Alice Schwarz-Gardos

Israels deutsche Stimme

von Sabine Brandes

Bis zum allerletzten Tag tat sie das, was sie tun musste: schreiben, schreiben, schreiben. In einem winzigen Büro in Tel Avivs Negevstraße verfasste Alice Schwarz-Gardos, Journalistin, Buchautorin und Chefredakteurin der »Israel Nachrichten« mit Leib und Seele Berichte, Reportagen, Leitartikel und Kommentare – mehr als 5.000 insgesamt. Jahrzehntelang war sie die deutsche Stimme Israels. Am 14. August verstarb die Vollblutjournalistin 91-jährig in ihrer Heimat.
1916 in Wien geboren, siedelte Schwarz-Gardos Ende der zwanziger Jahre mit ihrer Familie nach Pressburg (Bratislava) um, von wo sie mit ihren Eltern 1939 nach Pa-
lästina emigrierte. Es war eine Flucht vor den Nationalsozialisten, die gerade das »Protektorat Böhmen und Mähren« besetzt hatten. »Unsere Auswanderung war die letzte Rettungschance für uns«, sagte sie wiederholt. Nach der Ankunft in Palästina kam die Familie zunächst in ein britisches Internierungslager, von der Jewish Agency gab es einen Kochtopf, ein Feldbett mit Strohsack und eineinhalb palästinensische Pfund.
Kurz darauf ging es in die Hafenstadt Haifa, wo sich die völlig mittellose Flüchtlingsfamilie zwar in Sicherheit wähnte, jedoch in eine gänzlich ungewisse Zukunft blickte. »Anfangs schlugen wir uns mit anspruchslosen Tätigkeiten durch, wir haben in Restaurants Teller gewaschen oder gekellnert, manchmal fand man eine Anstellung bei den britischen Beamtenfamilien.« Dann eröffneten sie ein kleines Café, in dem gerade einmal vier Tische standen. Die damals 26-Jährige jedoch wollte keinen Kaffee ausschenken, sondern träumte von einer literarischen Karriere in der neuen Heimat, »doch Hebräisch hat keiner von uns gesprochen, und das Land kannten wir überhaupt nicht«.
Ab 1942 arbeitete die junge Frau bei der Britischen Marine, und schon 1947 erschien ihr erster Novellenband mit einem Vorwort von Arnold Zweig, dem ein Dutzend Bücher und eine Autobiografie folgten. Seit 1949 arbeitete sie als Journalistin für mehrere Zeitungen, 1962 schließlich schrieb sie fest für die »Jedioth Chadaschot« (Neue Nachrichten), 1936 als »Blumenthals Neueste Nachrichten« gegründet. 1965 wa-
ren die Jedioth Chadaschot die einzige deutsche Tageszeitung im jüdischen Staat, 1973 wurde sie eingestellt, jedoch in einem anderen Verlag als »Israel Nachrichten« weitergeführt. Zwei Jahre später leitete Alice Schwarz-Gardos die Zeitung als Chefredakteurin. Bis zu ihrem Tod. Es war mehr als ein Beruf für sie – es war Berufung. Fast sechs Jahrzehnte lang berichtete sie unermüdlich über die Geschehnisse um sie herum. Heinrich Heine war ihr Ur-Ur-Ur-Großcousin. Wie für ihn war das Schreiben für sie ein Grundbedürfnis.
Wiederholt wurde sie mit hochen Orden und Auszeichnungen öffentlich geehrt. Deutschland verlieh Schwarz-Gardos 1982 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für ihre herausragenden Verdienste um die deutsche Sprache, die deutsch-jüdische Kultur und die israelisch-deutschen Beziehungen. Johannes Gerster, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, würdigte Schwarz-Gardos als eine der besten Journalistinnen Israels und als Brückenbauerin: »Deutschland und Österreich werden sie vermissen, denn die Aussöhnung der Generationen nach der Schoa war ihr ein Herzensanliegen.« Die ständige Sorge um Israel habe sie angetrieben. »Dabei analysierte sie nicht nur die Bedrohungen von außen, sie kritisierte auch Fehlentwicklungen der Demokratie im Innern. Sie schrieb mahnend und aufmunternd, ernst und heiter; Humor und Menschlichkeit bestimmten ihr Tun.«
Die »Israel Nachrichten« sind nicht nur bei den deutschsprachigen Israelis, den sogenannten Jeckes, sondern auch bei vielen Israel-Freunden in der deutschsprachigen Welt beliebt. Während der Woche erscheint sie mit acht, am Wochenende mit zwölf Seiten. Von 26.000 gedruckten Stück in der Blütezeit schrumpfte sie in den letzten Jahren auf 4.000 Elexmplare, hauptsächlich Abonnements.
Langsam stirbt der Zeitung ihre Leserschaft weg. Doch das verunsicherte Schwarz-Gardos nicht: »Ich werde die Stellung bis zum letzten Leser halten.« Dafür arbeitete sie rastlos mit schier unglaublicher Energie bis zur ihrer letzten Minute.
Eine treue Leserin seit 30 Jahren ist Batia Aviel. Die rüstige Rentnerin lebt in einem Seniorenwohnheim in der Nähe von Tel Aviv und hat kaum einen Tag ohne ihre »Israel Nachrichten« verbracht. »Das ist meine Zeitung, Hebräisch habe ich nie ganz richtig gelernt, und man sollte in der Sprache lesen, in der man sich wohl fühlt.« Aviel sagt, dass sie das Andenken an Frau Schwarz-Gardos immer ehren werde, »denn sie hat mir geholfen, etwas zu bewahren, das ich hier sonst vielleicht verloren hätte – meine Muttersprache«.
Auch der Deutsche Thomas Lecher kennt die »Israel Nachrichten« gut. Als er zum ersten Mal als Kibbuz-Volontär ins Heilige Land reiste, war die deutschsprachige Zeitung sein ständiger Begleiter. »Es war die Zeit vor Internet und Handy, die Informationen flossen viel langsamer als heute, und das war so ziemlich die einzige Quelle, die wir deutschen Volontäre verstanden.« Lecher kam 1980 zum ersten Mal nach Israel und kehrt seitdem immer wieder zurück, »erst kam ich als Volontär, dann als Tourist, jetzt als Freund«. Mit dem Namen Schwarz-Gardos habe er schon damals eine ungewöhnlich engagierte Frau und herausragende Journalis-tin verbunden. »Und das wird immer so bleiben«.

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