Evangelikale Christen

Er und sie

Ohne die Stimmen der evangelikalen
Christen wird der Republikaner John
McCain kaum noch amerikanischer Präsident
werden können. Um auch deren
Stimmen zu erhalten, holte McCain die
Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, ins
Boot und entschied sich gegen Joe Lieberman
als möglichen Vizepräsidenten.
Seine Berater überzeugte McCain mit
dem Argument, die Festlegung auf Lieberman
würde die Evangelikalen verärgern:
Lieberman ist nicht nur Jude, sondern war
früher auch in der Demokratischen Partei;
im Jahr 2000 kandidierte er neben Al Gore
für das Amt des Vizepräsidenten.
Schon im Sommer hatten mächtige
Fundamentalisten wie der Lobbyist James
Dobson und der Prediger John Hagee
McCain ihre Gefolgschaft verweigert.
McCains Berater fürchteten, dass Lieberman,
der das Recht auf Abtreibung unterstützt,
erst recht für Entrüstung auf dem
republikanischen Parteitag in St. Paul
gesorgt hätte. Und folglich wären die Bodentruppen
der Republikaner, die Evangelikalen,
bei der Wahl am 4. November
möglicherweise zu Hause geblieben.
Als Alternative zu Lieberman favorisierte
McCains Chefstratege Karl Rove den
Manager und Mormonen Matt Romney –
doch McCain mochte Romney nicht und
lehnte ab. Sehr spät kam die Gouverneurin
und Abtreibungsgegnerin Palin ins Spiel.
Erst am 28. August sprach McCain mit ihr
unter vier Augen über eine Kandidatur.
Schon am nächsten Tag verkündete er seine
Entscheidung.
Sarah Palin, die zur Kirche »Assembly
of God« gehört, repräsentiert die evangelikalen
Christen. Und die bilden mit beinahe
50 Millionen Anhängern die wichtigste
Wählergruppe für John McCain.
Solange McCain noch über Lieberman
oder Romney als mögliche Vizepräsidentschaftskandidaten
nachdachte, hatte er
nicht die Unterstützung dieser Gruppe,
auf die sich der amtierende Präsident
George W. Bush stützt. Erst die Entscheidung
für Sarah Palin im August dieses Jahres
holte die Evangelikalen in McCains
Lager.
Seit der Vernunftehe zwischen Prince
Charles und der jungen Lady Diana Spencer
erregte keine Promi-Liaison mehr Aufmerksamkeit
und war gleichzeitig so problematisch
wie die Verbindung von McCain und
Palin. Die Idee, Palin an McCains Seite zu
stellen, stammt von dem republikanischen
Aktivisten Adam Brickley, der die
Website palinforvp.blogspot.com betreibt.
Brickley war früher evangelikaler Christ,
bezeichnet sich aber jetzt als Mitglied des
»Messianischen Judentums«. Er glaubt
zwar an Jesus als den Messias, besucht
jedoch die Synagoge, weil er davon überzeugt
ist, dass man Jude sein müsse, um
»wie Jesus zu sein«. Seine Website wird
täglich von Tausenden besucht, auch von
konservativen Meinungsführern wie dem
Talkmaster Rush Limbaugh. Palin wurde
populär bei den rechten Republikanern,
und bald reisten einige einflussreiche Konservative
im Sommer 2007 mit einem
Kreuzfahrtschiff nach Alaska, um die Gouverneurin
zu Hause zu besuchen. Palins
Gäste, vor allem der neokonservative Kolumnist
William Kristol, waren entzückt
von ihr. Auch eine zweite Abordnung, so
berichtet die Zeitschrift New Yorker, war
von ihr angetan.
Sarah Palin verkörpert das, wonach
sich viele Wähler sehnen – und was der
eher weltlich orientierte John McCain
allein nicht liefern kann: Palin steht für
ein weniger rationales Politikmodell, das
auch George W. Bush repräsentiert. Laut
einer aktuellen Umfrage glaubt immerhin
ein Viertel der evangelikalen Christen,
dass der Terroranschlag vom 11. September
2001 schon in der Bibel vorausgesagt
wurde. Ein Fünftel von ihnen geht davon
aus, persönlich das Ende der Welt zu erleben.
Und ein Drittel glaubt, dass es eines
jüdischen Staates bedarf, ehe Jesus zum
Jüngsten Gericht auf die Erde zurückkehren
könne. Palin repräsentiert die alte
Bush-Allianz zwischen fundamentalistischen
Christen und säkularen, konservativen
Außenpolitikern.
Auch, wenn diese Allianz heutzutage
nicht mehr so stark ist wie noch vor Jahren,
so funktioniert die alte Koalition zwischen
Fundamentalisten und säkularen
Konservativen immer noch. In Florida, wo
sich viele Juden zur Ruhe gesetzt haben,
führt McCain auch ohne Lieberman mit
fünf Prozent Vorsprung. Sein Konkurrent
Barack Obama hat Florida bereits aufgegeben.
Anders noch als in George W. Bushs
Wahlkämpfen hat diese Allianz allerdings
kein Feuer mehr, sie ist unter McCain eher
ein kühles Zweckbündnis.
Und gerade Sarah Palin, die die Evangelikalen
für McCain gewinnen soll, schreckt
viele jüdische Wähler ab. Die Ansichten
ihrer Kirche »Assembly of God« finden
manche amerikanische Juden beunruhigend:
Die drei Millionen Mitglieder dieser
Kirche glauben nämlich, dass die Gründung
Israels im Jahr 1948 weniger das
Werk jüdischer Einwanderer war als vielmehr
ein christlicher Beweis dafür, dass
Gottes Hand die Geschichte lenkt.
Wenn John McCain, wie in Florida, die
Stimmen vieler Juden gewinnen kann, geschieht
das trotz Sarah Palin. Wenn er die
Stimmen der Evangelikalen gewinnt, dann
geschieht dies trotz John McCain.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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