Kapitalismus

Ende einer Utopie

Beschaulich und friedvoll ist es am Fuße des Gilboaberges im Jisrael- Tal. Vögel zwitschern in der Bougainvillea, die Häuschen mit den roten Dächern stehen unter schattigen Bäumen, Kinder spielen Ball in der Nachmittagssonne. Hinter den Türen des Kibbuz Ein Harod jedoch haben sich im Laufe der vergangenen neun Jahrzehnte Dramen abgespielt. Jetzt ist das letzte Kapitel der Kooperative beschlossen: Ein Harod Meuchad – ein Symbol der Kibbuz-Ideologie – wird privatisiert.
Auf ihrer Mitgliederversammlung in der vergangenen Woche stimmten die Be-
wohner diesem größten Einschnitt in der Geschichte der kollektivistischen Siedlung zu und folgen damit dem Trend der Kibbuzim zur sogenannten »Hafrata«, der allmählichen Auflösung aller kommunistischen Elemente. Mitte der 90er-Jahre hatte diese Entwicklung begonnen und nimmt ihren Lauf.
»Es mag die alten Kibbuzniks sehr schmerzen, was gerade geschieht, doch diese Entscheidung ist richtig und gut«, meint Dafna, Tochter eines langjährigen Mitglieds, die mit ihrer Familie vor vier Jahren nach Ein Harod zurückkehrte, nachdem sie jahrelang in der Stadt gelebt hatte. Auch sie und ihr Mann haben ihr Kreuzchen bei »Ja« gemacht. Grund für die Privatisierung waren vor allem die finanziellen Schwierigkeiten des Kibbuzes gewesen, die sich im letzten Jahr durch die allgemeine Wirtschaftskrise noch verstärkt hatten. Haupteinnahmequellen sind eine Möbelfabrik, Metallverarbeitung und Landwirtschaft.

Abstimmung Bei der Versammlung hatten sich 79 Prozent der 350 Stimmberechtigten für den Schritt ausgesprochen. Nach der Abstimmung muss nun erarbeitet werden, wie man mit den unterschiedlichen Gehältern umgeht. Das Geld wird dann nicht mehr auf das Gemeinschaftskonto sondern die Privatkonten der Beschäftigten überwiesen. Auch die Pflicht der Mitglieder, die außerhalb des Kibbuzes arbeiten, ihre Gehälter dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen, ist aufgehoben. Au-
ßerdem wurde festgelegt, dass der Kibbuz Pensionären eine monatliche Rente von etwa 500 Euro zahlt. Direktor Iftach Amami machte klar, dass sich die Mitglieder nun zudem eigenverantwortlich um ihre Gesundheitsvorsorge und die Erziehungskosten der Kinder kümmern müssen. Diese waren fast neun Jahrzehnte lang Grundsäulen der kollektiven Versorgung.
Kibbuzbewegung Derzeit gibt es noch 256 Kibbuzim in Israel, in denen nach Auskunft der Kibbuzbewegung 106.000 Be-
wohner leben. Weniger als 20 Prozent sind nach wie vor Kooperativen im ursprünglichen Sinn. Der Großteil liegt in ländlichen Gegenden, von den Gebirgen im Norden bis zum südlichen Zipfel der Ne-
gevwüste. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben fast alle einen starken Mitgliederrückgang hinnehmen müssen. Die meisten Menschen zog es in die Städte. In den letzten vier, fünf Jahren wiederum ist auch ein anderer Kurs zu beobachten: Leute, die einst die Ansiedlungen verlassen haben, kehren heute mit ihren Familien zurück, auf der Suche nach einem beschaulicheren Leben: »Zurück zu den Wurzeln«. Auch werden zusehends Kooperativen nach altem Vorbild der sozialistischen Traditionen gegründet, hauptsächlich von Aussteigern, die dem alltäglichen Leben mit Leistungsdruck nichts mehr abgewinnen können.

Vergangenheit Für Ein Harod sind diese Zeiten vorbei. 1921 am Fuß des berühmten Gilboaberges von zehn Pionieren als erster großer Kibbuz des Landes gegründet, standen Ideale seinerzeit über allem. 1952 kam es dadurch zu einem so großen Streit, so dass eine Spaltung des Kibbuzes unabwendbar wurde. Beide Nachfolger be-
anspruchten den Originalnamen Ein Ha-
rod, fügten jedoch die Zusätze »Meuchad« beziehungsweise »Ichud« hinzu. Alon Ta-
benkin erinnert sich: »Es war alles so persönlich, bis auf Mord gab es in dieser Ge-
schichte alles, was man sich vorstellen kann. Auf der Seite meiner Mutter hat diese vernichtende Sache die Familie zerstört. Großmutter blieb im ›Meuchad‹, Großvater ging zu ›Ichud‹. Es gab eine richtige Gasse, die durch unseren Speisesaal führte und die Lager trennte.«
Heute ist von Ideologien nicht mehr viel zu spüren. Auch wenn es Gegner der »Haftrata« gab, verlief die jetzige Abstimmung besonnen. Ahuvia Tabenkin, Sohn des Gründers und legendären Kibbuzideologen Yitzchak sagte jedoch, dass sein Vater diesen Schritt abgelehnt hätte. Er habe immer die gemeinsame Verantwortung be-
tont. Mit dieser Entscheidung werde die eigentliche Bestimmung eines Kibbuzes ad absurdum geführt.

Zukunft Dafna ist erleichtert: »Es ist der Zeitgeist. Wir können nicht ewig so tun, als lebten wir in einer anderen Epoche. Heute ist nicht mehr das 20. Jahrhundert. Wir alle müssen in dieser extrem modernen Gesellschaft funktionieren, das wollen und dürfen wir unseren Kindern nicht vorenthalten, auch wenn wir die Abgeschiedenheit und Beschaulichkeit der großen Welt vorziehen.« Der Kibbuz sei lange wie eine Blase gewesen, die für sich selbst existierte, meint sie. »Doch draußen in der Welt sind wir Ex-Kibbuzniks überhaupt nicht klargekommen. Wir konnten noch nicht einmal mit Geld umgehen. Das geht heute einfach so nicht mehr. Es ist das Ende einer Utopie.«

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