Alexander Madorski

»Es gibt auch spannende Fälle«

Bei mir beginnt jeder Tag wie der andere: Ich bringe meine Kinder zur Schule und in den Kindergarten, dann gehe ich zur Arbeit. Ich bin Richter am Landgericht Braunschweig und zuständig für Zivilrecht. Zweimal pro Woche werden dort die Sitzungen gehalten, dienstags und donnerstags. In der Regel ist es so, dass ich drei oder vier Sachen am Tag verhandele. Früher, als ich am Amtsgericht arbeitete, waren es auch manchmal sechs oder sieben. Verhandlungszeit ist immer zwischen zehn und halb drei.
An den anderen Tagen fällt hauptsächlich Lese- und Schreibarbeit an. Mein Tagesablauf hat sich ganz gut eingependelt. Da ich erst 34 bin, würde ich aber noch nicht von Routine sprechen. Zwischen halb neun und dem Feierabend sitze ich viel am Schreibtisch oder am Computer, nicht mehr so oft in Bibliotheken, weil man heute im Internet alle Möglichkeiten hat. Dann bearbeite ich die Akten verschie- dener Rechtssachen. Daneben diskutieren wir häufig im Kollegenkreis. Inzwischen hat sich schon eine gewisse Gewohnheit eingestellt, aber es gibt dabei ab und an auch Fälle, die richtig spannend sind. Mir macht das großen Spaß, es ist das, was ich nach dem Studium machen wollte.
Ich arbeite seit sieben Jahren als Richter. Bevor ich nach Braunschweig kam, hatte ich verschiedene Stellen an anderen Gerichten, auch in der Staatsanwaltschaft. Ich war auch Amtsrichter, das war für mich insofern schöner, als ich damals direkt mit den beteiligten Parteien kommuniziert habe. Heute geschieht das mehr über die Anwälte.
Mein Arbeitsbereich Zivilrecht ist sehr vielfältig. Ich bin spezialisiert auf Bausachen. Baurecht nimmt etwa 30 Prozent meiner Arbeitszeit ein, zum Beispiel, wenn Bauherren auf Mängelbeseitigungskosten klagen. Ich habe aber auch mit Streitigkeiten zwischen Erben zu tun oder mit Schmerzensgeldfällen nach Schlägereien.
Als Erstes versuche ich immer, eine gütliche Einigung zwischen den Parteien zu erzielen. Das ist, was mir an meinem Beruf am besten gefällt: Zusammen mit den Menschen sehen, was sie von einem Rechtsstaat erwarten. Dabei muss man mit den unterschiedlichsten Personen umgehen, zwischen ihnen vermitteln und einen Ausgleich schaffen. Wirklich unan- genehme Seiten hat mein Beruf eigentlich nicht, höchstens, wenn es für manche Parteien vor Gericht im Vordergrund steht, der Gegenseite eins auszuwischen. Und manchmal kommt es vor, dass Menschen krankheitsbedingt seltsame Anliegen haben.
Als Richter habe ich weniger feste Arbeitszeiten. Ich kann früh arbeiten oder spät, nachts oder am Wochenende mir alles frei einteilen und die Sachen mit nach Hause nehmen. In der Regel versuche ich aber, die üblichen Kernarbeitszeiten einzuhalten. Dann gehe ich nach Hause, je nach Wetterlage fahre ich mit dem Fahrrad oder laufe zu Fuß. Wir wohnen in der Nähe. Mein Alltag dreht sich viel um die Kinder. Wenn ich zu Hause arbeite, versuche ich, das spät zu tun, sodass ich noch Zeit habe, mit ihnen zu spielen. Von Montag bis Mittwoch bringe ich meinen Sohn zum Sport, Basketball oder Karate. Er ist sechs, meine Tochter zweieinhalb. Wir haben auch einen Kleingarten.
Meine Familie lebt seit sechs Jahren in Braunschweig. Vorher waren wir in Magdeburg. Studiert habe ich in Halle an der Saale. Meine erste Stelle hatte ich in Bad Gandersheim bei Göttingen. Da musste ich immer sehr lange fahren, das war nicht familienfreundlich. Andererseits konnte ich während der Fahrt all die Bücher lesen, zu denen ich sonst nicht kam. Heute habe ich weniger Zeit zum Lesen. Früher habe ich auch sehr gern Sport getrieben. Jetzt muss ich mich meist zwischen Hobby und Familie entscheiden, da gewinnt fast immer die Familie. Manchmal gehe ich mit meinem Sohn zu einem Fußball- oder Basketballspiel, der weiß ja noch gar nicht, wie so etwas abläuft. Meine Frau und ich versuchen hin und wieder auch, ins Theater oder ins Kino zu gehen, aber das klappt nicht regelmäßig, dafür sind die Kinder noch zu klein.
In meinen ersten Berufsjahren beschäftigte mich die Arbeit oft zu Hause noch. Immer habe ich versucht, mir dieses oder jenes Detail zu einem Fall zu überlegen. Selbst beim Essen oder beim Duschen – ständig habe ich darüber nachgedacht. Kaum eine Stunde ohne Grübeln. Da dröhnte mir manchmal der Kopf vor so viel Verantwortung. Inzwischen hat sich das gelegt. Heute denke ich außerhalb der Arbeitszeiten nur ab und zu an einen Fall.
Früher in Magdeburg habe ich ziemlich regelmäßig am Leben der jüdischen Gemeinde teilgenommen, zum Beispiel war ich oft in der Begegnungsstätte. Das Jüdische ist ein Teil meiner Identität, der nicht wegzudenken ist. Dass es in der Magdeburger Gemeinde Probleme gab, ist ja bekannt. Hier in Braunschweig hat sich so eine Anbindung an die Gemeinde bisher nicht ergeben. Ich brauche das aber auch nicht, um mich als Jude zu fühlen. Mein Vater geht zu den Feiertagen in die Synagoge. Ich wollte eigentlich auch immer, aber es kam nicht dazu.
Im November 1992 kam meine Familie nach Deutschland. Ich war damals 18. Mein Vater war Musiklehrer und meine Mutter Ärztin. Als wir nach Magdeburg kamen, war überhaupt nicht abzusehen, dass ich eines Tages Jura studieren würde. Am Anfang war es sehr schwierig hier. Bescheidene Sprachkenntnisse, wenig Geld und später ein kleines BaföG. Ich sprach nur sehr rudimentär Deutsch. 1993 machte ich dann Abitur am Studienkolleg, ein Jahr später fing ich an zu studieren, und 1999/2000 machte ich das erste Staatsexamen. Nach zwei Jahren Referendariat wurde ich dann als Richter eingestellt, kurz vor meinem 28. Geburtstag. Im Nachhinein wundere ich mich manchmal, dass alles so geklappt hat.
Bis zu meinem 18. Lebensjahr spielte sich mein ganzes Leben in Moskau ab. Alle meine Freunde lebten dort, und ich hatte in der Stadt meine Wurzeln. Mit der Zeit wird die Verbindung jedoch immer schwächer. Heute wohnt kaum noch einer von meinen Verwandten dort. Meine Großeltern und ein Onkel sind nach Israel ausgewandert. Vor einiger Zeit war ich für zehn Tage mit einer Delegation des Oberlandesgerichts in Russland. Da habe ich mich wie ein Tourist gefühlt. Meine Kinder sprechen heute beide Sprachen, aber Deutsch überwiegt. Ich finde es schön, wenn die Muttersprache erhalten bleibt, aber ich lege keinen besonders großen Wert darauf. Für mich ist es wichtiger, dass sie Deutsch können.
In Braunschweig finde ich es schön, es ist gemütlich. Doch so richtig angekommen in dieser vergleichsweise kleinen Stadt bin ich noch nicht und werde es vielleicht auch nie. Vor einiger Zeit dachten wir daran, irgendwann in eine größere Stadt zu ziehen. Doch inzwischen kann ich mir vorstellen, hier zu bleiben. Wenn mir die Großstadt fehlt, fahre ich nach Hamburg oder Düsseldorf, das ist nicht weit. Wir haben Freunde dort, die wir manchmal besuchen.

Aufgezeichnet von Tobias Müller

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026