Interview

»Es gab Vorbehalte«

Frau Bergmann‐Pohl, was verbinden Sie mit dem 9. November?
Dieser Tag ist das wichtigste Datum meines Lebens. Die innerdeutsche Grenze fiel, und wir konnten in der DDR Freiheit und Demokratie gestalten. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass ich das noch erleben würde.

Sähen Sie den 9. November gerne als gesetzlichen Feiertag?
Viele haben das damals gefordert. Wir haben uns dafür entschieden, den 3. Oktober als Feiertag zu wählen, den Tag, an dem die staatliche Wiedervereinigung vollzogen wurde. Der 17. Juni, der den Volksaufstand der Menschen in der DDR würdigte, wurde als staatlicher Feiertag abgelöst. Ich glaube, das war der richtige Weg.

Der 9. November steht auch für die Pogromnacht 1938. Welches Gedenken steht im Vordergrund?
Der 9. November ist in der Tat sehr geschichtsbefrachtet. Er markiert 1918 das Ende der Monarchie in Deutschland, Hitlers Putschversuch fünf Jahre später und dann natürlich als besonders entsetzliches Ereignis die Pogromnacht. Allein diese Tatsache würde übrigens dagegen sprechen, den 9. November zum Feiertag zu machen, denn dann gäbe man den Rechtsradikalen den Vorwand, den Tag für ihre menschenverachtenden Ziele zu missbrauchen. Den 9. November 1989 habe ich selbst miterlebt. Er hat daher für mich natürlich eine große Bedeutung, weil er mein ganz persönliches Leben radikal verändert hat.

Hatten Sie Kontakt zu Juden in der DDR?
Die Juden in der DDR wurden vom Staat nur als Religionsgemeinschaft betrachtet und waren eine Gruppe von Verfolgten unter vielen anderen. Obwohl ich im Berliner Bezirk Weißensee zur Schule gegangen bin, in deren Nähe sich der jüdische Friedhof befand, waren wir als Klasse nie dort. Das Thema spielte im Alltag keine Rolle.

Im April 1990 verlasen Sie eine einstimmig verabschiedete Erklärung der Volkskammer, in der die Juden in aller Welt um Verzeihung gebeten wurden.
Ja, das war gleich die zweite Volkskammersitzung. Am 5. April waren wir zusammen‐ gekommen, und am 12. April gab es schon diese Erklärung.

Warum stand das Thema so weit oben auf Ihrer Agenda?
Die meisten Abgeordneten waren sich bewusst, dass dieses Signal nach außen gesendet werden muss. Wir wollten zeigen, dass wir eine neue, demokratische Republik aufbauen wollten, die sich der Verantwortung ihrer Geschichte in der DDR bewusst ist. Wir wollten zeigen, dass man im Falle einer Wiedervereinigung keine Befürchtungen vor einem geeinten Deutschland haben muss. Das war uns sehr wichtig. Wir wollten als Demokraten gesehen werden und nicht als DDR‐Bürger, die in einem Staat aufgewachsen sind, in dem Demokratie, Recht und Freiheit keine Rolle gespielt haben.

Von wem ging die Initiative aus?
Soweit ich mich erinnere, von den Abgeordneten der SPD, Bündnis 90/Grüne, des Demokratischen Aufbruchs und der CDU.

Und die PDS/SED?
Inwieweit deren Abgeordnete wirklich innerlich zu der Erklärung gestanden haben, vermag ich nicht zu sagen. Ich schaue nicht in die Seelen der Menschen.

Sie waren ja seit 1981 in der DDR‐CDU. Wie stand die zu Israel und Judentum?
Ich kann mich nicht entsinnen, dass diese Themen bei uns je eine Rolle gespielt haben. Aber die Blockparteien in der DDR, das galt auch für unsere Partei, waren der SED organisatorisch und programmatisch untergeordnet. Nur dort wurde bestimmt.

Haben Sie in der DDR der Wendezeit 1989/90 auch ein Anwachsen des Antisemitismus beobachtet?
Eigentlich nicht. Ich glaube, dass die Menschen eher damit beschäftigt waren, über ihre Zukunft nachzudenken.

Im Juni 1990 reisten Sie mit Rita Süssmuth nach Israel. Es war Ihre zweite Dienstreise ins Ausland. Warum Israel?
Wir wussten, dass es dort Vorbehalte gegen die Wiedervereinigung gab. Die Reise war notwendig, aber keineswegs unumstritten.

Warum?
Im Vorfeld waren einige arabische Botschafter bei mir und haben mich regelrecht davor gewarnt, als Repräsentantin der DDR nach Israel zu fahren.

Was trugen die Botschafter vor?
Sie waren von der völligen Umkehr der DDR‐Politik überrascht, die ja bislang sehr proarabisch gewesen war. Man ging außerdem damals noch davon aus, dass wir für einen längeren Zeitraum gewählt worden waren und dass es die DDR noch einige Jahre geben würde. Insofern waren die Volkskammer‐Erklärung und die Reise ein starkes Signal.

Von wem ging die Initiative zur Reise aus?
Das war ein Gedanke, der primär bei uns geboren wurde. Wir haben auch bewusst entschieden, dass zwei Frauen reisen sollten. Wie gesagt, wir wollten unmissverständlich klarmachen, dass man vor Deutschland keine Angst haben muss.

Ist Ihnen das gelungen?
Ich glaube schon. Wir hatten zum Beispiel ein ganz wichtiges Gespräch mit dem damaligen Knesset‐Präsidenten Dov Shilansky. Er hatte angekündigt, dass er nie wieder einem Deutschen die Hand geben würde. Dies war nachvollziehbar, denn als Einziger seiner Familie hatte er die Schoa überlebt. Er entschloss sich aber, uns privat zu empfangen. Das war für mich eine überaus ergreifende Begegnung. Wir saßen an einem leeren Tisch in seinem Wohnzimmer und Shilansky fing einfach an, aus seinem Leben zu erzählen. Das Gespräch, das eigentlich nur zehn Minuten dauern sollte, ging fast eine ganze Stunde. Für uns war es sehr bewegend. Und zum Abschied gab er uns die Hand. Das berührt mich heute noch.

Konnten Sie die Bedenken vieler Israelis nachvollziehen?
Ohne jeden Zweifel, ich hatte tiefes Verständnis für die Vorbehalte.

Moniert wurde damals auch, dass Sie in Yad Vashem einen Bibelvers ins Gästebuch schrieben: »Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer seine Sünde aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.« Eine Bitte um Vergebung der Schuld, lautete der Vorwurf.
Daran kann ich mich zwar nicht erinnern, doch so viel: Die Deutschen tragen immense Schuld und müssen sich zu ihr bekennen. Vergebung kann es niemals geben, wohl aber ein konstruktives Miteinander der heutigen und künftigen Generationen und das immerwährende, engagierte Bemühen, dass aus der Geschichte gelernt wird.

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