Hisbollah

Halbmond, radikal

von Wladimir Struminski

Der Großaufmarsch der Hisbollah in Beirut wird in Israel mit Sorge verfolgt. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah strebt nämlich nicht nur einen Sturz der gemäßigten »Verräterregierung« von Ministerpräsident Fuad Siniora an, sondern verlangt, ein Drittel des neuen Kabinetts müsse von Schiiten gestellt werden. Damit könnte die Regierung ohne deren und Nasrallahs Zustimmung keine wichtigen Beschlüsse mehr fassen. Ferner möchte die Hisbollah die Beiruter Regierung zwingen, die libanesische Zustimmung zur Waffenstillstandsresolution 1701 vom August dieses Jahres zu widerrufen. In diesem Fall müßte wohl die internationale Friedenstruppe UNIFIL aus dem Libanon abgezogen werden. Für die Hisbollah hieße es: Weg frei zu erneuter militärischer Kontrolle Südlibanons. Danach, glaubt Eyal Zisser, Leiter der Abteilung für die Geschichte des Nahen Ostens an der Universität Tel Aviv, plant die Hisbollah die Machtübernahme in ganz Libanon.
Für den Iran wäre ein von radikalen Schiiten regierter Libanon jedoch nur ein erster Schritt zu einem weitaus ehrgeizigeren Ziel. Nach Auffassung zahlreicher Experten strebt Teheran einen »schiitischen Halbmond« an, eine militante Allianz mit einem Schiitenstaat im südlichen Irak und dem Libanon. Sollte das Teheraner Regime diesen Traum verwirklichen, könnte es auf die gewaltigen südirakischen Ölvorkommen zurückgreifen. Der kleine Partner Libanon wiederum ermöglichte eine direkte iranische Präsenz an der Grenze zu Israel und am Mittelmeer. Damit würde der Iran zum direkten Gegenspieler Europas und Nordafrikas. Gelänge auch die Durchführung des Nuklearprogramms, wäre mindestens die regio- nale Vormachtstellung des Iran gesichert.
So schnell, beruhigt Anat Kurz vom Tel Aviver Forschungsinstitut für Nationale Sicherheit, wird es dazu nicht kommen. Im Nahen Osten gebe es eine ganze Reihe von Kräften, die eine schiitische Machtausdehnung ebenso entschlossen zu verhindern suchen, wie Iran sie betreibt. Im Libanon stößt Nasrallah auf den Widerstand nichtschiitischer Bevölkerungsgruppen. »Wenn die Hisbollah wirklich einen Staatsstreich versucht«, so Kurz, »kommt es zu einem blutigeren Bürgerkrieg als in den siebziger Jahren.« Auch viele libanesische Schiiten wollten nicht in einer iranischen »Provinz Libanon« leben. Im Irak würde eine direkte Machtübernahme durch den Iran oder eine Kontrolle mit Hilfe einheimischer Verbündeter auf den Widerstand der US-Streitkräfte und der Iraker stoßen. Auch arabische Staaten, darunter Saudi-Arabien, wollen einen »schiitischen Halbmond« verhindern.
Unter diesen Umständen, sagt Anat Kurz, sollte sich Israel um eine antiiranische Interessengemeinschaft bemühen. Das erfordere Umsicht im Norden und eine Entspannung im israelisch-palästinensischen Konflikt. Ministerpräsident Ehud Olmert scheint diese These nicht von der Hand zu weisen. Er bot jüngst neue Verhandlungen an.

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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