Jeschiwa »Beis Zion«

Erkenne dich selbst

von Helmut Kuhn

Es ist ein nüchterner Gebetssaal. In der Mitte steht die Bima, auf der die Tora verlesen wird. Kleine Tische, einfache Stühle, an den Wänden Bücherregale, die Schriften. Ein Raum des Wortes. G’ttes Wort. Und das kann ziemlich stark sein. Rund 30 Studenten und Rabbiner lesen laut, diskutieren wild durcheinander, streiten um eine Textstelle. Thema, These, dann anfechten und verteidigen. Andere beten, murmeln ein Gebet, jemand singt.
»Man gewöhnt sich daran«, sagt Yaniv Kutschinski, 21. Am Anfang habe er sich noch an dem ständigen Geräuschpegel gestört, aber dann erkannt: »Man lernt, sich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren.« Der Münchner ist zwei Wochen zu Besuch hier. »Ich lerne in ein paar Tagen mehr als sonst in einem Jahr. Hier traue ich mich zu fragen, und es gibt immer eine Antwort.« Oder auch gleich mehrere.
»Was wäre das Judentum und damit mein Judentum ohne die jüdische Gemeinschaft? Jude kann man nicht allein sein.« Zu dieser Erkenntnis des israelischen Schriftstellers und Religionsphilosophen Schalom Ben-Chorin gelangte Vassilij Ko-
chan, 20, schon recht früh. Er stammt aus Russland, kam mit seiner Familie nach Magdeburg, dann zogen sie um nach Regensburg und später nach Leipzig. Vassilij ging aufs Gymnasium. Doch erst in Leipzig fand er Anschluss. Im Tora-Zentrum hörte er von der neuen Jeschiwa Beis Zion in Berlin-Mitte. Mit 17 Jahren zog es ihn dann in die Brunnenstraße. 2002 kaufte der Arzt Roman Skoblo den Gebäudekomplex, zu dem eine von den Nazis zerstörte und in der DDR-Zeit zweckenfremdete Synagoge gehört. Er sanierte die Wohneinheiten und das Bethaus im Hinterhof. Seither lernen dort wieder Torastudenten. Träger der Schule wie des dazugehörigen Internats ist die Ronald S. Lauder Foundation.
Sie kommen von überall her. Aus Russland, Polen, Ungarn, England und den deutschen Gemeinden. Längst nicht alle wollen Rabbiner werden. Dennoch ist gerade die Rabbiner-Ausbildung ein wichtiger Teil der Einrichtung. Am Seminar wird seit 2005 gelehrt und gelernt. Denn mit der wachsenden Zahl der Gemeinden steigt der Bedarf an ambitionierten Rabbinern. »Vor allem an solchen, die selbst aus den Gemeinden der russischen Zuwanderer kommen. Der Sinn ist doch, sie dort auszubilden, wo sie leben, anstatt Rabbiner aus den USA oder Israel einzufliegen«, sagt David Kern, der Direktor des Beit Midrash.
Der Unterricht findet auf drei Ebenen statt. Zunächst lernen die Studenten Hebräisch und Aramäisch, die Sprachen der Schriften. »Im zweiten Jahr stehen sie schon auf eigenen Füßen, arbeiten selbstständig und beginnen, sich zu streiten. Im dritten Jahr gehen wir in die Tiefe des Talmud und beginnen auch mit der Smicha, der Ausbildung zum Rabbiner«, sagt der britische Rabbiner Yoel Smith, der das Seminar leitet.
Seit fast drei Jahren lebt Vassilij Kochan im Internat der Jeschiwa. Ohne die Unterstützung der Schule und der Lauder-Foundation hätte er sich das nicht leisten können. Jetzt möchte Vassilij ein Jahr am Vollzeit-Programm teilnehmen. »Andere verreisen nach dem Abitur, ich möchte eine spirituelle Reise machen«, sagt er. Danach will er Wirtschaftswissenschaften studieren. Und weiterhin im Internat wohnen.
Ein normaler Tag beginnt um 7.30 Uhr mit dem Schacharit, dem Morgengebet. Gleich nach dem Frühstück sitzen die Ersten dann schon wieder im Gebetsraum und brüten über den Schriften. Der Unterricht beginnt um neun. Die Zeit des Lernens ist in drei Abschnitte gegliedert. Vormittags: Talmud. 15 bis 18.15 Uhr: Rab- biner und ihre Schüler unterrichten, angehende Rabbiner vertiefen sich in die Gesetze. Von 19 Uhr bis 21.30 Uhr erhält jeder Schüler ein individuelles Programm. Oder es finden Gastvorträge jüdischer Professoren oder israelischer Rabbiner statt.
Dann ist der kleine Raum im ersten Stock noch einmal zum Bersten voll. »Es kommen die Verheirateten und Berufstätigen aus der ganzen Stadt. Es geht um Fragen der Ethik, oder wie man sich verbessern kann. Da gibt es hier keinen Platz mehr«, sagt der in Usbekistan geborene Schlomo Afanasev, 28. Der Gebetsraum ist immer offen. Sogar nachts kommen sie, wälzen Bücher und Fragen.
»Erkennen wir uns selbst: Wir sind die Hüter der Wurzeln. Wir sind es. Wie können wir es werden? Wie werden wir, die wir sind?«, fragte Martin Buber 1951 in seiner berühmten Rede »Judentum und Kultur«. Darum geht es hier: sich in den Talmud zu vertiefen und zu lernen, die Gesetze im Leben umzusetzen. Die Tora will erlernt, will erfragt werden. Es sind Fragen nach Sinn und Aufgabe der jüdischen Existenz. Aber auch mal ganz sophistisch erscheinende Details.
Gerade streiten Schlomo und Yoel Smith über eine Frage des Zinses. Ribit, der Zins, ist das Thema dieses Jahres. Zuvor waren es die Schabbat-Gesetze und die Rituale des Schächtens. Die Frage des Zinses sei eine der kompliziertesten, sagt Shlomo, der nächstes Jahr ordiniert werden wird, und stöhnt ein wenig. Er habe ja auch Finanzmanagement studiert, »aber in der Tora gibt es eine ganze Theorie des Geldes, in der bereits alle Ideen enthalten sind«. Seit September debattieren sie nun schon über die Ethik des Zinses. »Nehmen wir an, in Berlin kostet ein Kilo Äpfel zehn Euro und in Leipzig fünfzehn Euro. Mein Geschäft besteht darin, Äpfel von Berlin nach Leipzig zu bringen«, sagt Shlomo. »Ich habe aber kein Geld und schlage dem Händler in Berlin vor, ihm auch Äpfel für den Leipziger Preis abzukaufen, wenn ich im Gegenzug die Ware erst zu einem späteren Zeitpunkt bezahlen muss.« Sofort mischt sich ein anderer Student ein: »Eine klare Zinsrate«, ruft er. »Ist diese Rate ethisch erlaubt?«, fragt Shlomo und gibt die Antwort: »Nur, wenn der Kreditgeber auch die Verantwortung für den Transport und andere Risiken übernimmt. Sonst wäre es eine reine Kreditrate und damit unzulässig.« Na ja, aber was ist wenn ..., kontern sofort die Studenten. Die Sache mit den Äpfeln ist noch nicht geklärt. »Es gibt eine Lösung für alles, aber das ist manchmal etwas kompliziert«, sagt Shlomo und lacht.
»Wer herausfinden möchte, was Judentum bedeutet, der findet hier Unterstützung«, sagt Rabbi Smith. Für Yaniv Kutschinski aus München war es hier wie »in einer Familie«. Bald will er wiederkommen. Denn der junge Mann weiß noch nicht so recht, was er studieren soll. »Man sagt: Nach einem Jahr Jeschiwa weiß jeder, was er im Leben will.«

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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