Isaac Sheffer

»In drei Wochen ist alles vorbei«

von Christine Schmitt

Den bunt gestreiften Schal hat Isaac Sheffer lässig um seinen Hals gehängt und nun eilt er von einer Besprechung im Gemeindehaus an der Fasanenstraße zur Synagoge Pestalozzistraße. Nur noch wenige Stunden und der Gottesdienst zu Neujahr beginnt. Eben wurde noch die Zeremonie mit den amtierenden Rabbinern besprochen. Nun möchte er sich in Ruhe vorbereiten. Vor dem Kantorenzimmer trifft er seinen Kollegen, Simon Zkorenblut, der auch in Eile ist und schnell etwas holen muss. Sie umarmen sich und wünschen sich gegenseitig Schana Towa. »Und viel Kraft. In drei Wochen ist alles vorbei«, so Sheffer.
»Ich freue mich auf die Hohen Feiertage«, sagt er. Musik sei ein wichtiger Teil in der Synagoge, aber als Kantor reiche es nicht, nur singen zu können. Man müsse die Liturgie auch selbst emotional erfahren. »Als Kantor möchte ich die Synagoge mit Leben erfüllen.«
Der Dienstplan für ihn und die anderen Kantoren der Gemeinde hat es in sich. Mehr als zwölf Einsätze innerhalb von drei Wochen hat Sheffer zusätzlich zu den regulären Gottesdiensten zu absolvieren. »Uff, das ist schon anstrengend«, meint der 57-Jährige. »Kaputt« sei er auf jeden Fall nach den Hohen Feiertagen. Aber dann lacht er und meint: »Für mich ist das aber keine Arbeit, sondern ein Bedürfnis zu singen.«
Die religiöse Musik bilde einen Einklang mit seiner Seele. Allerdings gebe es auch eine kleine Dissonanz, denn das Kantorenpaar Mimi und Isaac Sheffer sei über die Feiertage getrennt. Zum ersten Mal. »Ich bin hier – und Mimi singt in Zü-
rich«, bedauert er. Ihr zehnjähriger Sohn Shalev (»Er liebt es, seinen Eltern beim Singen zuzuhören«) wird Neujahr mit seiner Mutter in Zürich verbringen, und dann Jom Kippur mit seinem Vater in Berlin.
Isaac Sheffer feiert Rosch Haschana mit Freunden. »Aber ich muss auch viel schlafen, viel trinken und gut essen«, sagt der Tenor. Wein komme für ihn grundsätzlich nicht in Frage, denn Alkohol und Zigaretten seien Gift für sein Instrument, seine Stimme. »Ich trinke lieber Kaffee«, sagt der 57-Jährige und schließt die Tür zum Kantorenzimmer auf, in dem schon der legendäre Oberkantor Estrongo Nachama sich auf die Gottesdienste vorbereitete. Doch derzeit hält sich Isaac Sheffer kaum in dem kleinen Raum auf, denn es gab einen Wasserschaden, und die Decke ist in einer Ecke noch nicht repariert.
Vor 14 Jahren kam Isaac Sheffer nach Berlin und »der Roman mit der Jüdischen Gemeinde begann«, wie er sagt. Seine »Heimat« sei seitdem die Synagoge Pestalozzistraße, in der er einmal neben Estrongo Nachama an den Hohen Feiertagen gesungen hatte. »Das hat mich angestachelt, noch besser zu singen.« 1998 wurde er schließlich von der Gemeinde fest angestellt. Seitdem sei er mit Mimi, aber auch mit der »Jüdischen Gemeinde verheiratet«. Er sei glücklich, dass er Nachamas Nachfolger werden konnte.
Isaac Sheffer wuchs als Kind rumänischer Holocaustüberlebender in der Stadt Herzlija in Israel auf. Über seine Mutter, die zwar eine traditionelle, aber keine religiöse Jüdin war, kam er als Kind mit der liturgischen Musik in Verbindung. Er fing auch früh an, sich für Opern zu begeistern, wurde aber dennoch zunächst Sänger in einer Rockgruppe, die semi-professionell auf Tournee ging. Schließlich arbeitete er als Landvermesser und in einer Bank, sang aber nebenher als Tenor in einem Chor. Als Mitte der 80er-Jahre eine neue Oper in Tel Aviv eröffnete, wurde er dort eingestellt. Bei einer Aufführung der »Hochzeit des Figaro« lernten Mimi und Isaac sich kennen. Nach ihrer eigenen Hochzeit gingen Sheffers in die USA, um dort weiter an ihren Stimmen zu feilen. Isaac Sheffer sang in einem Synagogenchor und sprang in der Hebrew Tabernacle Synagoge in New York für einen erkrankten Kantor ein, woraufhin er gebeten wurde, diese Tätigkeit zu vertiefen. Viel habe er von seiner Frau und deren Vater lernen können. Dass der kantorale Gesang seine Zukunft sein könnte, wurde ihm bewusst, als er am Holocaustgedenktag das Trauergebet »El Male Rachamim« sang. Da spürte er, dass es für ihn mehr als ein Job war, in einer Synagoge die jüdische Liturgie zu singen. »Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Aufgabe habe.«
Inzwischen hat seine Musik schon so viele Freunde – auch außerhalb der Ge-
meinde – gewonnen, dass er gemeinsam mit der Organistin und Chorleiterin Regina Yantian und dem Synagogenensemble Berlin eine CD veröffentlichen konnte. Erst kürzlich erschienen: »Die Liturgie der hohen Feiertage«, mit 11 Gebeten, vom »Schma Kolenu« bis zum »Kol Nidre«.
Zurück in die Synagoge: Sheffer geht in sein Arbeitszimmer, um sein Gesangbuch und seinen weißen Talar zu holen. Langsam macht er sich fertig und zieht sich um. Verdi-Noten liegen auf seinem Schreibtisch. In einem Samtbeutel, in den seine Schwiegermutter seinen Namen gestickt hat, hat er die Noten für die heutige Liturgie. Für manche Gottesdienste brauche er indes so viel Kraft wie als wenn er zwei Opern hintereinander singe. »Bei der Oper gibt es erst ein Rezitativ, dann eine Arie, dann kommt der Chor und der Solist hat Pause oder ist bei einem Akt gar nicht dabei und kann sich entspannen.« Aber bei den Gottesdiensten, die über mehrere Stunden gehen, müsse man als Kantor immer achtsam sein. An einen Jom Kippur vor ein paar Jahren erinnert er sich be-
sonders gut, da wurde der andere Kantor krank und er musste die gesamte Zeremonie allein bewältigen – und das in der Fastenzeit. »Da muss man aufpassen, dass die Stimmbänder nicht kaputt gehen.«
Vor der Synagoge ist bereits die Laubhütte aufgebaut, Orgelmusik erklingt aus dem Gotteshaus, dazu brummt ein Staubsauger. Denn die Synagoge wird noch herausgeputzt. Sheffer macht das Licht an und fängt an, sich einzusingen. Seine Muttersprache ist Hebräisch und er legt viel Wert darauf, die Texte richtig zu betonen. Er würde an den Hohen Feiertagen alles geben – auch deshalb seien diese Tage an-
strengend. »Aber sie erfüllen mich.«

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