interview

»Eine nukleare Krise«

Gerald Steinberg Foto: NGO Monitor

Herr Steinberg, in Deutschland gibt es viele Menschen, die nicht verstehen, warum ausgerechnet Israel sich gegen eine atomare Bewaffnung des Iran stellt, da es angeblich selbst Atomwaffen besitzt. Wo liegt der Unterschied?
In Israel legt man keinen Wert darauf, mit einem Atomprogramm zu prahlen. Es gibt, anders als im Iran, keine öffentlichen Erklärungen, es gibt keine Atomtests, es ist einfach eine Waffe der letzten Wahl. Ich glaube schon, dass die Menschen in Deutschland eines verstehen: Israel wird mit Vernichtung gedroht. Also müssen wir die Fähigkeit haben, uns zu verteidigen. Im Iran ist die Situation ganz anders. Das Land wird nicht damit bedroht, von der Erde getilgt zu werden. Iran ist kein winziges Land mit einem kleinen Territorium, das sehr schnell erobert werden kann. Der Staat ist nicht von Ländern und Armeen umgeben, die es zerstören wollen. Außerdem gibt es im Iran keine derart schrecklichen Selbstmordattentate, wie wir sie in den letzten Jahren durch die Hisbollah und die Hamas erlebt haben. Die Situation beider Länder kann überhaupt nicht verglichen werden.

Was sollte nach Ihrer Meinung Deutschland in der jetzigen Situation tun?
Die deutsche Regierung spricht von der Notwendigkeit, das iranische Atomprogramm zu stoppen. Dennoch ist die Bundesrepublik der wichtigste Handelspartner des Iran in Europa. Wenn Deutschland ernst genommen werden will, bleibt sehr wenig Zeit. Die Regierung muss sich eindeutiger äußern und ihren Standpunkt durch Handlungen untermauern.

Wie sieht man in Israel Deutschlands Rolle?
In Israel sind viele Menschen enttäuscht darüber, dass Deutschland bisher keinen eindeutigen Standpunkt bezogen hat. Wir haben lange Jahre gehofft, dass Deutschland die völkermörderische Sprache versteht, die wir aus dem Iran hören – die Leugnung der Schoa. Jetzt sieht es so aus, dass die neue Regierung unter Angela Merkel stärker Position bezieht als die frühere. Und wir hoffen, dass Deutschland sich hinter Sanktionen gegen den Iran stellt, obwohl die deutsche Wirtschaft dafür einen Preis wird bezahlen müssen.

Was ist in der aktuellen Situation Ihr schlimmstes Szenario?
Man kann sich sehr leicht vorstellen, dass Hisbollah-Führer sich in Zukunft dafür entscheiden, Israel wieder anzugreifen, mit dem Wissen und der Erwartung, dass die iranische Atombombe sie beschützen wird. Wir könnten eine nukleare Krise im Nahen Osten erleben, ohne die Möglichkeit, sie friedlich zu beenden. Schlimmer als die Kubakrise, schlimmer als der Atom-Konflikt zwischen Indien und Pakistan. Wenn Iran in den nächsten sechs bis zwölf Monaten sein Atomprogramm fortsetzt, werden Ägypten und Saudi-Arabien sicherlich nachziehen, vielleicht auch Syrien und Algerien. Wir werden einen Nahen Osten mit fünf oder sechs Atomwaffenstaaten haben. Allein das ist eine Katastrophe.

Was ist der Unterschied zur Situation während des Kalten Krieges?
Die Kubakrise konnte beendet werden, weil es zwischen Russland und den USA Kommunikationskanäle gab: Botschafter, Journalisten und Vermittler. Es gab sogar einen direkten Draht zwischen Kennedy und Chruschtschow. In Israel dagegen hat man keine Ahnung, wer die Atomanlagen im Iran kontrolliert. Und in Teheran weiß man nicht, wie Israel funktioniert und wie die Menschen dort denken. Es gibt keine Kommunikationskanäle, und der Konflikt zwischen beiden Staaten ist eher religiös geprägt. Es ist also jetzt viel wahrscheinlicher als während des Kalten Krieges, dass eine atomare Krise in einer Katastrophe endet.

Um in Berlin an einer Konferenz des »Mideast Freedom Forum« und der Kampagne »Stop the Bomb« teilzunehmen, sind Sie erstmals in Ihrem Leben nach Deutschland gereist. Warum gerade jetzt?
Mein Vater musste Berlin 1939 verlassen. Bisher habe ich Einladungen nach Deutschland immer ausgeschlagen. Aber jetzt war es für mich sehr wichtig, deutlich zu machen, dass wir das iranische Atomprogramm stoppen und die Kampagne »Stop the Bomb« unterstützen müssen. Also habe ich meine Meinung zu Deutschland-Besuchen geändert.

Der Autor ist Professor für Politologie an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan und leitet das Projekt »NGO Monitor«.

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