Sederabend

Geschichte bewahren

Gegen Ende des ersten Teils des Sederabends (Maggid genannt) – noch vor dem Beginn der Hallel-Lobpsalmen – wird aus der Haggada ein ganz besonderer Satz vorgelesen: »In jedem Geschlecht ist der Mensch verpflichtet, sich vorzustellen, er selbst sei aus Ägypten ausgezogen.« Diese Aussage bildet den zweiten Teil der Mischna, dem Urtext des Talmuds, aus dem Traktat Pessachim (116 b).

Diese Mischna beginnt mit der für die jüdische, traditionelle Art des Sederabends so wichtige Betonung von drei Grundsätzen: »Rabban Gamliel sagte: Jeder, der die drei Begriffe Pessach, Mazza und Bitterkraut am Pessachabend nicht benennt und nicht erläutert, hat seinen Pflichten nicht Genüge getan.« Unter Pessach versteht man hier aufgrund der biblischen Anordnung der Tora das Lammopfer, das am Vorabend des Auszuges unserer versklavten Ahnen noch in Ägypten dargebracht wurde. Mazza ist das ungesäuerte Brot und Bitterkraut, das Symbol für die verbindliche Erinnerung an das Leiden unserer Vorfahren während der Knechtschaft. Symbolische Speisen, die uns die Tora für den Sederabend vorschreibt.

Zur Zeit Rabban Gamliels (Gamliel II., auch »Rabban Gamliel de Jawne« genannt, 80-117 n.d.Z.) gab es tiefe Gegensätze zwischen den Lehrhäusern von Schammai und Hillel, sodass die Einheit des Volkes gefährdet war. Gamliel verhinderte durch seine starke Persönlichkeit eine Spaltung. Jene zwei Lehrhäuser bekannten sich dennoch, trotz ihrer gegensätzlichen Meinungen, zur jüdischen Glaubenstradition, zur Heiligkeit der Tora und ihrer rabbinischen Erläuterungen.

Hingegen gab es außer den erwähnten Gruppen einige Juden, die die Freiheit und Freizügigkeit der traditionellen Exegese nützend, sich bei diesem Fest auf ihren Märtyrer Jesus stützten: Das Pessachopfer, das sie zu sich nahmen, war schon seinem Andenken gewidmet, die Mazza oder der Wein waren mit seinem Körper und Blut in Verbindung gebracht worden. Diejenigen, die dies so deuteten, verstanden sich durch ihre Abstammung wie auch ihre Lebensform als gläubige Juden.

Rabban Gamliels Hauptziel war die Bewahrung der einheitlichen Ausübung der Gebote, der Festtagsbräuche. Daher seine konsequente, eindeutige Aussage in der Haggada, in Richtung einer einheitlichen Auffassung, Motivation und Deutung dieser grundlegenden jüdischen Werte.

Erst nach dieser Aussage der Mischna folgt der oben zitierte Teil über das »Gebot der Identifizierung aller Generationen Israels mit dem Geschlecht des Exodus ...« Dies wird in der Mischna mit einem Toravers (2. Buch Mose 13,8) begründet: »Du sollst Deinem Sohne erzählen ...« Auch dabei gilt, dass diese präzisierte Forderung nach einer Identifikation mit dem Auszug aus Ägypten sich gegen jene jüdische Menschen richtete, die stattdessen die Hinrichtung Jesu durch die römische Besatzungsmacht in den Mittelpunkt ihres Festes setzten.

Ihnen gegenüber war es notwendig zu betonen, dass »das Gleichzeitigwerden der Generationen ein Grundelement der Heilsgeschichte bildet«, wie es der Religionsphilosoph Schalom Ben-Chorin in seinem Buch Narrative Theologie des Judentums formulierte: »Ohne diesen Akt der Identifikation … würden Fest und Brauch ihre Relevanz verlieren.« Es reicht nicht, sich an diesem Fest an die biblische Geschichte und die Tradition zu erinnern. Vielmehr muss an den Bräuchen konsequent festgehalten werden.

Es gab zu jeder Zeit Generationen unseres Volkes, die aus unterschiedlichen Gründen sich nur sehr schwer in jene Ereignisse der Knechtschaft einleben und damit identifizieren konnten. Noch eher befinden sich aber unter uns viele Menschen aus unterschiedlichen Jahrgängen und Ländern, die auch ohne besonderen Hinweis bei diesen Worten der Haggada in ihrem Inneren die Qualen der Ahnen mit ihren eigenen verbinden. Diesen Menschen verdeutlichen die Worte der Haggada, dass das jüdische Schicksal mit ihrem persönlichen identisch ist.

Das jüdische Fest verlangt von uns stets mehr, als nur pflichtgemäßes und emotionsfreies Gedenken vergangener Ereignisse. An Pessach bedeutet dies: Knechtschaft und Befreiung muss persönlich für jeden von uns erfahrbar und aufs Neue erlebbar bleiben, da es eine ewige Botschaft für uns alle beinhaltet. Die Aussage der Mischna zielt darauf, dass der Auszug für uns alle eine lebendige Erfahrung bleibt, auch dann, wenn wir die Sklaverei in Ägypten nie erlebt haben und wahrhaftig auch niemals Knechte waren.

Die Gültigkeit der Befreiung überdauert die Pessachfeiertage, hat einen Bezug auf alle Tage unseres Lebens. Daher wird der Auszug in den Tagesgebeten, morgens und abends erwähnt, damit wir ihn ständig als eine Dauererfahrung an der Oberfläche unseres Bewusstseins halten und nicht nur als ein einmaliges Geschehen, sondern sich als ein täglich wiederholendes Wunder.

Bei den frommen Juden der Karpato-Ukraine war es früher Brauch, während des oben genannten Abschnittes der Haggada mit einem Bündel Mazza auf dem Rücken um den langen Sedertisch zu ziehen. Eine Möglichkeit, sich in die Zeit des Auszugs aus Ägypten zu versetzen und diese Geschichte unseres Volkes nachzuerleben. Darum geht es am Sederabend.

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