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Geschichtsschreibung trifft Politik

In seinem Buch »Die Erfindung des jüdischen Volkes«, das sich 2008 wochenlang auf den israelischen Bestsellerlisten hielt, stellt der Tel Aviver Historiker Shlomo Sand die These auf, ein jüdisches Volk gebe es gar nicht. Es sei erst Ende des 19. Jahrhunderts von deutsch-jüdischen Gelehrten erfunden worden. Der Exodus der Juden nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 u. Z. hat niemals stattgefunden, sagt Sand, der 1946 in Österreich als Sohn polnischer Schoa-Überlebender geboren wurde und seine ersten beiden Lebensjahre in einem DP-Lager verbrachte.
Die Juden in Nordafrika und im Jemen etwa stammen laut Sand von konvertierten Heiden ab. Auch das osteuropäische Judentum habe keine ethnischen Wurzeln, die nach Judäa zurückreichen, sondern habe aus den Abkömmlingen des kaukasischen Reitervolks der Chasaren bestanden, das im achten Jahrhundert u. Z. zum Judentum übergetreten war. Nachdem die Mongolen das Chasarenreich zerstört hatten, seien die Chasaren nach Osteuropa gezogen und hätten dort die »jiddische Kultur« gebildet.
Während Sands Historikerkollege Tom Segev das Buch positiv rezensierte, überwiegt bei den meisten Fachleuten die Kritik. Sand, der sich bisher auf neuere und neueste Geschichte Frankreichs spezialisiert hatte, sei überhaupt kein Experte für die Epochen, die er nun untersuche, heißt es. Israel Bartal, Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Hebräischen Universität Jerusalem, rechnete in der Haaretz mit Sand ab. Er baue, so Bartal, gleich mehrere Pappkameraden auf, mit denen er dann leichtes Spiel habe: So sei die Chasaren-These von der zionistischen Geschichtsschreibung keineswegs verschwiegen worden, wie Sand behauptet. Es gebe nur einfach keine überzeugenden Belege für die Hypothese, die Juden Osteuropas stammten von den Chasaren ab. Auch habe kein zionistischer Denker je behauptet, das jüdische Volk sei über 2000 Jahre hinweg ethnisch »rein« geblieben. Zumal definiere sich ein Volk, so argumentieren viele Kritiker Sands, nicht allein über ethnische Herkunft, sondern mindestens ebenso sehr über gemeinsame Kultur und Geschichte.
Tatsächlich gehen die meisten Historiker heute davon aus, dass im Jahr 70 u. Z. nicht alle Juden aus ihrer alten Heimat vertrieben wurden. Viele wurden aber dennoch auf römischen Sklavenmärkten in alle Welt verkauft, gelangten unter anderem nach Deutschland und von dort im 13. Jahrhundert nach Osteuropa. Sand behauptet, die vielen Millionen Juden, die vor dem Holocaust in Osteuropa lebten, hätten niemals von den wenigen westeuropäischen Einwanderern des Mittelalters abstammen können. Ergo müssen sie wohl Nachfahren der Chasaren sein, so Sands gewagte Schlussfolgerung.
Damit offenbare Sand, meint die Historikerin Anita Shapira von der Universität Tel Aviv, erstaunliche Ignoranz gegenüber demografischen Entwicklungen. Die Bevölkerungsexplosion des osteuropäischen Judentums habe erst im 19. Jahrhundert stattgefunden. Über die Frage, wer ihre eigentlichen Vorfahren sind, sage das gar nichts aus, so Shapira. Gegen Sand spricht außerdem die Linguistik: Das Jiddische ist eindeutig eng mit dem Mittelhochdeutschen verwandt.
Sand vermische, so seine Kritiker, Geschichtsschreibung mit einem politischen Anliegen. Dies spricht der Ex-Maoist offen aus: Israel solle ein »Staat aller seiner Bürger« werden. In seiner jetzigen Verfassung basiere der Staat Israel auf einem »essentialistischen, ethnozentrischen und biologistischen Diskurs«, erklärte Sand in einem Interview. Doch im Grunde bestätigt Sand mit seinen Thesen eben diesen »Diskurs«, indem er den Anspruch der Juden auf einen eigenen Staat an ethnische Herkunft bindet. Ingo Way

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