Datenmissbrauch

Eine Sache des Vertrauens

von Heide Sobotka

An ihre Computerdaten lässt Klaudia Krenn niemanden ran. Zu wichtig ist ihr das, was mit Passwort geschützt im Computer abgespeichert ist. Und wenn sie in Urlaub oder krank ist, müssen die Kollegen auf die alten Karteikarten zurückgreifen. Adresse und Telefonnummer sowie Namen von Angehörigen in der Gemeinde stehen auch darauf. Doch auch dieser Kasten steht hinter Schloss und Riegel und ist nur wenigen Mitarbeitern zugänglich.
Datenschutz ist schwierig, vor allem in kleinen Gemeinden. Die meisten behelfen sich mit selbst entworfenen Sicherheitssystemen, mit Passwörtern, arbeiten mit einem engen Personenkreis und setzen vor allem auf das Vertrauen in ihr Personal. Kaum eine jüdische Gemeinde in Deutschland hat einen Datenschutzbeauftragten. Angelika Jung-Sattinger war eine der wenigen. »Die Mitarbeiter unterschreiben eine Verschwiegenheitserklärung«, sagt die Gemeindesekretärin aus Stuttgart.
»Wir haben mit unserem Arbeitsvertrag unterschrieben, dass wir keine Daten nach draußen geben«, bestätigt Janina Kirchner in Schwerin. Bei der Sozialarbeiterin kommen viele Informationen zusammen, die vertrauensvoll behandelt werden müssen. Aber ihr Mund ist verschlossen. Was sich nicht im Computer unter Stichwort speichern lässt, kommt in den Stahlschrank. Den Schlüssel hat Verwaltungsleiter Valery Bunimov. »Und der macht keinen Urlaub und ist den ganzen Tag in der Gemeinde«, sagt Janina Kirchner mit Nach- druck. So sei im Falle eines Falles immer jemand da, der an wichtige Informationen herankommt.
Auch in großen jüdischen Gemeinden ist das Vertrauen zu den Mitarbeitern das wichtigste Gut im Datenschutz. Als Verwaltungschef der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf ist Michael Szentei-Heise der oberste Datenschützer der 7.500 Mitglieder. Er gebe grundsätzlich keine Daten an Dritte weiter, sagt er und erzählt von einer Suchanfrage. Eine Frau habe vor Jah- ren in der Gemeinde nachgefragt, ob ihre Cousine in Düsseldorf lebe und Mitglied der Gemeinde ist. Selbst hier verweigerte Szentei-Heise die Aussage. »Falls Frau M. hier lebt, werden wir sie informieren, dass sie sich gemeldet haben, und sie kann sich dann selbst an sie wenden«, antwortete er.
Auch städtische Veranstalter, Kirchenverbände, christlich-jüdische Organisationen wenden sich an jüdische Gemeinden, um beispielsweise einem bestimmten Personenkreis Seminare anzubieten. Die Gemeinde bitten sie deshalb um entsprechende Listen. Bei solchen Anfragen macht Szentei-Heise dicht. Seine Antwort: »Geben sie uns die Unterlagen, wir verschicken sie gern an unsere Mitglieder und stellen ihnen die Kosten in Rechnung.«
So hält es auch Sara-Ruth Schumann in Oldenburg. Trotz jahrelanger vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit verschickt sie die Einladungen der Gesellschaft an die Gemeindemitglieder selbst. Ebenso geschieht es mit Einladungen und Informationen von städtischen Veranstaltern. Die Kosten übernehmen jeweils die anderen. So verlassen keine Daten, Telefonnummern oder Adressen die Gemeinde. Außer es geschieht nach ausdrücklicher Genehmigung der erfragten Personen.
»Selbst die Einladungen zu Wahlen beaufsichtigen Mitarbeiter der Gemeinde«, erklärt Benzion Wieber aus Köln. 3.500 Briefe können die Mitarbeiter nicht mehr selbst eintüten und verschicken. Deswegen sei immer ein Mitarbeiter in der Druckerei vor Ort, um zu schauen, dass alles seine Richtigkeit hat.
Im Fall von Gemeinderatswahlen bedarf es auch eines Datenschutzes nach innen. Eine Wahlkommission muss vorab Einsicht in relevante Daten erhalten, um die Personen auf ihre Kandidatenfähigkeit und Wählbarkeit überprüfen zu können, erklärt Szentei-Heise. »Die Daten verlassen den Kreis der zehn Wahlkommissionsmitglieder nicht.«
Auch die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) ist auf interne vertrauliche Daten angewiesen. Bei Ferienfreizeiten von Kindern sei es besonders wichtig, dass der Jugendleiter zum Beispiel weiß, welche Medikamente ein Kind einnehmen muss, oder ob es vor der Fahrt krank war. »Wir passen einfach auf, dass dieses Wissen den Personenkreis nicht verlässt«, sagt Direktor Benni Bloch. Tausende von Adressen und Telefonnummern kommen hier zusammen. Die ZWSt überprüft Personenstandsdaten, ob eine Person jüdisch ist oder nicht, sie verschickt und erhält Informationen und Adressen zu Seniorenfreizeiten, Seminaren und Fortbildungen. Probleme mit fehlgeleiteten Daten habe er noch nicht gehabt, sagt Bloch. Er weiß, dass er sich auf seine Mitarbeiter hundertprozentig verlassen kann.

Weimar

Verein will Gedenken an KZ-Außenlager stärken

Buchenwald war mehr als ein einzelnes NS-Konzentrationslager. Mehr als 100 Außenstandorte gehörten zu diesem Lagerkomplex. Längst nicht an alle wird heute erinnert – ein Verein will das ändern

 23.10.2026

Kino

Film über einen kreativen Geist

»Biermann« ist ein dokumentarisches Porträt des Liedermachers Wolf Biermann, der auch 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR noch immer künstlerisch aktiv ist. Allerdings hat der Film auch Leerstellen

von Reinhard Kleber  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026

Schwerin

Schwesig wirbt für Bund-Länder-Gruppe zur Prüfung der AfD

Den verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD prüfen? Gut, findet Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin – und spricht sich für den Vorstoß eines CDU-Ministerpräsidenten aus

 22.10.2026

Nahost

Israels Armee erhöht Alarmbereitschaft vor den Wahlen

Vor der Wahl herrscht laut einem TV-Bericht die Sorge vor Anschlagsversuchen, mit denen Einfluss auf die Wahl genommen werden könnte. Der Militärchef ordnet umfassende Sicherheitsmaßnahmen an

 19.10.2026

Berlin

Zwei Parteien in Berlin entscheiden über Koalitionsgespräche

Nach teils zähen Sondierungen entscheiden Grüne und SPD in Berlin über Koalitionsgespräche mit der Linken. Aber aus den Reihen der Sozialdemokraten gibt es Zweifel und Kritik, auch aufgrund der Antisemitismus-Skandale bei der Linkspartei

 19.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026