Norbert-Wollheim-Memorial

»Etwas von der Würde zurückgeben«

von Matthias Kittmann

Im Inneren des kleinen Pavillons sitzt ein älterer Mann zwischen den Besuchern. Ganz ruhig, fast unscheinbar. Er verfolgt ein Videointerview mit David Salz, in dem dieser von seiner Kindheit, seiner Jugend, von seiner Deportation, von der Lagerhaft und seinem Leben nach dem Holocaust berichtet. Darüber, wie Unfassbares zum Alltag wurde. Der grauhaarige ältere Mann ist David Salz selbst, und fast scheint es, als ob er sich seiner Erinnerungen noch einmal vergewissern wolle.
David Salz gehört zu den ehemaligen Zwangsarbeitern, die am vergangenen Wochenende nach Frankfurt am Main reisten, wo das Norbert-Wollheim-Memorial, zu dem der Pavillon gehört, an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität eingeweiht wurde. Aus konkretem Grund. Denn die Universität, die den Namen des größten deutschen Dichters trägt, hat seit 2001 ihren Sitz in jenem berüchtigten Hauptgebäude der I.G. Farben, das für eine enge Verknüpfung mit dem NS-Regime steht. Der Konzern hatte Häftlinge des Konzentrationslagers Buna/Monowitz in seinem Werk I.G. Auschwitz zu Sklavenarbeit gezwungen. Von den Zehntausenden KZ-Häftlingen, die für den Konzern arbeiten mussten, wurden die meisten ermordet. Zudem stellte das Chemie-Unternehmen tödliches Gas für die Vernichtung her.
Norbert Wollheim gehörte zu den Überlebenden des Holocaust, bekannt wurde er dadurch, dass er 1951 den Konzern erfolgreich auf Entschädigung verklagte. Seitdem gilt er vielen der Überlebenden von Buna/Monowitz als eine zentrale Figur im Kampf um Anerkennung ihres Leidens und ihrer Rechte. Saul Kagan, lange Jahre Vizepräsident der Claims Conference, die als Organisation dafür kämpfte, dass jüdische Vermögen entschädigt wurden, beziehungsweise das Erbe ermordeter Juden nicht an den Staat fiel, hat Norbert Wollheim nach dem Krieg in Frankfurt kennengelernt. Kagan war rechtzeitig die Flucht nach Amerika gelungen, als Flieger-Offizier der US-Luftwaffe kehrte er zurück und übernahm dann die Verhandlungen für die Claims Conference mit der Regierung der amerikanisch besetzten Zone. Wollheim war nach Frankfurt zurückgekehrt, weil er sich für eine Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland engagieren wollte. So wurde er zum Mitbegründer des Zentralrats der Juden in Deutschland. »Wir sind gerettet, aber wir sind nicht befreit«, ist die zentrale Erkenntnis von Wollheim, die ihn zu seinem Engagement antrieb. »Norbert Wollheim steht stellvertretend für all jene, die für das NS-Regime Sklaven- und Zwangsarbeit leisten mussten«, so Saul Kagan. Mit dem Präzedenzfall von Wollheims Klage konnte die Claims Conference in den 50er- und 60er- Jahren Entschädigungsvereinbarungen mit deutschen Großunternehmen treffen. In der Folge erhielten beinahe 15.000 Personen in aller Welt Einmalzahlungen
Albert Kimmelstiel war ein enger Freund von Norbert Wollheim, wie er in Buna/Monowitz inhaftiert, später wohnten beide im New Yorker Stadtteil Queens sogar in derselben Straße, nachdem Wollheim entnervt von der deutschen Realität schließlich nach Amerika emigriert war. »Norbert hat viele gerettet, bloß seine Frau und Kinder konnte er nicht retten«, erzählt Kimmelstiel. 1998, als Wollheim schon schwer krank war, reiste Kimmelstiel nach Frankfurt, wo sich erstmals die Überlebenden von Buna/Monowitz trafen. Damals stand er zum ersten Mal der einstigen Zentrale des Schreckens gegenüber: »Solange man mit jemand reden kann, geht es. Aber in den langen Nächten ...«
Jetzt, wo er die Universität repräsentiert, ist Kimmelstiel gegenüber dem Bau versöhnlich gestimmt: »Die Universität steht für ein anderes Denken. Schließlich geht es auf die Initiative von Matthias Naumann und Stephanie Plappert zurück, dass wir heute hier stehen.« Die beiden (nun) ehemaligen Studierenden der Goethe-Uni hatten mit unglaublicher Zähigkeit ihr Projekt zur Erinnerung an Norbert Wollheim verfolgt. Ein Projekt nicht ohne Hürden. Karl Brozik, früherer Direktor der Claims Conference und Sprecher des Überlebendenbeirats des Fritz Bauer Instituts, setzte sich nach dem Tod von Wollheim 1998 gemeinsam mit der Studierenden-Initiative für eine Adressänderung der Universität ein. Statt »Grüneburgplatz 1« sollte sie »Norbert-Wollheim-Platz« heißen. Doch das scheiterte am zuständigen Ortsbeirat. Henry Schnabel, gebürtiger Frankfurter und Sohn des Überlebenden Leon Schnabel, nimmt kein Blatt vor den Mund: »Es gibt sicher Gründe, vertraute Ortsbezeichnungen zu behalten. Den Grüneburgpark kennt in Frankfurt jeder, vom Grüneburgplatz wissen die wenigsten, dass es ihn überhaupt gibt. Frankfurt hätte keinen vertrauten Ort verloren, sondern einen neuen gewonnen!«
Auch mehr als 60 Jahre nach dem Holocaust ist die Debatte oft immer noch schmerzlich. Mit der Lösung, die von dem Künstler und Professor Heiner Blum gestaltet wurde, sind die Überlebenden zufrieden. »Das ist heute ein bedeutender Tag für alle Überlebenden«, sagte Saul Kagan, »die jetzige Lösung gibt mir die Hoffnung, dass das Memorial auch ein Lehrinstrument für künftige Generationen ist.« Zu dem Pavillon weisen Fotografien den Weg. Auf einer dieser Installationen ist auch ein Foto von Albert Kimmelstiel im Kreise seiner Familie aus glücklichen Zeiten zu sehen. »Das hat mich mit voller Wucht getroffen«, berichtet er.
Peter Wollheim, Sohn aus Norbert Wollheims zweiter Ehe, sagt: »Das Memorial gibt den Opfern der I.G. Farben nach einem Leben unter Schmerz und Scham etwas von ihrer Würde zurück.« Peter Wollheim war ebenfalls bei der Einweihung. Er arbeitet selbst mit Suizidgefährdeten. Gleichwohl gestand er auch, dass das Leben in der Nachfolgegeneration von Holocaust-Überlebenden nicht immer einfach ist: »Das Grauen ist immer präsent, ohne dass darüber gesprochen wird. Ich denke, für meinen Vater war seine spätere Arbeit in den jüdischen Organisationen auch ein Teil seiner Verarbeitung mit dem Erlebten.« Diese Verarbeitung kann den Überlebenden niemand abnehmen. Die Erinnerung daran und Aufarbeitung der Verantwortung liegt in den Händen einer neuen Generation.

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