Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt 2007 auf dem Blauen Sofa der Frankfurter Buchmesse Foto: picture-alliance/ dpa

Die Schoa hätte es nach Ansicht des französisch-deutschen Schriftstellers und Übersetzers Georges-Arthur Goldschmidt ohne den Terror der Französischen Revolution vielleicht nicht gegeben. Mit der Einführung der Guillotine im Jahr 1793 sei das Töten eine »nationale Einrichtung« geworden, sagte der in Paris lebende 98-Jährige der »Welt am Sonntag« in einem Interview. »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

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»Wer die Todesstrafe benutzt, ist ein Krimineller und ein Primitiver«, fuhr Goldschmidt fort. »Jemanden zu köpfen ist das größte Verbrechen überhaupt. Das war aber damals die Staatsräson. Dass man bestimmte Elemente vernichten müsse. Hinrichtungsbefehle.« Der Staat sei so zum »Tötungsapparat« geworden.

Dieses Denken habe sich »vielleicht wegen des Kolonialismus« in die NS-Zeit tradiert, mutmaßte Goldschmidt. Der Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, sei »eine Zwischenstation zu Auschwitz« gewesen. »Auschwitz ist dem Aussterben der Aufklärung geschuldet«, sagte Goldschmidt, der aus einer ursprünglich jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Familie bei Hamburg stammt.

»Zuvor gab es diese ganz herrlichen Menschen: Spinoza, La Boétie, Montaigne, Diderot, Voltaire, Rousseau, Goethe, Schiller, Hölderlin. Ich frage mich, ob nicht durch die Zerstörung der Aufklärung die großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts erst möglich wurden«, sagte Goldschmidt. kna

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