John Demjanjuk

»Ich sehe das Blut an seinen Schuhen«

»Ich sehe das Blut an seinen Schuhen«

Herr Blatt, am Montag hat in München der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk begonnen (vgl. S. 3). Sie sind eigens aus Kalifornien gekommen. Was treibt einen 82-Jährigen zu dieser weiten Reise?
Die Erinnerung an das, was vor über 60 Jahren geschehen ist. Ich trete als Zeuge und Nebenkläger auf.

Ihre Eltern und Ihr kleiner Bruder wurden 1943 in Sobibor ermordet. Erfüllt es Sie mit Genugtuung, dass Demjanjuk jetzt der Prozess gemacht wird?
Nein, es geht nicht um Rache. 250.000 Menschen, die in Sobibor ermordet wurden, kann der Prozess nicht aufwiegen.

Was erhoffen Sie sich von dem Prozess?
Es gab 1943 einen Aufstand in Sobibor, bei dem mir die Flucht gelang. Der Führer des Aufstands sagte, wer überlebt, sei verpflichtet, der Welt von den Gräueln zu erzählen. Das tue ich jetzt. Der Demjanjuk-Prozess gibt mir die Chance dazu. Ich will erzählen, was Hass und Intoleranz aus Menschen machen können. Ich möchte die Welt ermahnen, genau hinzusehen, denn in Europa und auch in den USA wächst gerade jetzt der Hass wieder.

Was sagen Sie Menschen, die Mitleid haben mit Demjanjuk, weil er »doch nur ein Wachmann« gewesen sei?
Dieses Wort mag harmlos klingen. Aber ein Wachmann in einem Vernichtungslager war ein Mörder. In Sobibor schoben die Wachmänner Juden in die Gaskammer. Viele Menschen neigen dazu, sich auf die Seite des Underdogs zu stellen. Ich denke, sie werden mehr Mitleid mit ihm haben als mit mir.

Was empfanden Sie, als der 89-jährige Angeklagte im Rollstuhl in den Verhandlungssaal geschoben wurde?
Ich denke, er ist ein Simulant. Der Arzt sagt, sein Gesundheitszustand sei im Frühjahr schlechter gewesen als jetzt. Man kann auf zweierlei Weise auf Demjanjuk schauen. Die eine – so tun es die meisten Menschen – ist die: Der arme Mann, er ist so alt und so krank! Warum bringt man ihn nach Deutschland? Doch das ist nicht die Art, wie ich ihn sehe. Ich sehe ihn als einen, der Menschen geschlagen und der gemordet hat, als einen, der Juden zur Gaskammer peitschte. Ich sehe das Blut an seinen Schuhen.

Sie haben schon bei etlichen Prozessen als Zeuge ausgesagt. Was bedeutet dieses Verfahren für Sie?
Es ist für mich ein wenig schwierig zu verstehen, warum Deutschland ein Auslieferungsgesuch für Demjanjuk stellte, und andere Länder, wie die Ukraine, ihn nicht haben wollten. Es mag daran liegen, dass der Fall auch ihre Schuld zeigt. Etliche Länder scheuen sich vor der Frage, inwieweit sie selbst in die Machenschaften des Holocaust verstrickt waren. Ja, es waren viele Länder in Europa. Ohne sie wären die deutschen Nazis nicht in der Lage gewesen, ein Verbrechen solchen Ausmaßes zu verüben.

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026

Reisen

Lufthansa setzt weiterhin viele Nahost-Flüge aus

Flüge nach Tel Aviv, Teheran und in andere Städte bleiben ausgesetzt. Lufthansa reagiert weiter auf die Lage im Nahen Osten – Charterflüge für Rückholaktionen laufen jedoch weiter.

 09.03.2026

Südlibanon

Zwei israelische Soldaten bei Hisbollah-Angriff getötet

Nach einer vorläufigen Untersuchung der israelischen Armee begann der Vorfall, als ein Panzer während eines Einsatzes stecken blieb

 08.03.2026

Washington

USA intervenieren gegen mögliche Russland-Hilfe für den Iran

Sondergesandter Steve Witkoff kritisiert Moskau dafür, dass es Teheran im Krieg zu unterstützen scheint

 08.03.2026

Iraner in Deutschland

»Einfach leben«

Der Exil-Iraner und Musikmanager Babak Shafian war bisher skeptisch, wenn es um den möglichen Fall des Mullah-Regimes ging. Diesmal ist er hoffnungsvoll. Der Grund dafür ist Israel

 04.03.2026

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Botschafter Ron Prosor: Das Regime in Teheran steht mit dem Rücken zur Wand

Interview

»Ich bin für die klare Haltung Deutschlands dankbar«

Israels Botschafter Ron Prosor zu deutschen Reaktionen nach den Angriffen auf den Iran, zur Sicherheitslage israelischer und jüdischer Einrichtungen sowie zu einer Nachricht zu Purim

von Detlef David Kauschke  02.03.2026