Schutz in Israel

»Einfach nur frei sein«

von Sabine Brandes

Ihr Kleid strahlt leuchtend rot. Eine fröhliche Farbe. Doch Mahas Gemütslage ist eine andere. Sie sitzt in der äußersten Ecke des Sofas mit den abgewetzten Armlehnen und starrt traurig ins Leere. Hin und wieder schaut die 18-Jährige für einen Moment in den Raum, als wolle sie sich vergewissern, wo sie ist, dann schweift der Blick wieder ab. Die Hände hält Maha schützend über ihrem dicken Bauch gefaltet. Sie ist im sechsten Monat schwanger. Vor einem Tag ist die junge Frau von Ägypten nach Israel gekommen. Zum Teil zu Fuß und ganz allein.
Seit Maha denken kann, ist sie ein Flüchtling. Nirgends zu Hause. Zuerst musste sie vor den mordenden, arabischen Reiterbanden der Dschandschawid aus ihrer Heimat Darfur im Norden des Sudan fliehen, danach wurden sie und ihre Familie von den Behörden des Auffanglagers in der brandgefährlichen Hauptstadt Khartum bedroht und schließlich von den Ägyptern, bei denen sie die vergangenen drei Jahre Zuflucht gesucht hatte, beschimpft und geschlagen. Das Wort »angekommen« existiert nicht in Mahas Wortschatz.
In Ägypten leben Moslems aus Darfur und Christen aus dem sudanesischen Süden. Niemand will sich festlegen, wie viele Menschen es genau sind. Die Zahlen schwanken von 100.000 bis zu zwei Millionen. Geflohen sind sie vor dem mehr als zwei Jahrzehnte andauernden Bürgerkrieg und dem nicht endenden Völkermord in Darfur. Jahrelang war ihre Situation »nicht gut, aber erträglich«. So beschreibt es ein Geflohener. Nachdem die Menschen von der UNO offiziell als Flüchtlinge anerkannt wurden, änderte sich das jedoch von einem Tag auf den anderen. Sie verloren ihre Jobs, wurden verprügelt, um ihr Geld gebracht. An einem Tag im Dezember 2005 erschoss die Polizei bei der Auflösung einer Demonstration in Kairo nach offiziellen Angaben 27 Menschen. Hilfsorganisationen gehen von mindestens 200 Getöteten aus.
Seit diesem Tag bangte Mahas Ehemann, auch er aus Darfur, um das Leben der beiden. Sie sparten und sparten, doch am Ende fehlte das Geld für die gemeinsame Flucht. So traf er die schwere Entscheidung, wenigstens seine Frau und das ungeborene Kind in Sicherheit zu bringen. Das einzige Land in erreichbarer Entfernung, das keine Gefahr darstellt: Israel. Hinter der Grenze wird der Name wie eine Verheißung geflüstert. Mahas Mann heuerte über Bekannte Beduinen an, um seine Frau durch den Sinai und die Grenzen zu schmuggeln, sie sind bekannt als Menschentransporteure. Maha erzählt stockend und kaum hörbar von ihrer jüngsten Flucht. »Ich hatte solche Angst, ich wusste nicht, wo ich war.« Zwei dicke Tränen rollen über ihre Wangen. Einen Tag darauf stand sie plötzlich an einer ihr fremden Grenze, mit nichts außer einer kleinen Tasche in der Hand, darin ihr wertvollster Schatz: das Fotoalbum. Die Beduinen hatten ihr eingeschärft, »die Füße über die Grenze zu setzen. Sie muss auf israelischem Boden sein, was immer auch geschieht.« Die ägyptischen Grenzer würden sie sonst töten.
»Dieser eine Schritt ist entscheidend, denn nach israelischem Recht darf kein Asylsuchender zurückgeschickt werden, ist er erst über die Grenze geschritten«, erklärt Sigal Rosen von der »Fremdarbeiter-Hotline«, einer Hilfsorganisation mit Sitz in Tel Aviv, die sich der Flüchtlinge aus dem Sudan angenommen hat. »Jeder Mensch, der in unser Land kommt, hat das Recht, vor der Vertretung des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) in Jerusalem gehört zu werden. Allein der Innenminister entscheidet, ob jemand abgeschoben wird.«
Maha machte den entscheidenden Schritt, und die israelischen Soldaten leuchteten der jungen Frau mit Taschenlampen ins Gesicht. Dann fragten sie, woher sie komme. »Sudan«, rief Maha. Mittlerweile sind die Männer und Frauen, die an der südlichen Grenze zum Nachbarland ihren Dienst tun, an die ungewohnte Lage gewöhnt. Fast jede Woche kommen Flüchtlinge aus dem Nachbarland an – eine völlig neue Situation in Israels Geschichte. Die Soldaten gaben Maha zu trinken und essen und riefen die Hilfsorganisation an. Wenige Stunden später saß die 18-Jährige auf dem Sofa des Frauenhauses in Galiläa.
Die ersten Sudanesen überraschten die Grenzsoldaten Mitte 2005. Niemand hatte mit ihnen gerechnet, niemand war auf sie vorbereitet. Heute sind es etwa 400. Während die Frauen und Kinder in Schutzeinrichtungen wie Frauenhäusern untergebracht sind und von privaten Organisa- tionen versorgt werden, landeten die meisten der Männer, nachdem sie den Genozid in der Heimat überlebt hatten, hinter Gittern. Grund für die Festnahme ist die Ausnahmeregelung der Genfer Flüchtlingskonvention, die Israel für sich geschaffen hat: Der Staat behält sich das Recht vor, Flüchtlinge aus einem feindlichen Land nicht anzuerkennen. Der Sudan ist ein fundamentalistisch-islamischer Staat – und somit Feind. Manche der Männer sitzen seit fast zwei Jahren in den Gefängnissen Ketziot und Massijahu.
Genau dagegen kämpft C.A.R.D. Das Komitee für die Verbesserung der Situation der Darfur-Flüchtlinge ist eine Dachorganisation verschiedener Hilfsreinrichtungen, Organisationen und Privatleute, darunter die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die Hotline für Fremdarbeiter und die Ärzte für Menschenrechte. Der Israel-Preis-Gewinner Yehuda Bauer ist C.A.R.Ds Ehrenpräsident. In Zusammenarbeit mit der Anwaltskanzlei für Flüchtlingsrechte der Tel Aviv Universität um die Anwältin Anat Ben-Dor hat die Organisation jüngst die Regierung verklagt. »Weil Israel den Sudan zwar als Feindesstaat ansieht, aber ebenso die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet hat, die humane Behandlung und Schutz vor Völkermord garantiert«, sagt Rosen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Israel die Konvention sogar auf den Weg gebracht, nachdem Juden auf der Flucht vor den Nazis in anderen Ländern regelmäßig vor verschlossenen Türen standen, weil sie als Bürger einer Feindesnation galten. »Jetzt macht Israel genau das Gleiche«, sagt die Menschenrechtlerin. »Aber wenn diese Menschen Verfolgte in ihrer Heimat sind, sind sie nicht mehr unsere Feinde.« Avner Schalev, Direktor von Yad Vashem, sieht das genauso. In einem Brief an Ministerpräsident Ehud Olmert schrieb er: »Als Teil des jüdischen Volkes, für das die Erinnerung an den Holocaust derart präsent ist, können wir nicht danebenstehen, während Flüchtlinge des Genozids in Darfur an unsere Türen hämmern. Die Erinnerungen und jüdischen Werte zwingen uns, Solidarität mit den Verfolgten zu zeigen.«
Jeder Sudanese habe sich sofort in die Hände der Behörden begeben und mit ihnen kooperiert, sagt Rosen. Da die Menschen jedoch illegal über den Sinai ins Land kommen, brechen sie das Einwanderungsgesetz. Bei anderen Nationalitäten muss der Staat den Fall innerhalb von 30 Tagen prüfen und eine eventuelle Inhaftierung rechtfertigen. Doch da für Bürger aus Feindesnationen striktere Gesetze gelten, können sie endlos ohne Einspruchsmöglichkeit hinter Gittern gehalten werden.
Das Argument der »Feindesnation« sei lediglich vorgeschoben, vermuten Menschenrechtler. »Einer der Gründe für die Inhaftierung ist die Sorge Israels, dass unendlich viele Flüchtlinge kommen«, sagt Eytan Schwartz. Doch der Pressesprecher von C.A.R.D glaubt, dass diese Angst unbegründet ist. Erstens wollten gar nicht alle nach Israel kommen, sondern in andere westliche Länder weitergeleitet werden. Zweitens könnten sich ohnehin nur die wenigsten Sudanesen im Nachbarland die teure Schmuggeltour leisten. Er ist überzeugt, dass langfristig nur ein Deal zwischen Ägypten und Israel das Problem lösen kann. Seines Wissens finden bereits erste Verhandlungen statt. Schwartz ist nicht nur Pressesprecher von C.A.R.D, sondern auch Fernsehstar. Der smarte Weltbürger gewann die erste Staffel von »Embassador«, einer TV-Show, die das Ziel hat, Israels Image in der Welt zu verbessern. Nach einem Jahr in den USA kehrte Schwartz mit der Überzeugung zurück, sich für die Darfur-Flüchtlinge stark machen zu müssen. »Dafür nutze ich meine Bekanntheit.«
Es wirkt. Seit August des vergangenen Jahres sind auf die Initiative von C.A.R.D fast 200 Männer aus den Gefängnissen freigekommen. Mit der Auflage, in Kibbutzim oder Moschawim zu arbeiten und die Gegend nicht zu verlassen. Einer von ihnen ist Osman. Seit einigen Monaten packt er in einem Moschaw bei Raanana Karotten in Kisten, lebt in einem kleinen Blechcontainer und findet es »wunderbar«. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich nicht bedroht und schutzlos. »Die Leute in Israel schlagen uns nicht, sie schreien nicht ständig, sondern sind richtig nett. Wir werden wie Menschen behandelt.« Der 30-Jährige aus Darfur ist schmächtig, auf seinem Gesicht sind tiefe Narben zu sehen. Er trägt ein T-Shirt mit hebräischen Buchstaben, eine Spende der Moschaw-Bewohner. Vor viereinhalb Jahren flüchtete Osman aus seiner geschundenen Heimatregion vor den Dschandschawid, »die alle und jeden töteten, ohne Rücksicht«. Von seinen Eltern und den acht Brüdern und Schwestern hat er seitdem nichts mehr gehört. Kein Telefonanruf, kein Brief, nichts. Einige Male hatte er über Hilfsorganisationen in Ägypten versucht, Kontakt aufzunehmen, ohne Erfolg. »Ich weiß nicht, ob ich je wieder etwas von meiner Familie hören werde, wo sie sind, was mit ihnen geschehen ist. Ich kann nur hoffen.« Als er das sagt, guckt Osman nach unten, zieht Kreise mit dem Turnschuh in den Kies und schüttelt den Kopf. Die Gedanken müssen zu schrecklich sein, um sie zulassen zu können. Dann schaut er wieder auf und ringt sich ein Lächeln ab. Israel sei ein besonderes Land, findet er, ein schönes. »Man merkt, dass es eine Demokratie ist.«
Osman spricht gutes Englisch. Obwohl im Sudan mittlerweile Arabisch offizielle Amtssprache ist, gilt Englisch als Bildungssprache. Vier Jahre lang hat er in Kairo gewohnt und von Gelegenheitsarbeiten gelebt. »Dort ist es in gewisser Weise wie im Sudan. Als die Einheimischen uns nicht mehr wollten, haben sie begonnen, uns zu verprügeln, auf der Straße anzuspucken und sogar umzubringen. Ständig sind Leute von uns tot aufgefunden worden.« In Israel sei das anders. Was er sich wünscht? »Ich hätte gern einen festen Job, will eine Frau finden und für immer hierbleiben. Einfach nur frei sein. Ja, das möchte ich.«
Zwar ist die Situation der Sudan-Flüchtlinge nach wie vor unklar, doch die wachsende Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gibt Sigal Rosen von der »Fremdarbeiter- Hotline« Zuversicht. »Israel kann diese Menschen nicht einfach abschieben. Ich bin optimistisch, dass alle, die hier sind, Asyl bekommen.«
Das hoffen auch die Mütter mit ihren Töchtern und Söhnen im Frauenhaus. Auf der Wiese spielen 17 Kinder Ball, lachen und toben, als hätten sie noch nie Schlimmes gesehen. »Es ist gut für sie hier«, sagt Heimleiterin Rita. »So sicher waren sie noch nie.« In einem der Kinderbettchen schläft Zion und atmet ruhig. Ein kleines Mädchen, gerade vier Monate alt. Geboren in Israel und benannt nach dem Land, das den Flüchtlingen zum ersten Mal ein Gefühl des Schutzes gegeben hat. Im Zimmer nebenan sitzt Maha und schaut in ihr Fotoalbum. Sie will nicht viel. Nur ihren Mann wieder in die Arme schließen. Und dem Baby, das sie unter ihrem Herzen trägt, ein Schicksal ersparen: Flüchtling zu sein.

Weitere Informationen: www.cardisrael.org

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