freiwillige Helfer

Eine Frage der Ehre

von Alina Dain
und Katrin Richter

Im Märchen ist alles ganz einfach. Steht ein Fest an, kommen über Nacht fleißige Helfer und bereiten heimlich alles vor: Sie kochen und braten köstliche Speisen, decken die Tische bunt und festlich und richten den Raum feierlich her. Nicht ganz so märchenhaft gestaltet sich die Situation, wenn sich Veranstaltungen in den jüdischen Gemeinden ankündigen. Dann werden zwar auch viele Hände gebraucht, doch woher nehmen? Ein Zauberwort ist immer noch das Ehrenamt. Gutes tun ohne Bezahlung. Ist das heute überhaupt noch modern?
»In unserer Gemeinde gibt es ausschließlich freiwillige Helfer«, sagt Dorit Schleinitz, Vositzende der Jüdischen Gemeinde Celle. Allerdings sei es nicht immer leicht, die Menschen zur Mitarbeit zu motivieren. »Es sind auch immer die Gleichen, die helfen.« Die anderen redeten sich gerne heraus, sie hätten keine Zeit, müssten dies oder jenes erledigen, erzählt die Vorsitzende. Die Celler Gemeinde ist mit 88 Mitgliedern eine der kleinsten in Deutschland. Und Schleinitz weiß um die wichtige Hilfe. »Ohne unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter würde es die Gemeinde nicht geben.«
Auch weiter östlich in Bernau bei Berlin schätzt Gemeindevorsitzende Diana Pshemetska ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter: »Unsere Gemeinde wird größtenteils durch gut ausgebildete und professionelle Helfer aus der ehemaligen Sowjetunion erhalten«, sagt Pshemetska. Unter ihnen seien Psychologen und Ärzte. Einige von ihnen konnten ihren Berufsweg in Deutschland aus unterschiedlichen Gründen nicht weiterverfolgen und engagieren sich deshalb ehrenamtlich in der Gemeinde. »Sie alle sind sehr qualifiziert und talentiert und haben ein hohes ethisches Verständnis«, erzählt Pshemetska. Einen besonderen Typus des Freiwilligen gäbe es allerdings nicht. Diejenigen, die die Gemeinden unterstützen, sind sehr unterschiedlich: jung, alt, mit Erfahrungen aus dem Berufsalltag oder auch ohne.
Auch ihre Aufgaben sind äußerst verschieden. Die ehrenamtlichen Helfer werden in allen möglichen Abteilungen der Gemeinde eingesetzt. In der Seniorenarbeit helfen sie den Kranken, dolmetschen für Immigranten, die kein Deutsch sprechen, und begleiten ältere Menschen zum Schabattgottesdienst. Wer nicht in der Lage ist, allein zum Gottesdienst zu gehen, muss nicht darauf verzichten. Freiwillige Helfer der Kultusabteilung besuchen die Gemeindemitglieder auch zu Hause und unterrichten sie über den Schabbat und andere jüdische Traditionen. Es gibt auch Musiker und Künstler, die mit Kindern arbeiten, Sportler, die Senioren beschäftigen. Laut Pshemetska müssen die ehrenamtlichen Helfer nicht besonders motiviert werden. Die meisten seien von sich aus bereit, die Gemeinde zu unterstützen. »Als sie aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, haben sie Hilfe erfahren, und jetzt wollen sie etwas zurückgeben.« Die Gemeinde achte lediglich darauf, dass besonders in der Alten- und Krankenpflege nur gut ausgebildete Freiwillige arbeiten.
Ähnlich gut ist die Situation in der Jüdischen Gemeinde Rostock. Mit 711 Mitgliedern zählt die norddeutsche Gemeinde zwar nicht mehr zu den ganz kleinen, aber auf freiwillige Helfer kann auch sie nicht verzichten. Die Gemeinde besteht zu 70 Prozent aus russischsprachigen Zuwanderern, die es, der Sprachbarriere wegen, schwer haben, in Deutschland eine Anstellung zu finden. »Ohne die Freiwilligen kann die Gemeinde nicht wirklich funktionieren«, sagt Gemeindevorsitzender Juri Rosow. Es gäbe verschiedene Bereiche, für die sie verantwortlich seien, wie zum Beispiel Kunst, Musik oder den Erhalt und die Pflege der Bibliothek. »Die Gemeinde funktioniert, weil alle Mitarbeiter sehr engagiert sind«, sagt Rosow.
Wie auch in Bernau, gibt es kein bestimmtes Alter, in dem sich die freiwilligen Helfer zur Verfügung stellen: Dennoch arbeiten im Jugendclub eher junge Leute und bei Veranstaltungen für Senioren zumeist ältere Erwachsene. »Leicht ist es nicht, alle Helfer zu motivieren«, sagt Rosow. »Dennoch sehen diese Menschen die Gemeinde als ihr Zuhause an.« Er zieht einen Vergleich: »Es ist wie bei einer Hausfrau, die nie bezahlt wird und sich trotzdem um ihr Heim kümmert.« Die Freiwilligen sseiner Gemeinde seien mit Leib und Seele dabei.
Das weiß auch die Jüdische Gemeinde Aachen. »Bei uns funktioniert das soziale Gefüge gut«, sagt Verwaltungsleiter Daniel Lemberg. »Viele Leute kennen sich untereinander und sind sehr interessiert an der Mitarbeit.« Aber auch hier ist es nicht immer leicht, neue ehrenamtliche Helfer zu finden. Das Durchschnittsalter in der 1.500 Mitglieder großen Gemeinde liegt zwischen 50 und 60 Jahren. Bei Tanzworkshops oder Veranstaltungen sind daher auch immer Ehrenamtliche gefragt. Der Dank für ihre Mühe ist dann auch kein Märchen, sondern Wirklichkeit.

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