Frankfurt/Main

Festakt für einen Freund

Touristen neigen dazu, die Frankfurter Paulskirche einfach links liegen zu lassen. Der nach ihr benannte Platz dient den meisten nur als Durchgangsstation, als kleines Verbindungsstück auf dem Weg vom zentralen Verkehrsknotenpunkt Hauptwache zum Römerberg, gegen dessen bunte Fassade sich die klassizistische Rundkirche eher bescheiden ausnimmt. Die Zeiten, in denen sie für Gottesdienste genutzt wurde, sind schon lange vorbei. Eine Art Heiligtum ist sie dennoch geblieben, ein säkularer Sakralbau, in dem das bürgerliche Frankfurt – oft unter Anteilnahme der ganzen Republik – seine demokratische Tradition hochleben lässt, und an diejenigen erinnert, die diese Werte in Leben und Werk verkörpert haben.

vorsitzender Auch an diesem Septembersonntag zieht das Gros der Passanten an der Paulskirche vorbei, ohne sich um das Empfangskomitee am Eingang oder die nach und nach eintreffenden Gäste zu kümmern. Es ist eine kleine Runde, die in der Wandelhalle der Kirche zusammen- kommt, zumindest im Vergleich zu den Großveranstaltungen, die meist im Innenraum stattfinden. An die 100 Zuhörer werden es am Ende sein. Gekommen um eines Mannes zu gedenken, den der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, als den »herausragendsten Vorsitzenden« des Zentralrats der Juden in Deutschland bezeichnet: Ignatz Bubis.
Am 13. September 2009 jährt sich Bubis’ Todestag zum zehnten Mal. Mittlerweile trägt eine Mainbrücke seinen Namen. Seit 2001 verleiht die Stadt Frankfurt den Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung. Eine Woche vor seinem zehnten Todestag laden der Magistrat der Stadt, die jüdische Gemeinde und die FDP zur Gedenkstunde.
Kurz vor Beginn der Veranstaltung füllen sich die Plätze. Im gedämpften Licht des Wandelgangs werden Hände gedrückt, Küsschen ausgetauscht. »Schön dich wiederzusehen« ist der Satz, der am häufigsten fällt. Charlotte Knobloch, Bubis’ Nachfolgerin als Zentralratsvorsitzende, ist gekommen. Generalsekretär Stephan J. Kramer nimmt in der letzten Reihe Platz. »Grüß dich«, ruft er dem Vizepräsidenten des Council of Jewish Communities zu.
Etwas abseits gruppieren sich die Vertreter der FDP um ihren Landesvorsitzenden Jörg-Uwe Hahn, als ob es noch etwas Wichtiges zu besprechen gäbe. Wolfgang Gerhardt, ehemaliger FDP-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, schert schnell aus diesem Kreis aus, um in der vordersten Reihe Platz zu nehmen.

Freund Ida Bubis sitzt dort bereits eine geraume Zeit. Ab und an unterhält sie sich mit einigen der eintrudelnden Gäste, beantwortet Fragen nach der Familie, ihrem Gesundheitszustand, lauscht Anekdoten über ihren verstorbenen Mann, von denen an diesem Nachmittag fast alle Anwesenden einige auf Lager haben.
Es wirkt wie eine Art Klassentreffen. Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen, die nach langer Zeit wieder an einem Ort zusammenkommen. Die gemeinsame Erinnerung an Ignatz Bubis, den Freund, den Mitarbeiter, den Mann, in dessen Fußstapfen einige Anwesende treten mussten, dient als Scharnier. Die Geräuschkulisse gleicht der einer Oberstufenklasse, kurz bevor der Lehrer den Raum betritt.
Die Rolle des Lehrers fällt an diesem Nachmittag der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth zu, die als Erste ans Rednerpult tritt. Ihre Erinnerungen an den »ehemaligen Kollegen Bubis« speisen sich vor allem aus der gemeinsamen Zeit im Magistrat der Stadt, in dem er die FDP vertrat. »Er ging Diskussionen nie aus dem Weg«, erinnert sich die CDU-Politikerin. Mit seinem Engagement als Politiker und Geschäftsmann habe Bubis das Frankfurt der Nachkriegszeit entscheidend mitgeprägt, durch seinen konsequenten Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus, ebenso wie durch seine Tätigkeit als Bauunternehmer. »Eine psychische und physische Kraftnatur«, sei Bubis gewesen, »einer der durch Worte überzeugte, durch sein gewinnendes Wesen, seine Wärme aber auch sein Härte.«
Daran, dass Bubis’ Engagement nicht immer auf Gegenliebe stieß, erinnert Salomon Korn. Das von Bubis als »staatlich subventionierter Antisemitismus« gebrandmarkte Fassbinder-Stück Der Müll, die Stadt und der Tod wird erwähnt, ebenso die Kontroverse um die Rede Martin Walsers anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998. Nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der an diesem Sonntag Ignatz Bubis’ gedacht wird, beklagte Walser seinerzeit die vermeintliche Instrumentalisierung der Schoa als »Moralkeule«. Elf Jahre danach ist Salomon Korn die Empörung über die Walser-Rede, die er als »wortgewandte Erinnerungsverweigerung« be-
zeichnet, immer noch anzuhören.
Auch Verbitterung liegt in Korns Stimme. Eine ähnliche Verbitterung, wie sie wohl auch auf Bubis selbst lastete, als er sich kurz vor seinem Tod selbst attestierte, in Bezug auf sein Lebensziel – Normalität im Umgang zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen – »nichts oder fast nichts« erreicht zu haben. Eine These, der Korn teilweise zustimmen muss. Zwar habe sich Bubis immer als »deutscher Citoyen« empfunden, der die Bundesrepublik im Ausland gegen Kritik in Schutz genommen habe, dennoch hätten ihm viele in Deutschland nicht mehr als ein »Gastrecht« zugestanden. Auch habe die Walser-Rede gezeigt, dass das Verhältnis von Juden und Nichtjuden in Deutschland noch weit von der Normalität entfernt sei.
Bubis’ größtes Verdienst sei es, »ein selbstbewusstes, sich an öffentlichen Be-
langen beteiligendes Judentum in Deutschland« gefordert zu haben. Raphael Gross, Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, bescheinigt dem verstorbenen Zentralratsvorsitzenden, »in vielerlei Hinsicht größer als sein Amt« gewesen zu sein. Unter seiner Ägide habe es »zu den sichtbarsten Ämtern in der Bundesrepublik« gehört.

Mensch Als Raphael Gross als letzter Redner das Podium verlässt, bleibt es zunächst still. Schon bei seinen Vorrednern hatte es keinen Applaus gegeben. Erst nach einigen Sekunden spendet Petra Roth demonstrativ Beifall. Das Publikum folgt ihr zögerlich, als warte es noch darauf, dass sich ganz zum Schluss die einzelnen Beiträge zu einem Gesamtbild des Menschen Ignatz Bubis zusammensetzen. Auch Ida Bubis applaudiert. Sie hat heute nicht gesprochen, obwohl sie nach über 40 Jahren Ehe vieles zu erzählen hätte. Doch der Privatmann Bubis muss auch an diesem Sonntag hinter sein Amt zurücktreten, wieder einmal.

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