Fulda

Erste Klasse

von Tina Heppenstiel
und Daniel Kister

Für dieses Jahr plane er mehr Veranstaltungen für ältere Gemeindemitglieder, erzählt Roman Melamed. Die jungen Leute kämen meist ganz gut alleine klar, die Senioren hingegen seien öfter auf Unterstützung angewiesen, erklärt der Gemeindevorsitzende der Jüdischen Gemeinde Fulda. Viele beherrschten die deutsche Sprache nur wenig. Etwa 200 Gemeindemitglieder sind älter als 60 Jahre.
Und Melamed hat sein Vorhaben sogleich in die Tat umgesetzt. Vor einer Woche hat sich in Fulda ein Gesprächskreis für Holocaustüberlebende gegründet. Er soll ein fester Bestandteil im Wochenplan werden. Sozialarbeiter wollen gemeinsam mit älteren Menschen deren Probleme besprechen und lösen. Unterstützung erfährt die Gemeinde aus Frankfurt, wo solche Kreise bereits etabliert sind. »Ich finde, es ist notwendig, dieser Gruppe von Leuten zu helfen«, betont Roman Melamed. Dies sei ein wichtiger Teil der Gemeindearbeit. Er rechnet mit 30 bis 40 Teilnehmern aus der Region.
Die jüdische Gemeinde in Fulda und der Region Osthessen mit den drei Landkreisen Fulda, Hersfeld-Rotenburg und Vogelsberg hat heute 453 Mitglieder. 1930 lebten allein in der Stadt Fulda 1.110 Ju- den, 1938 waren es nur noch 658. In den 50er- und 60er-Jahren gab es nur noch rund 40 Juden in Fulda. Mehr als 99 Prozent der heutigen Mitglieder kommen aus der Ex-Sowjetunion.
Auch Roman Melamed selbst stammt aus der Ukraine. Der 41 Jahre alte Vater von drei Kindern lebt seit 1998 in Deutschland. In seinem Heimatland hatte er Hebräisch unterrichtet. Im Jahr 2007 übernahm Melamed das Amt des Vorsitzenden von seiner Vorgängerin Hilde Weiland, die knapp 20 Jahre lang in der Gemeinde gewirkt hatte.
Melamed öffnete seine Gemeinde. Seit fünf Jahren bietet er Führungen durch die Synagoge an, vor allem für Kinder und Jugendliche. Eine besondere Veranstaltung gab es vor zwei Wochen: Im Rahmen der »Kinderuniversität« besichtigten Ju gendliche das Gemeindezentrum. Mit übergestülpter Kapuze oder mit ausgeliehener Kippa betreten die Jungen den Gebetsraum. »Warum müssen die Mädchen keine Kopfbedeckung tragen?«, fragt eine junge Studentin. Es ist Tradition, dass Juden immer eine Kopfbedeckung tragen, wenn sie über Gott reden, erklärt Roman Melamed. Und »fromme Juden tragen die Kippa fast den ganzen Tag und legen sie nur zum Schlafen oder Duschen ab«, erklärt er den 20 Kindern. Der Gebetsraum im jüdischen Gemeindezentrum bestehe aus zwei Teilen, fährt er fort, wobei der hintere durch einen Vorhang abgetrennt ist. »Während des Gebets sitzen die Frauen hinten, die Männer vorne.«
Die Synagoge sei in Richtung Jerusalem ausgerichtet. Auch der Vorbeter schaue während des Gebets gen Jerusalem, erklärt Melamed. Woher man wisse, wo Jerusalem liegt, will ein »Jungstudent« wissen. »Wir haben einen Plan und Kompass«, lautet die einfache Antwort. Als Melamed den Davidstern als Zeichen von König David erklärt, meldet sich ein Junge zu Wort: »Ich heiße auch David.«
Doch Melamed weiß, dass er nicht nur Kindern etwas vom Judentum erzählen muss. Viele Gemeindemitglieder selbst müssen erst an den eigenen Glauben herangeführt werden. »Unsere wichtigste Aufgabe ist es, viel zu lernen.« Viele Menschen wüssten nur wenig über jüdisches Leben. Der Tag der offenen Tür, den die jüdische Gemeinde jedes Jahr veranstaltet, soll dazu beitragen, Kontakte herzustellen und Vorurteile abzubauen.
In den vergangenen Jahren hatte die Gemeinde mehr Angebote für Kinder als heute, wie etwa eine Sonntagsschule. Nach wie vor aber bietet die Gemeinde dienstags Religionsunterricht für die Kinder an. Sie lesen in der Tora, lernen Hebräisch und erfahren viel über jüdische Gesetze und Feiertage.
Dass im jüdische Gemeindezentrum unterrichtet wird, kommt der ursprünglichen Bestimmung des Gebäudes sehr nahe. Seit 1982 nutzt die Gemeinde diese ehemalige jüdischen Volksschule in der Innenstadt. Knapp 100 Meter weiter befindet sich ein großer Kino-Komplex, die historische Altstadt ist nur wenige Fußminuten entfernt.
Hier hat die Gemeinde auch ein kleines Museum eingerichtet, das vor allem bei Führungen genutzt wird. Hier sind Kultgegenstände wie Gebetsmantel, Torarolle und Grabsteine ausgestellt. Zudem gibt es Informationen über die jüdische Geschichte Fuldas. Im Gebetsraum des Zentrums finden knapp 100 Menschen Platz. »Aber normalerweise kommen nur 40 bis 50 Personen zum Gottesdienst«, sagt Roman Me- lamed. Der beliebteste Gottesdienst ist am Freitagabend; danach sitzen die Gemeindemitglieder noch beim Kiddusch zusammen.
Etwas eng ist es allerdings geworden. Wegen der vielen älteren Mitglieder sei ein Fahrstuhl nötig, außerdem würden mehr Büroräume gebraucht. Doch die Gemeinde wachse seit etwa drei Jahren nicht mehr und verfüge nicht über die finanziellen Mittel – viele Mitglieder sind Hartz-IV-Empfänger. Einen Synagogenneubau hielte er daher für unrealistisch, sagt Roman Melamed. Zwar habe seine Vorgängerin Hilde Weiland immerhin schon über 100.000 Euro gesammelt, »aber das ist ein Tropfen im Meer«, bedauert Melamed.
Antisemitismus habe er in Fulda bislang nicht erlebt. »Wenn es in Fulda Antisemiten gibt, dann haben sie sich versteckt.« Dennoch ist das Gebäude von einem hohen Metallzaun umgeben, außerdem sind Überwachungskameras angebracht. Bei größeren Veranstaltungen stehe immer ein Streifenwagen vor der Tür. »Aber das ist nur eine symbolische Sache«, sagt Roman Melamed. Die Gemeinde erfahre viel Unterstützung von staatlicher und politischer Seite. Ich denke, die meisten Mitglieder fühlen sich hier wohl.»

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