Krankenhaus

Eine deutsch-jüdische Geschichte

von Anke Ziemer

Die Vorbereitungen für die 250-Jahr-Feier sind in vollem Gange. Dennoch herrscht auf den Stationen des Jüdischen Krankenhauses Berlin professioneller Klinikalltag. Mit seinen 343 Betten in sieben Fachabteilungen ist es fester Bestandteil der regionalen Gesundheitsversorgung. Als akademisches Lehrkrankenhaus der Charité ver-
sorgt es mehr als 20.000 Patienten pro Jahr.
Seiner Tradition gemäß steht es allen Menschen offen – unabhängig von Religion und Kultur, Herkunft und Hautfarbe. »Obwohl man auf den Fluren ein Gemisch an Sprachen hören kann, sind Verständigungsprobleme die große Ausnahme«, berichtet der Krankenhaussprecher Gerhard Nerlich. »Für fast jeden Patienten finden wir aus dem Kreise unserer rund fünfhundert Mitarbeiter jemanden, der die jeweilige Sprache spricht.« Denn im Jüdischen Krankenhaus Berlin arbeiten jüdische Chefärzte, russischsprechende Assistenzärzte, auch die Mitarbeiter der Verwaltung und der Pflege gehören verschiedensten Nationalitäten und Glaubensrichtungen an. »Auf den ersten Blick also ein ganz normales Krankenhaus«, sagt Gerhard Nerlich und ergänzt: »Aber mit deutlichen Zeichen jüdischen Lebens und einer ganz besonderen Geschichte.«
An den Pfosten der Eingangstüren zu den Bettenhäusern etwa sind die Mesusot angebracht; die jüdischen Patienten erhalten auf Wunsch koscheres Essen und werden von einem Rabbiner besucht. Darüber hinaus begehen die Patienten und Mitarbeiter regelmäßig die jüdischen Feiertage. Im Mai 2003 wurde die Synagoge wiedereröffnet und steht als Andachtsraum seither allen Patienten und Mitarbeitern zur Verfügung. Auf dem Kranken-
hausgelände befindet sich auch das jüdische Pflegeheim »Hermann Strauß«, in dem schwerstpflegebedürftige Menschen betreut werden.
Die ständige Ausstellung »Erinnerung ist Gegenwart« im Foyer des Hauptgebäudes dokumentiert die 250jährige Geschichte des Krankenhauses, die die Höhen und Tiefen deutsch-jüdischer Kultur in Berlin symbolisiert, und am Eingang in der Heinz-Galinski-Straße erwähnt eine Gedenktafel die wichtigsten Etappen dieser einzigartigen Einrichtung.
Das Jüdische Krankenhaus Berlin ist das älteste konfessionelle Krankenhaus. 1703 als Hekdesch, Haus für Arme und Kranke, gegründet, konnte es 1756 als Jüdisches Krankenhaus in ein neues Gebäude in der Oranienburger Straße umziehen. Bereits 1796 war es von der Aufnahmekapazität vergleichbar mit der Charité. Erhebliche Raumprobleme machten 1861 einen weiteren Umzug in einen größeren Neubau in der Auguststraße nötig. Zu diesem Zeitpunkt galt das Jüdische Krankenhaus bereits international als richtungs-
weisende Institution der medizinischen Lehre, Forschung und Patientenversorgung, an der bekannte Ärzte wie Ludwig Traube, Bernhard von Langenbeck, Hermann Strauß und James Israel arbeiteten. An seinem heutigen Standort in Berlin-Wedding befindet sich das Jüdische Krankenhaus seit 1914.
Der fast 86jährige Rolf Joseph fühlt sich dem Jüdischen Krankenhaus besonders eng verbunden. In den zwanziger Jahren haben er und sein Bruder als Vorschuljungen den Hort sowie die Religionsschule auf dem Weddinger Gelände besucht. »Wir haben damals meist in der Gartenanlage gespielt«, erinnert er sich noch heute lebhaft. »Später arbeitete mein Bruder in der Fleischerei, die das Krankenhaus mit koscherem Essen belieferte.« Während der NS-Herrschaft war das Jüdische Krankenhaus als einzige jüdische Einrichtung durchweg in Betrieb und bot jüdischen Ärzten und Krankenschwestern eine Existenz. Dies änderte sich jedoch im Jahre 1938. Das Krankenhaus wurde Ghetto und Zwischenstation für Transporte in die Konzentrationslager, aber auch Zufluchtstätte für Untergetauchte. Rolf Joseph konnte sich 1942 nach seiner Flucht aus einem der Deportationszüge zwar in das Jüdische Krankenhaus retten. »Aber die Nazis suchten weiter nach mir, und so mußte ich von dort wieder weg«, erzählt der Berliner aus den dunkelsten Jahren des Hauses. »Glücklicherweise gab mir eine Krankenschwester den rettenden Hinweis.« Wenn Rolf Joseph heute zur medizinischen Behandlung in das Jüdische Kran-
kenhaus geht, schaut er immer wieder zu dem Fenster im zweiten Stock hinauf, aus dem er sich damals an Handtüchern hinabgehangelt hatte, um in letzter Sekunde vor der anrückenden Gestapo zu fliehen. Im April 1945 befreiten die sowjetischen Soldaten etwa 800 Menschen, die im Krankenhaus die Jahre der Gewaltherrschaft überlebt hatten.
Nach dem Krieg war die Jüdische Gemeinde nicht in der Lage, ein 400-Betten-Haus zu finanzieren, so daß das Jüdische Krankenhaus 1963 in eine Stiftung des bürgerlichen Rechtes überführt wurde. Seither hat es sich unter anderem auf die Behandlung von Suchtkrankheiten nach dem Prinzip des Qualifizierten Entzuges spezialisiert. Weitere Schwerpunkte bilden heute die Neurologie sowie die traditionsreiche chirurgische Abteilung. Da die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Berlin wächst, werden auch vermehrt rituelle Beschneidungen durchgeführt.
Am 1. September begeht das Jüdische Krankenhaus sein Jubiläum mit einer Gala-Veranstaltung, auf die sich Rolf Joseph als geladener Ehrengast besonders freut. Am Sonntag, dem 3. September, lädt das Krankenhaus von 11 bis 17 Uhr alle Interessierten zu einem Tag der offenen Tür. Die Ausstellung »Vom Hekdesch zum Hightech« bietet Wissenswertes zur Geschichte des Hauses und zum jüdischen Leben in Berlin. Das pädagogische Begleitprogramm richtet sich an Schüler verschiedener Klassenstufen. Ab dem 6. September finden zahlreiche fachwissen-
schaftliche Symposien statt, unter anderem zu modernen Therapieverfahren bei Herzinsuffizienz und Diabetes.

Jüdisches Krankenhaus Berlin
Heinz-Galinski-Straße 1, 13347 Berlin
www.juedisches-krankenhaus.de

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