Vegetarier

Heilige Pflicht

von Olaf Glöckner

Für eine vegetarische Lebensweise lassen sich viele gute Gründe finden: Engagement im Tierschutz, philosophische Erwägungen, Körperfitness, ökologisch motivierter Verzicht. Dass einige zentrale Grundsätze im Judentum die Wertschätzung des Vegetarismus ebenfalls implizieren, ist bekannt. Doch nunmehr fordern bekannte jüdische Vegetarier – mit ausdrücklichem Bezug auf Tora und Talmud – eine radikale Änderung bisheriger Ernährungsgewohnheiten. Zu ihnen gehört Richard Schwartz, Chef der »Jewish Vegetarians of North America« (JVNA) und Produzent des vor Kurzem angelaufenen Dokumentarfilmes A Sacred Duty: Applying Jewish Values to Help Heal the World.
Schwartz, ein Mathematikprofessor aus Staten Island, führt sowohl in seinem Film wie auch in zahlreichen Interviews theologische und politische Argumente bewusst zusammen: Als religiöser Jude beklagt er »die Widersprüchlichkeit zwischen heutigem Fleischkonsum und der daran gekoppelten Land- und Viehwirtschaft einerseits sowie jüdischen Grundwerten wie Schutz der Gesundheit, Mitgefühl für Tiere, Umweltschutz, maßvolle Ressourcen-Nutzung, soziale Gerechtigkeit und Friedensbewahrung andererseits«. Als politisch denkender Mensch kritisiert der Professor, dass über die Hälfte des jährlichen weltweiten Getreideanbaus – in den USA sogar 70 Prozent – schlichtweg an Zuchttiere verfüttert wird, während im gleichen Zeitraum knapp 20 Millionen Menschen an Hunger und seinen Folgen sterben. Außerdem kommen laut Schwartz rund 18 Prozent aller Treibhausgase aus der Tierzuchthaltung, was die Branche nicht nur zu einer fragwürdigen Luxusindustrie, sondern auch zu einem Ozonkiller ersten Ranges macht.
Richard Schwartz ist nicht der einzige prominente Kopf, der so entschieden gegen Fleischproduktion und Fleischkonsum angeht. Er hat prominente Rabbiner aller Kongregationen auf seiner Seite, im In- und Ausland. Rabbiner She’ar Yashuv Cohen beispielsweise, aschkenasischer Oberrabbiner von Haifa, der seine solide Gesundheit und Vitalität im 80. Lebensjahr auf eine konsequente vegetarische Lebensweise zurückführt. Oder Rabbiner David Rosen, ehemaliger Oberrabbiner von Irland und heute International Director of Religious Affairs beim American Jewish Committee, der bekennt: »Ich bin Vegetarier aus religiöser Überzeugung. Es ist klar, dass die jüdische Tradition den Verzehr von Fleisch akzeptiert. Trotzdem hat die Tradition immer auch nach Wegen gesucht, die Qualen der Tiere gering zu halten. Und wenn man den nobelsten und großherzigsten Werten der jüdischen Tradition folgt, dann ist die vegetarische Ernährung ein Imperativ.«
Die jüdische Vegetarier-Bewegung – stark entwickelt vor allem in den USA und Israel – knüpft im Prinzip an eine historische Tradition an, die schon seit dem frühen Mittelalter von den Weisen bejaht und gepflegt wurde. Vegetarier waren keine Geringeren als Abraham Ibn Esra, Maimonides, Rabbiner Samson Raphael Hirsch, Rabbi Israel Isaac Kook, der ehemalige aschkenasische Oberrabbiner Israels Shlomo Goren und die berühmte israelische Bibelwissenschaftlerin Nechama Leibowitz.
Viele der heutigen Aktivisten verstehen ihr Handeln als Tikkun Olam, als Beitrag zur Bewahrung der Welt und als konsequente Weiterentwicklung jüdischer Ethik. Sie kritisieren einen Zeitgeist, der an der exzessiven Ausbeutung von Tier und Natur kaum Anstoß nimmt und drohende Klima- und Umweltkatastrophen mehr oder weniger verdrängt. Rabbiner Fred Dobb aus Maryland hält dagegen: »Unsere Nachbarn sind heute alle 6,7 Milliarden Menschen dieses Planeten, aber auch die anderen Lebewesen. Wer auch immer in Gefahr ist, geht uns etwas an.«
Richard Schwartz, David Rosen, Fred Dobb und andere Aktivisten setzen zunächst auf allgemeine Sensibilisierung im jüdischen Umfeld, nutzen beharrlich die Medien und intervenieren an Feiertagen mit besonderer Symbolkraft. So bringt die JVNA jedes Jahr an Pessach spezielle Newsletter heraus, die sogar ein alternatives Menü für den Sederabend empfehlen. Von der einstigen Knechtschaft des jüdischen Volkes in Ägypten wird eine Linie zu heutigen, globalen Ungerechtigkeiten, aber auch zur »Knechtschaft von Tieren« in den Legebatterien und Schlachthöfen dieser Welt gezogen. Bewusst verweist die JVNA auf »Haggadot für die vegetarische Familie« und bietet ganze Listen mit Kochrezepten, die beide Ansprüche erfüllen: Sie sind koscher und fleischlos. Aber auch nichtreligiöse Adressaten wollen die jüdischen Vegetarier wachrütteln – und sei es mit schockierenden Statistiken zu den Zivilisationskrankheiten Arteriosklerose, Herzverfet- tung oder Diabetes.
Selbst in Israel, wo die »International Jewish Vegetarian Society« ähnliche Arbeit leistet wie die JVNA in Amerika, sprechen die Zahlen eine beängstigende Sprache. So ist nach Angaben der Jewish Diabetes Association (JDA) der Anteil an Zuckererkrankungen während der letzten Jahre um fast 70 Prozent gestiegen – nicht zuletzt als Ergebnis eines viel zu hohen individuellen Fleischkonsums.
Richard Schwartz, der neben dem Film A Sacred Duty auch ein Buch zum Thema »Judaism and Vegetarianism« herausgebracht hat, macht sich Sorgen um die nächsten Generationen und sieht eine besondere jüdische Verantwortung.
Zunächst aber bedarf es eines Konsens’ in den eigenen Reihen. Schon Ende der 90er-Jahre haben Schwartz und seine Mitstreiter Tausende Rabbiner in den USA angeschrieben – mit der Bitte, das Verhältnis von vegetarischer Lebensweise und Kaschrut grundsätzlich neu zu definieren. So gesehen, sind jetzt die Schriftgelehrten am Zug.

www.ASacredDuty.com
www.jewishveg.com

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