Abraham

Frauenversteher

von Rabbiner Shlomo Riskin

Warum war Abraham der erste Jude und nicht Adam oder Noach? Ich habe dieses Thema bereits öfter behandelt und die Meinung vertreten, Abrahams Einzigartigkeit leite sich aus der Tatsache her, dass er drei Generationen hervorbrachte, die dem ethischen Monotheismus treu blieben. Etwas, was weder Adam noch Noach zuwege gebracht hatten. Im Folgenden würde ich gern einen weiteren Aspekt beleuchten und diese drei herausragenden biblischen Persönlichkeiten aus der Perspektive ihrer Einstellung zu ihren Ehefrauen betrachten.
Adam und Eva übertreten Gottes Gebot und essen von der verbotenen Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse. Gott spricht zunächst mit Adam, dem Individuum, dem Er es zuerst verboten hatte, von der Frucht zu essen: »Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?« Offensichtlich erwartete Gott von Adam ein reuevolles Bekenntnis, woraufhin alles verziehen worden wäre und sämtliche Nachfahren des Menschen noch immer glücklich im Garten Eden lebten. Stattdessen ist Adam schnell mit Schuldzuweisungen bei der Hand – gegen Gott, aber insbesondere gegen Eva, seine Frau. »Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen« (1. Buch Moses 3,12). Nicht nur, dass Adam keine Anstalten macht, sein Vergehen zu bekennen oder zu versuchen, seine Ehefrau zu schützen; dieser erste Mann stiehlt sich hier aus der Verantwortung, indem er die ganze Schuld auf die Schultern seiner Frau abwälzt. Er betrachtet seine Frau le-
diglich als Mittel zum Zweck.
Kapitel 5 des Genesis-Buches katalogisiert die zehn Generationen zwischen Adam und Noach: »Set war 130 Jahre alt, da zeugte er Enosch ... Enosch war 90 Jahre alt, da zeugte er Kenan« (5,6-5,9). Und so fahren die Verse fort. Er lebte, und er zeugte. Aber wo sind die Frauen während dieses ewigen Fortgangs des Zeugens? Gebaren die Männer die Kinder selbst? Und wenn die Bibel doch einmal zwei Ehefrauen erwähnt, die Gattinnen Lamechs, Adah und Silah, leitet der von Raschi zitierte Midrasch ihre Namen von ihrer jeweiligen Funktion ab: Adah, die Gebärmaschine, Silah, die Trophäenfrau. Darin drückt sich gewiss kein partnerschaftliches Verhältnis von Mann und Frau und keine Seelenfreundschaft aus.
Und jetzt kommen wir zu Noach. Unser Tora-Abschnitt eröffnet mit einer Einleitung: »Das ist die Geschlechterfolge nach Noach: Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen; er ging seinen Weg mit Gott. Noach zeugte drei Söhne, Sem, Ham und Jafet« (6,9-10). Doch ist es auch hier wieder Noach allein, der das Zeugen bewerkstelligt, ohne dass eine Frau Noach Erwähnung findet. Es ist der Midrasch, der Noachs Ehefrau identifiziert: Es war Naama, die Schwester Tubal-Kajins. Offensichtlich bekommt Gott mit, wie wenig Beachtung Noach seiner Frau schenkt, denn es heißt: »Darauf sprach der Herr zu Noach: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus (ein Nomen, das im Talmud verwendet wird, wenn von der Gattin die Rede ist, sich im Allgemeinen aber auf den Haushalt oder die Familie bezieht) ... Von allen reinen Tieren nimm dir je sieben Paare mit ..., je sieben Männchen und Weibchen« (7,1-3). In der Bibel werden die Tiere sonst männlich und weiblich genannt, nicht Mann und Frau (Männchen und Weibchen). Gott zeigt Noach hier anscheinend, dass die Menschenwelt genau wie die Tierwelt paarweise in Erscheinung tritt: Männer mit ihren Frauen. Noach versteht den Wink nicht, weshalb es später heißt: »Noach ging also mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne in die Arche« (7,7).
Und noch einmal betont die Bibel: »Genau an jenem Tag waren Noach, die Söhne Noachs, Sem, Hem und Jafet und mit ihnen die drei Frauen seiner Söhne in die Arche gegangen« (7,13). Und ein letzter Versuch Gottes: »Da sprach Gott zu Noach: Komm heraus aus der Arche, du, deine Frau, die Söhne und die Frauen deiner Söhne!« (8,15). Aber auch dieses Mal bleibt Noach unempfänglich für Gottes Verweis. »Da kam Noach heraus, er, seine Söhne, seine Frau und die Frauen seiner Söhne« ( 8,18).
Erst im Fall Abrahams schildert die Bi-
bel die Ehefrau als unabhängige Persönlichkeit von einzigartigem Charakter. »Abram und Nahor nahmen sich Frauen; die Frau Abrams hieß Sarai« (11,29). Und durch die ganze Geschichte hindurch se-
hen wir, wie Abraham und Sara als Team zusammenarbeiten. Den Bibelvers »und die Knechte und die Mägde, die sie in Haran gewonnen hatten« (12,5), interpretiert der Midrasch sehr treffend: »Abraham konvertierte die Männer, und Sara konvertierte die Frauen« (Raschi, ebd.). Gott spricht zu Abraham: »Hör auf alles, was dir Sara sagt« (21,12). Und in den 38 Jahren, die Abraham nach Saras Tod noch lebt – wobei er stark und viril bleibt, eine andere Frau (Keturah, Hadar) heiratet und Söhne und Töchter zeugt –, wird er niemals mehr von Gott aufgesucht. Und die eine bedeutungsvolle Tat, die er vollbringt, ist, dass er Eliezer beauftragt, eine passende Frau für Isaak zu finden. Offenbar war Sara die größere Prophetin von beiden, das legen die Weisen nahe. Vielleicht ist es aufgrund des fortgeschrittenen Frau-Mann-Verhältnisses, das Abraham und Sara vertreten, dass Abraham – und nicht Adam oder Noach – als erster Jude angesehen wird.
Letztes Jahr war ich in Melbourne, um bei der Jahrzeit von Raw Hayim Gutnick, einem der bedeutendsten Gelehrten und Repräsentanten des australischen Judentums, zu sprechen. Es war einer der bewegendsten Momente meines Lebens, als ich die Videoaufzeichnung der Rede sah, die Raw Gutnick am dreißigsten Tag nach dem Tod seiner Ehefrau gehalten hatte. Nachdem er ihre Tugenden gepriesen hatte, sprach er zu der großen Menschenmenge, die sich zu ihrem Gedenken versammelt hatte: »Ich weiß nicht, warum, aber in der letzten Zeit der Krankheit meiner Frau sagte ich ihr nie, wie sehr ich sie liebe. Es gab zahlreiche Gelegenheiten, doch die Worte ‚Ich liebe dich‘ kamen mir nicht über die Lippen. Und dieses Versäumnis lässt mir keine Ruhe – denn jetzt ist es zu spät. Wenn ihr, die ihr heute hier versammelt seid, das Andenken an eure Rebbetzin aufrichtig ehren wollt, dann sollte ein jeder von euch, wenn ihr wieder zu Hause seid, zu seiner Frau oder zu ihrem Mann sagen: ‚Ich liebe dich‘ – bevor es zu spät ist.«

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.ohrtorahstone.org.il

Eva Erben

»Oft weiß man gar nicht, wie viel Kraft in einem steckt«

Die 95-jährige Holocaustüberlebende war aus Israel nach Prag gekommen, um bei der Verlegung der »Stolpersteine« für ihre in der Schoa ermordeten Eltern dabei zu sein

von Michael Thaidigsmann  26.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026