Königin Esther

First Lady, zweiter Blick

von Rabbinerin Gesa S. Ederberg

Nicht Indianer, Cowboys, Prinzessinnen und Feen, sondern Mordechai und Königin Esther! Die Hauptpersonen der Esthergeschichte prägen jüdische Kindheiten, denn zu Purim verkleidet man sich, und besonders gerne natürlich als die Helden oder Bösewichter der zugrunde liegenden Geschichte. Überall auf der Welt, sei es in den Gemeindehäusern oder auf den Straßen der Stadt, wird am 15. Adar Purim ge-
feiert, und in Erinnerung an die Errettung der Juden Persiens vor einem Pogrom auf das Wohl von Königin Esther und ihrem Onkel Mordechai angestoßen.
Ein Märchen wie aus Tausendundeiner Nacht – und es spielt sogar in Persien – hat seinen Weg in die Bibel und jüdische Tradition gefunden. Und das, ohne dass Gott überhaupt darin vorkäme! Aber es liegt nicht nur am märchenhaften Charakter der Geschichte oder an der zeitlichen Nähe zum Karneval, dass Masken und Verkleidung ei-
ne so zentrale Rolle an Purim spielen: Schon der Name von Esther wird in der rabbinischen Literatur erklärt als ein Hinweis auf »Hester panim«, das verborgene Gesicht.
In der Esthergeschichte kommt Gott als Verborgener vor. Gott kann gesucht und gefunden werden in den Zufällen des Le-
bens – ohne dass dies zwingend ist!
Oft wird in der jüdischen Tradition Pu-
rim mit Pessach verglichen, dem Auszug aus Ägypten, der im liturgischen Kalender nur wenige Wochen später gefeiert wird. Die Ähnlichkeiten sind verblüffend, die Un-
terschiede öffnen eindrucksvolle Perspektiven: Beide Geschichten spielen außerhalb des Landes Israel, einmal in Persien, das andere Mal in Ägypten. Beide Male hat man es mit dem absolutistischen Herrscher einer Großmacht zu tun, und es droht die physische Vernichtung. Beide Male werden die Juden auf wunderbare Weise gerettet.
Doch während die staatenlosen Israeliten mit der Befreiung und Flucht aus Ägypten den ersten Schritt zu einer nationalen Identität tun, bleiben die Juden Persiens im fremden Land – und ihre Identität eine genauso assimilierte und unklare wie zuvor.
Während mit dem Auszug aus Ägypten jüdische Tradition und Observanz begründet werden, ist es gerade die vollständige Assimilation der Königin Esther, die es ihr ermöglicht, wenn auch unwillig, zur An-
wältin ihres Volkes zu werden. Während Mordechai als frommer Jude beschrieben wird, gelingt es Esther lange, ihre jüdische Identität zu verheimlichen – das hätte am persischen Königshof sicher nicht gelingen können, wenn sie auch nur minimal religiös observant wäre! Eine koschere Küche jedenfalls wird der persische König bestimmt nicht gehabt haben.
Während also Pessach die große, einmalige Befreiung feiert, geht es an Purim um den kleinen Sieg, der mit Diplomatie, weiblicher Finesse und Raffiniertheit errungen wird – ohne dass auch nur die Absicht be-
steht, die Grundsituation des Lebens in der Diaspora zu kritisieren oder gar zu ändern. Und während es an Pessach ausdrücklich Gottes »starke Hand« ist, der persönlich sein Volk in die Freiheit führt, scheint die Rettung in Persien eher zufällig zu sein, und wenn überhaupt ist sie wohl Hofintrigen und Verführungen zu verdanken.
Und gerade mit dieser Ambivalenz wird die Esthergeschichte zu einem Mo-
dell für Gottes Handeln in der Gegenwart. Denn so wie die Bibel von Pessach berichtet, können heute nur noch Fundamenta-
listen reden: Mit einer Selbstsicherheit und unbeirrbaren Überzeugung die Hand Gottes in Naturereignissen und aktueller Politik zu sehen und unter Einsatz des ei-
genen Lebens diese Ereignisse aus religiöser Überzeugung mitzugestalten ist heute nicht mehr zeitgemäß, sondern wird – un-
abhängig von der religiösen Zuordnung – zu Recht als gefährlicher Fundamentlis-
mus gesehen.
Im Unterschied zu Pessach wird die Pu-
rimgeschichte auf der Textebene ganz oh-
ne jedes Wunder erzählt. Es ist wohldurchdachtes menschliches Verhalten, das die Wendung der Ereignisse herbeiführt. Ge-
nau so würden wir uns eine politische Analyse, einen journalistischen Hintergrundbericht über die Vorgänge am persischen Hof, und die Hintergründe ethnischer Unruhen heute vorstellen. Und die Heldin ist nicht eine religiöse Heilige oder gar Märtyrerin, sondern sie ist die ehemalige »Miss Persia«, heute amtierende Gattin des Regierungschefs, die sehr nachvollziehbare und menschliche Techniken be-
nutzt, um ihre Ziele zu erreichen.
Und erst durch das Verständnis, durch die Interpretation der Leser wird daraus ein heiliger Text, in dem Spuren von Gottes Handeln sichtbar werden. Die von Mordechai vage beschriebene Rettung, die er von »einem anderen Ort« erhofft, wird im Verständnis der rabbinischen Leser zu einem klaren Hinweis auf Gott.
Gottes Gegenwart und Handeln sind im Verborgenen zu suchen und zu finden. Es mag leichter gewesen sein, nach den dramatischen Ereignissen des Auszugs aus Ägypten Gottes Handeln in der Geschichte zu erkennen, als mitten im vollkommen diesseitigen Handeln von säkularen, nicht-observanten Jüdinnen und Juden am Hof des persischen Königs. Aber es ist auf jeden Fall zeitgemäßer, in einer vielfältigen und verwirrenden Welt mit unklaren Identitäten Gott im Verborgenen zu finden.

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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