Haus der Wannsee-Konferenz

Emotionaler Termin

Israels Ministerpräsident Yair Lapid (r.) und Bundeskanzler Olaf Scholz im Haus der Wannsee-Konferenz Foto: picture alliance/dpa/Reuters/Pool

Am Montagnachmittag haben sich Israels Ministerpräsident Yair Lapid, Bundeskanzler Olaf Scholz und eine Gruppe aus Israel angereister Schoa-Überlebender im Haus der Wannsee-Konferenz zu einem gemeinsamen Gespräch getroffen.

Dort, wo am 20. Januar 1942 hochrangige SS-Beamte das größte Menschheitsverbrechen bürokratisch planten, saßen nun die Zeitzeugen und berichteten von dem Grauen, das die Nationalsozialisten ihnen und ihren Familien angetan hatten. Es war der wohl emotionalste Termin während Lapids zweitägigem Besuch in Deutschland.

Symbolik So emotional der Termin war, so war er auch durchweg symbolisch aufgeladen. In die Villa eingeladen hatte nicht Scholz, sondern Lapid, der den Bundeskanzler im Beisein der Überlebenden am Eingang der Villa empfing. Anschließend traten sie gemeinsam für ein Gruppenfoto vor die Presse: fünf Überlebende, ihre Nachkommen, der Premier des Staates Israel und der deutsche Bundeskanzler vor der großbürgerlichen Villa der Wannsee-Konferenz, samt ihrer unsäglichen Geschichte. Es war ein historischer Moment.  

Lapid sagte über seinen Vater: »Er hat überlebt, eine Familie und einen Staat gegründet.«

Im Anschluss versammelte sich die Gruppe im Inneren der Villa, wo Yair Lapid das Wort ergriff. In einem bewegenden Bericht erzählte er die Überlebensgeschichte seines Vaters Josef Lapid, die er mit den Worten beendete: »Er hat überlebt, eine Familie und einen Staat gegründet.«

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Dann richtete er seine Worte an Scholz und die Überlebenden: »Heute ist der deutsche Kanzler, der deutsche Staat, hierher, in diese Villa gekommen, wo das Böse ausformuliert wurde. Er ist gekommen, um euch zu ehren und um euch um Vergebung zu bitten. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Es erfordert nicht wenig moralische Courage.«

VERBRECHEN Anschließend ergriff Olaf Scholz das Wort. Er beschrieb das Haus der Wannsee-Konferenz als einen Ort, wo ein »furchtbares Verbrechen geplant worden ist«. Die Ungeheuerlichkeit des Verbrechens werde umso größer, wenn man wisse, auf welche Art und Weise dies geschehen sei, sagte Scholz, nämlich: »bürokratisch, pedantisch, mit Präzision«. Zudem betonte er, wie wichtig es sei, dass das Haus der Wannsee-Konferenz nun eine Gedenkstätte ist. Die Erinnerung an die Verbrechen dürfe nicht verblassen.  

»Heute hier zu sitzen, als Israeli, mit eigenem Land, mit meinem Premierminister: Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich fühle.«

Penina Katsir, Schoa-Überlebende

Schließlich sprachen die Überlebenden und berichteten nacheinander von den Verbrechen, die sie erleiden mussten. Unter ihnen war die 93-jährige und in Rumänien geborene Penina Katsir. »Wie Ziegen haben wir nach Blättern zum Essen gesucht«, erinnerte sie sich und blickte dabei ausschließlich zu Scholz, der nicht wegsah. »Heute hier zu sitzen, als Israeli, mit eigenem Land, mit meinem Premierminister: Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich fühle«, führte Katsir fort und lächelte.

verantwortung Abschließend bedankte sich Olaf Scholz bei den Überlebenden und betonte, wie wichtig es sei, dass sie über ihre Erfahrungen sprechen. »Nicht nur an diesem Tisch, sondern für uns alle, für diejenigen, die nach uns kommen, damit die Erinnerung bleibt und wir unsere Verantwortung wahrnehmen.«

Und er beendete das Zusammentreffen mit den Worten: »Ich will ausdrücklich sagen, dass es für mich ein sehr berührender Moment ist, dass Sie hier sitzen als Überlebende. An diesem Ort, wo dieses schreckliche Verbrechen geplant wurde. Weil es ja auch zeigt: Die Nazis sind besiegt worden.« Es sei unsere Verpflichtung, sie immer wieder zu besiegen.

Lesen Sie mehr in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

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