Roman der Extraklasse. Die Figuren sind nicht erfunden; jede Ähnlichkeit mit realen Personen ist gewollt. Lentz kennt seine Figuren aus ihren Biografien und ihren Werken, die er sorgfältig recherchiert hat. Fiktional sind nur die Dialoge. So haben Brecht, die Manns und andere es nicht gesagt. Aber sie hätten es so sagen können.
Lentz zeichnet ein genaues Bild der künstlerischen Eigenheiten, menschlichen Marotten und charakterlichen Defiziten seiner Helden. Er schlüpft gleichsam in sie als Künstler hinein und lässt zu den jeweiligen Porträts aus der Halbdistanz einen fiktionalen O-Ton erklingen. So entstehen geradezu sensationelle Dialoge etwa zwischen Brecht und Eisler oder auch innere Monologe von atemberaubender Authentizität. Etwa, wenn Arnold Schönberg über einen an Thomas Mann an die Ostküste der USA ausgeliehenen Sessel nachdenkt, in dem der seinen Roman Doktor Faustus schreiben wollte, ohne Schönberg angemessen zu würdigen – er holte sich den musikwissenschaftlichen Rat lieber bei Adorno ein.
Bei allen Anekdoten hört man das »Herzasthma des Exils« röcheln. Doch Michael Lentz’ Humor verhöhnt nicht die Leiden der Vertriebenen, macht aus ihnen kein wohlfeiles Unterhaltungsprogramm. Kabinettsstücken, wie einer Realsatire über die deutsche Bürokratiesprache, folgen nachdenklich und traurig stimmende Passagen etwa die Beerdigung von Heinrich Manns Frau Nelly – »Victim of Drug Overdose«, wie die Los Angeles Times taktlos aber wahrheitsgemäß berichtete.
Lentz hat sich nicht nur sehr genau mit seinen Figuren beschäftigt, sondern genauso intensiv mit ihren Werken: Noch nirgendwo konnte man auf zwei Seiten mehr über Schönbergs Zwölftonmusik erfahren. Mit einem Schuss Selbstironie lässt der Autor Thomas Mann sagen: »Ausbeutung von Fremdbiografien? Ja, was um Himmels Willen soll ein Roman denn anderes sein? Sonst ist er kein guter.«
Michael Lentz hat sogar einen sehr guten Roman verfasst, mit dem er sich in die vorderste Reihe der deutschen Gegenwartsliteratur geschrieben hat. Er wechselt die Erzählperspektive immer wieder vom Rollen-Ich zum auktorialen, klug reflektierenden Erzähler auf gleicher Augenhöhe mit seinen Figuren. Das spricht für Selbstbewusstsein, an dem es dem früheren Gewinner des Ingeborg-Bachmann-Preises noch nie gefehlt hat. Mit diesem Buch hat er jetzt allen Grund dazu.

michael lentz: pazifik exil
S. Fischer, Frankfurt/Main 2007, 464 S., 19,90 €

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