Synagoge Pestalozzistraße

Ein Stück West-Berlin

Sie hat im Innern nicht so viel Pracht und Prunk wie die Synagoge Rykestraße, keine Klagemauer-Nachbildung im Vorraum wie in der Münsterschen Straße, und keine Goldkuppel auf dem Dach wie in der Oranienburger Straße. Doch die Synagoge in der Pestalozzistraße 14 ist das unbestrittene Juwel im Berliner Westen – und das noch immer bestbesuchte jüdische Gotteshaus der Hauptstadt. 95 Jahre stehen ihre Mauern mittlerweile, vor 60 Jahren wurde ihre Wiedereinweihung begangen.
George Lippmann, der als Jugendlicher in einem Berliner Versteck den Holocaust überlebte und dann von »Stunde null« an wieder mit dabei war, erinnert sich an die Zeit nach der Schoa: »Rasch trafen sich wieder Menschen zum Beten, aber vieles musste einfach improvisiert werden. Es gab ausschließlich Prediger, nur die Feiertage konnten von Gastrabbinern abge-
deckt werden.« Die Wiedereinweihung an Rosch Haschana 1947 ist für ihn unvergesslich: »Der Toraschrein war geöffnet, und die weißgekleideten Torarollen mit dem silbernen Schmuck wurden herausgenommen. Jeder wusste, dass diese Rollen auf dem Friedhof Weißensee versteckt worden waren, und nun hatten sie wieder eine Bestimmung. Unsere Stimmung schwankte zwischen Feierlichkeit, Schre-cken und Ambivalenz, zwischen Trauer, Verlust und Hoffnung. Rechts und links an den Emporenaufgängen standen Sandkäs-ten mit hunderten angezündeter Kerzen zur Erinnerung an die Ermordeten.«
Ohne Vorahnung der Schrecken der Naziherrschaft hatte die Geschichte des Gotteshauses begonnen: Als Vereinssynagoge hatte der nach Plänen von Architekt Ernst Dorn entworfene, neoromanische Bau die Pforten im Jahre 1912 geöffnet. Sieben Jahre später übernahm ihn die Berliner Gemeinde. Der Standort der Synagoge auf einem Hinterhof rettete das Haus vor der totalen Zerstörung in der Pogromnacht 1938 – die Feuerwehr löscht das Feuer, um angrenzende Wohnhäuser zu schützen. Dennoch muss die Gemeinde den Bau 1942 veräußern, inzwischen beginnen die Deportationen in die Todeslager.
Als am gleichen Ort im Spätsommer 1945 wieder die ersten Gottesdienste stattfinden, ist kaum einer der einstigen Beter dabei. Ein Neubeginn ist zweifelhaft. Dass er in den folgenden Jahrzehnten dann doch gelingt und sich die Synagoge sogar zum liberal-jüdischen Mittelpunkt im Westen der Stadt entwickelt, hat viel mit dem unvergesslichen Kantor Estrongo Na-chama und einer ganzen Kette engagierter Rabbiner zu tun – unter ihnen Persönlichkeiten wie Nathan Peter Levinson, Cuno Lehrmann, Manfred Lubliner und Ernst Stein. Auch die führenden Repräsentanten der Berliner Einheitsgemeinde und des Zentralrates der Juden unterstützen das Haus nach Kräften.
Allmählich wächst auch das internationale Interesse, wird die Pestalozzistraße als eine der weltweit letzten Synagogen wahrgenommen, die den Ritus des alten deutsch-liberalen Gottesdienstes erhält. Ein halbes Jahrhundert nach der Katastrophe steht das Gotteshaus dann in neuer Blüte. 1997 erscheint ein viel beachtetes Gebetbuch unter Mitarbeit von Andreas Nachama, der den hauseigenen Ritus für künftigen Gebrauch zusammenfasst. Schmerzlich trifft die Gemeinde im Jahr 2000 der Tod seines Vaters, Oberkantor »Eto« Estrongo Nachama, der mit einzigartiger Stimme und herzlichem Auftreten über 50 Jahre lang die Gemeinde begleitet hatte.
Überraschend wirkt zunächst die Verpflichtung des amerikanischen Rabbiners Chaim Rozwaski im gleichen Jahr: Ein orthodoxer Rabbiner nimmt ausgerechnet dort seinen Dienst auf, wo der Gottesdienst von dezidiert liberalem Ritus, Chor, Orgelklang und der Musik von Louis Le-
wandowski lebt. Der 72-jährige Holocaustüberlebende sucht – im Kontrast etwa zum langjährigen liberalen Rabbiner Ernst Stein – weniger den intellektuellen Dis-
kurs, sondern ein ausgeprägtes kollektives Miteinander. Gottesdienst als emotionales Gemeinschaftserlebnis, das Ältere und Jüngere, Frauen und Männer, Alteingesessene und Zuwanderer, Traditionalisten und Liberale gleichermaßen anspricht.
Ein Teil der etablierten Mitglieder zieht sich zurück oder wechselt zu Betergemeinschaften wie »Sukkat Shalom« und dem Egalitären Minjan in der Oranienburger Straße. Andere empfinden Rabbiner Rozwaski gerade als den richtigen Mann zur richtigen Zeit. »Er hat inhaltlich viel zu bieten«, bescheinigt ihm Stammbeter Werner Platz. »Ich spüre Zuverlässigkeit und Kontinuität. Die verschiedenen Anteile jü-
discher Tradition, wie wir sie jetzt erleben, bilden eine echte Bereicherung.«
Konstant hoch geblieben sind die Besucherzahlen in den vergangenen Jahren. Was sich geändert hat, ist die Zusammensetzung der Beterschaft. Anstelle einer einst dominierenden deutsch-liberalen Mehrheit präsentiert sich heute bunte He-
terogenität. Vielfach trifft man auf viele junge Familien, russisch sprechende Im-
migranten und immer wieder auch Besucher von »auswärts«. Ein Zustand, den Rabbiner Rozwaski weniger störend denn als Chance begreift. »Ich schaue nach dem, was uns verbindet, nicht nach dem, was uns trennt. Die Liturgie wird ihre jetzige Form behalten, und die Gemeinschaft soll sich weiter konsolidieren. Im Prinzip ha-
ben wir die Einheitsgemeinde in vier Wänden«, bemerkt der Rabbiner mit beinahe vergnügtem Lächeln. Dann spricht er mit energischer Stimme von seinen Plänen: »Es ist wichtig, die Jugendarbeit auszubauen – sowohl für Jungen als auch für Mädchen. Wir wollen hier einen Kindergarten etablieren, vielleicht schon im kommenden Jahr. Und auch die älteren Mitglieder verdienen mehr Aufmerksamkeit.«
Eine besonders beharrliche Konstante ist die strikte Sitzplatztrennung zwischen Frauen und Männern. Von einer passiven Rolle der weiblichen Mitglieder kann gleichwohl keine Rede sein. Spätestens seit die langjährige Religionslehrerin Ora Guttmann hier die Feier der Batmizwa durchsetzte und als erste Frau überhaupt in den Synagogenvorstand gewählt wurde, entwickelte sich die weibliche Mitbestimmung.
Die künstlerische Gestaltung der Gottesdienste ist ohnehin Sache beider Ge-
schlechter: Regina Yantian begeistert die Besucher mit Orgelspiel und »ihrem« Chor, während die beiden Kantoren Isaac Sheffer und Simon Zkorenblut sich anschicken, in die gewiss nicht leichte Nachfolge von Estrongo Nachama zu treten. Am kommenden Sonntagnachmittag (16 Uhr) wird beim Festgottesdienst an ihn und die vergangenen 60 Jahre in der Synagoge Pestalozzistraße erinnert. Olaf Glöckner

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