Lydia Bergida

»Ich helfe, Lösungen zu finden«

Unser Wecker klingelt zeitig. Wir stehen um halb sieben auf, was ich als früh empfinde, besonders jetzt, wenn es draußen noch dunkel ist. Ich mache Frühstück für uns alle, dann gehen die Kinder in die Schule beziehungsweise in den Kindergarten. Mein ältester Sohn ist neun, er geht auf die Sinai-Grundschule, und der kleine ist fünf, er besucht einen städtischen Kindergarten.
Ich bin 36 Jahre alt, Anwältin und habe eine Bürogemeinschaft mit zwei Kolleginnen in München-Bogenhausen. Viereinhalb Tage in der Woche arbeite ich. Freitagnachmittag ist meist frei, da kommen auch die Kinder früher nach Hause. Eigentlich verläuft bei mir jede Woche anders. Morgens gehe ich als Erstes in die Kanzlei, schaue, was an Post gekommen ist und welche Mandantengespräche an dem Tag anstehen. Auf die bereite ich mich dann vor und verrichte ganz normale anwaltliche Tätigkeiten: Schriftsätze, Beratungen. Dann habe ich natürlich an manchen Tagen Gerichtstermine. Daneben arbeite ich auch als Mediatorin.
Mein Mann und ich sind vor zehn Jahren nach München gezogen, weil mein Mann hier eine Stelle als Arzt angeboten bekam. Davor hatten wir einige Zeit in Villingen im Schwarzwald gewohnt. In München fing ich als Anwältin in einer Familienrechtskanzlei an. Mediation hatte mich schon im Studium interessiert. Hier habe ich mich dann umgesehen, wo man das lernen kann. In der Kanzlei, in der ich arbeitete, fanden viele Mediationen statt, und so habe ich praktische Erfahrung gesammelt.
Heute muss ich mich je nach Anfrage entscheiden, ob ich als Vermittlerin für beide Seiten tätig sein will, also als Mediatorin, oder eben als Anwältin für eine Partei. Manchmal läuft das so, dass mich ein möglicher Mandant anruft und um Rechtsberatung bittet. Ich frage dann nach, ob er schon von Mediation gehört hat, vielen ist das kaum bekannt. Manchmal fällt die Entscheidung dann gleich am Telefon: Wenn der Anrufer sagt, nein, ich habe jetzt diesen Rechtsstreit und ich will Beratung – dann berate und vertrete ich. Das ist die eine Schiene. Eine andere ist, wie gesagt, die Mediation: Wenn Leute mehr darüber wissen wollen, lade ich sie zu einem Informationsgespräch ein, und sie können dann selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen möchten.
An der Mediationstätigkeit interessiert mich, wie man Menschen aus verfahrenen Situationen wieder heraushilft. Was für ein Handwerkszeug braucht man da? Wie kann man das machen, ohne zu sehr in den psychologischen, den therapeutischen Bereich einzusteigen, für den ich mich als Juristin nicht zuständig fühle? Dass man auf der Sachebene bleiben kann und dennoch die Gefühle der Menschen zur Sprache kommen, das finde ich spannend. Wie kann man Blockaden auflösen? Herkömmlicherweise ist die Vermittlerrolle ja immer: von einem zum anderen gehen und transportieren, was die Gegenseite gesagt hat und selbst Kompromissvorschläge einbringen. Das ist bei Mediationen nicht so, sondern da hilft man Menschen, eigenverantwortlich Lösungen zu finden. Dass dies funktioniert, begeistert mich immer wieder. Ich bin nicht auf den Familienbereich beschränkt, ich habe auch schon bei Konflikten zwischen Arbeitnehmern mediiert und im Schulbereich, auch in einem Jugendzentrum, da habe ich Workshops angeboten für Kinder und Jugendliche. Denn je früher man ansetzt, desto besser. Auch Kinder können lernen, wie man konstruktiv streitet. Alles in allem: ein weites Feld.
Daneben bin ich Verfahrensbeistand für Kinder und Jugendliche – ein weiterer Teilbereich meiner Arbeit. Ich werde vom Gericht bestellt in Fällen, in denen es um die elterliche Sorge, den Umgang oder den Aufenthalt der Kinder geht, oft in Scheidungsfällen. Ich vertrete die Kinder in diesen Verfahren, damit nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Das ist der Sinn der Sache. Ich betreue Fünfjährige, manchmal aber auch 16-Jährige. Für ein Erstgespräch fahre ich oft zu den Kindern nach Hause. Wir unterhalten uns, gehen spazieren, das Ganze soll in lockerer Atmosphäre ablaufen, so dass Kinder, die nichts erzählen wollen, nicht das Gefühl bekommen, sie müssten etwas sagen. Ich möchte erfahren, wie es den Kindern geht, was sie beschäftigt, ob sie Ideen oder Wünsche haben, die man dem Richter übermitteln kann.
Ich höre mir auch die Positionen beider Elternteile an. Manche sind sehr misstrauisch, andere freuen sich, wenn ich komme, weil sie denken, sie könnten mich auf ihre Seite ziehen. Manchmal merke ich, dass Eltern über ein bestimmtes Problem nicht reden, dabei handelt es sich um etwas, das man ganz leicht regeln könnte. Wenn es beispielsweise um die Art und Weise geht, wie ein Kind von einem Elternteil abgeholt wird: Vielleicht kommt die Person zum Abholen immer in die Wohnung und das möchte der andere Elternteil nicht. Da kann man besprechen, wie man es anders machen kann. In solchen Situationen kommt mir meine Erfahrung als Mediatorin zugute.
Bei diesen Verfahren bin ich spezialisiert auf internationale Fälle. Es gibt das Haager Kindesentführungsübereinkommen. Das spielt bei Eltern eine Rolle, die in Ländern, in denen dieses Übereinkommen gilt, zusammenleben und sich dann trennen. Angenommen, einer der beiden geht mit dem gemeinsamen Kind nach Schweden, ohne dass der andere das weiß. Dann wird dieses Übereinkommen wirksam. In solchen Verfahren muss nach spätestens sechs Wochen entschieden werden, ob die Kinder zurückgehen oder nicht. Man muss also schnell tätig werden. Ich hatte Fälle aus den USA, England, Frankreich, Polen, der Slowakei, Israel und Brasilien. Meine Sprachkenntnisse kommen mir da zugute. Ich bin in Israel geboren. Als ich drei war, gingen meine Eltern mit mir und meinem Bruder nach Deutschland zu meinen Großeltern. Ich kann mich daran erinnern, dass ich meinen Eltern Wörter, die ich im Kindergarten aufgeschnappt hatte, beigebracht habe. Sie mussten ja erst Deutsch lernen. Wir lebten erst in Frankfurt, später in der Nähe von Düsseldorf.
Mit 15 Jahren wollte ich gern ins Ausland, nach Brüssel, um dort Französisch zu lernen. Ich blieb drei Jahre dort, machte an einer jüdischen Schule Abitur. In meiner Klasse überlegten viele, nach Israel auszuwandern, das schwebte auch mir vor. Ich dachte darüber nach, in Jerusalem an der Hebräischen Universität ein Orientierungsjahr zu machen. Doch dann brach der erste Golfkrieg aus, und da ich als Kind die israelische Staatsbürgerschaft hatte, wäre ich sofort zum Militärdienst eingezogen worden. Meine Eltern wollten deshalb nicht, dass ich nach Israel ging. Stattdessen studierte ich in Köln Jura, lernte während dieser Zeit meinen Mann kennen, einen angehenden Mediziner. 1994 haben wir geheiratet.
In München sind wir sesshaft geworden, und ich denke, hier werden wir bleiben. Ich bin im Förderverein des Orchesters Jakobsplatz, besuche oft Konzerte. In meiner Freizeit spiele ich mit meinen Kindern oder unternehme etwas mit meinem Mann: Wir gehen essen oder tanzen oder treffen Freunde. Und ich gehe gern ins Kino, besonders in romantische Filme und Dokumentarfilme. Ich bin Elternbeirat der Sinai-Grundschule, und oft, wenn es in der Gemeinde etwas zu helfen gibt, bin ich da.
Freitags machen wir Schabbat, sind bei Freunden eingeladen oder laden selbst ein und machen Kiddusch, kommen zur Ruhe und freuen uns aufs Ausschlafen am nächsten Morgen. Meist unternehmen wir dann etwas mit den Kindern, jeder schaut aber auch, dass er für sich selbst ein bisschen Freiraum hat. Das Angebot in München ist ja sehr reichhaltig, es gibt so viel zu sehen und zu machen. Man kann sich kaum entscheiden.
Jetzt im Herbst gehen wir auch gern in die Berge, bei schlechtem Wetter ins Museum oder mal ins Puppentheater. Oder schwimmen. Und in der Gemeinde sind wir noch aus einem anderen Grund häufig: Unser älterer Sohn geht in den jungen Synagogenchor und nimmt uns jetzt oft mit in den Gottesdienst. Durchs Dabeisein lerne ich auch selbst mehr über den Gottesdienst und empfinde das als Bereicherung für mein Leben.

Aufgezeichnet von Vera von Wolffersdorff

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