Papst-Rede

»Eine große Chance verpasst«

Herr Graumann, was sagen Sie zur Rede des Papstes in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (vgl. S. 3)?
graumann: Ich bin sehr enttäuscht. Da ist eine ganz große Chance verpasst worden. Der Inhalt war zwar nicht schlecht, aber es sprang kein Funke über. Die Ansprache wirkte emotionslos, kühl und sachlich. Benedikt XVI. hat die vorbereitete Rede korrekt verlesen. Wo aber waren die Gefühle? Vor allem: Es gab kein einziges Wort zur Verantwortung und Schuld der Kirche in der Nazizeit. Dass das Oberhaupt der katholischen Kirche die Vernichtung der europäischen Juden bedauert und beklagt, überrascht niemanden. Das ist doch eine banale Selbstverständlichkeit. Damit erweist keiner uns Juden einen persönlichen Gefallen. Nein: Mehr Emotionalität wäre besser, wäre nötig gewesen.

Hat Benedikts Vorgänger, Papst Johannes Paul II., seine Sache beim Israelbesuch vor neun Jahren besser gemacht?
graumann: Es ist immer ein wenig unfair, den heutigen Papst mit seinem Vorgänger zu vergleichen. Aber Johannes Paul II. war ein Mensch, der besonders intensiv Wärme und Herzlichkeit auszustrahlen verstand. Erinnern wir uns: Der polnische Papst hat damals im Namen der katholischen Kirche Schuld eingestanden und sich entschuldigt. Umso mehr hätte das ein deutscher Papst tun sollen, ja sogar tun müssen.

Viele hatten gehofft, Papst Benedikt werde sich mit einem großen Schritt auf die Juden zu bewegen.
graumann: Das waren Trippelschritte. Die ganz große historische Geste ist aber leider ausgeblieben.

Genügt Ihnen, wie Benedikt den Antisemitismus verurteilt hat?
graumann: Er hat es deutlich getan, mehrfach sogar, vor allem gleich bei seiner Ankunft in Israel. Würdigen sollten wir auch, dass die Reise getragen ist von gutem Willen und herzlichen Absichten. Der Papst selbst hat sich ja immer für die Versöhnung zwischen Juden und Vatikan stark gemacht. Das schätzen wir sehr.

Sind deutsche Juden besonders streng, wenn es um die Beurteilung des Papstes geht?
graumann: Sie sind besonders aufmerksam! Es gibt hier ja auch eine besondere Verantwortung. Auch die Sensibilität ist eine andere. Das muss jeder verstehen.

Mit dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden sprach Christian Böhme.

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026