Tennis Borussia

»Hevenu TeBe alejchem!«

von Ralf Fischer

Ein verregneter Samstagnachmittag im Mommsenstadion, Berlin-Charlottenburg. Bei Bier und Bockwurst finden sich rund 200 gut gelaunte, mit lila-weißen Fanutensilien bewaffnete Anhänger von Tennis Borussia ein. Es geht gegen den Tabellennachbarn aus Greifswald. Nur die zwei rechtslastigen Fans vom Rivalen BFC Dynamo, die sich ins Stadion verlaufen haben, stören die friedliche Atmosphäre. Schon seit sieben Jahren spielt Tennis Borussia Berlin, liebevoll TeBe genannt, nun in der vierten Liga. Und wie jede Saison hat sich der zwölfmalige Berliner Meister das Ziel gesetzt, in diesem Jahr die Durststrecke endlich zu beenden. Doch obwohl die Mannschaft personell zu den Aufstiegskandidaten zählt, stehen sie nur auf dem fünften Rang in der vierten Liga.
Nach dem Abpfiff versuchen die rechten Störenfriede vom Ostberliner Lokalrivalen eine Schlägerei mit den als links verschrienen Fans von Tennis Borussia anzuzetteln. Doch die nach dem 2:0-Sieg äußerst zufriedenen Borussenfans gehen der Provokation aus dem Weg. Sie sind es gewohnt, dass rechtsextreme Fans anderer Vereine sie zum Hauptgegner auserkoren haben.
Der Charlottenburger Verein ist unter Fußballfans vereinsübergreifend verhasst. Allgemein gilt er als Westberliner Bonzentruppe, dessen jüdische Wurzeln angeblich die Grundlage für dessen Millionen seien. Doch das Repertoire der Hassgesänge spornt Fans wie Verantwortliche des Vereins an, ihre vielfältigen gesellschaftlichen Aktivitäten noch weiter auszubauen. Tamás Blénessy, Mitglied der aktiven TeBe-Fanszene, ist der Meinung, dass man gerade durch ständige Präsenz in den Stadien den rechten Parteigängern im Sport erfolgreich Paroli bieten kann.
Die zwölf jungen Sportler, die am 9. April 1902 beschlossen hatten, die »Kameradschaftliche Vereinigung Borussia« und die »Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft« zur »Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft Borussia« zusammenzuführen, hatten damals ebenfalls mit recht verbohrten Vorurteilen zu kämpfen. Obwohl als Tennis- und Tischtennis-Verein gegründet, formierte sich schon ein Jahr später eine Fußballabteilung und erwarb für 50 Pfennig die Lizenz für die Teilnahme an der Berliner Meisterschaft. Fußball galt vor 100 Jahren in Deutschland als zutiefst »undeutsche« Beschäftigung, da es für Männer als unschicklich galt, sich öffentlich in kurzen Hosen zu zeigen. Die Presse monierte zu dieser Zeit auch die Tatsache, dass Fußball meist von sozial besser gestellten Bevölkerungschichten ausgeübt wurde.
Die Tennis-Borussen entwickelten sich in der neuen Sportart derart prächtig, dass sie in den 20er-Jahren neben Hertha BSC die führende Fußballmannschaft Berlins wurden und als erstes deutsches Team sechs Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gegen eine französische Fußballauswahl antraten. Ein Freundschaftsspiel in Paris war damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Gegen die Tennis-Borussen wurden damals »blutrünstige Töne« angeschlagen, wie die Klubnachrichten des Vereins zu berichten wussten, da sie womöglich die »deutsche Art« nicht würdig vertreten würden. Am Ende kam alles anders. Die Borussen gewannen Hin- und Rückspiel, und aufgrund der friedlichen Atmosphäre während der Spiele wurden vom französi- schen Ministerium für Wohlfahrt sogar die Sportplätze im besetzten Ruhrgebiet wiedereröffnet. Dies und ihr begeisterndes Spiel brachte den Veilchen, wie sie wegen ihrer Vereinsfarben genannt wurden, viel Sympathie weit über das Ruhrgebiet hinaus ein.
Viermal erreichte TeBe Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre das Viertelfinale der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Für den Titel reichte es nie. Dafür wurden die damals in Niederschönhausen trainierenden Veilchen 1931 Berliner Pokalsieger und 1932 zum ersten Mal Berliner Meister. Schon ein Jahr später fand die Erfolgsgeschichte ein jähes Ende. Um einem Zwangsaustritt zuvorzukommen, verließen die jüdischen Mitglieder, die ein Drittel des Ver- eins ausmachten, die Lila-Weißen.
Die »freiwillige« Gleichschaltung bedeutete einen schweren Verlust für den Klub. So musste die langjährige Vereinszeitung vorläufig eingestellt werden, und jeder Junge, der TeBe-Mitglied war, wurde gezwungen, der Hitlerjugend beizutreten. Die ehemaligen jüdischen Mitspieler schlossen sich derweil den rein jüdischen Sportvereinen an, wie zum Beispiel Hakoah, der Berliner Sportgemeinschaft von 1933. Einige wenige schafften es, in die USA oder nach Palästina zu flüchten, wie die Borussenlegende Simon Leiserowitsch, der später als Trainer von Makkabi Tel Aviv aktiv war. Das Schicksal der meisten jüdischen Borussen ist unbekannt, da die Mitgliederlisten des Vereins von vor 1933 komplett verloren gegangen sind.
In der Nachkriegszeit firmierte der Verein ab 1945 zunächst als Sportgruppe Charlottenburg. Es gelang bis Anfang der 50er-Jahre, wieder einer der erfolgreichsten Berliner Vereine zu werden, ab 1949 unter dem bekannten Namen Tennis Borussia Berlin. 1950 gründete der Quizmoderator Hans Rosenthal die Prominenten-Elf von Tennis Borussia. Schon Mitte der 50er-Jahre jedoch begann der langsame Abstieg. Als 1963 die erste Bundesligasaison startete, war Hertha BSC statt Tennis Borussia dabei. Mit Ausnahme zweier Ausflüge in den 70er-Jahren blieb die erste Bundesliga für die Kicker aus Charlottenburg eine No-Go-Area. In der zweiten Bundesliga spielten sie insgesamt neun Saisons.
Dorthin wollen Fans wie Funktionäre so schnell wie möglich wieder zurück. Doch vorerst bleibt dies wohl Illusion. Wenigstens viertklassig bleiben, vielleicht in zwei oder drei Jahren in der neuen drittklassigen Profiliga vorbeischnuppern, mehr ist derzeit für die erste Herrenmannschaft nicht drin. Wer die Veilchen in der zweiten Liga sehen will, der muss schon zu den Frauen gehen. Die Veilchenladies haben die erste Liga fest im Visier und gehören in der Jugendarbeit bundesweit zu den Besten. Auch die Jungs von Tennis Borussia sind Spitze. Mit der A- und B-Jugend sind sie in der Bundesliga Nord/Nordost vertreten. Nur die Herren lassen noch zu wünschen übrig. Für die Schlachtenbummler im E-Block kein Grund zum Verzweifeln, sie feuern noch beim schlechtesten Spiel ihre Mannschaft an und singen lauthals: »Hevenu TeBe alejchem, Hevenu TeBe alejchem«.

Eva Erben

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