Margers Vestermanis

»Ein seltener Mensch«

von Nadja Cornelius

»Die Zeit, die hinter uns liegt, ist wie Sodom und Gomorrha. Und jeder, der zurückblickt, erstarrt zur Salzsäule«, richtet Margers Vestermanis seine Worte an das ge- spannt lauschende Publikum. Der alte Mann spricht bedächtig, in wunderbar altmodischem Deutsch, ganz ohne Vorwurf. Es sind viele Jugendliche und Schüler unter den Gästen, die sich im stuckverzierten Saal der jüdischen Gemeinde in der Hauptstadt Lettlands, Riga, versammelt haben. Anlass des Treffens ist die Auszeichnung des lettischen Historikers und Holocaustüberlebenden Vestermanis mit dem »Herbert-Samuel-Preis für Toleranz 2006«. An der eigentlichen Preisverleihung im September vergangenen Jahres in Rostock konnte der heute 81-Jährige nicht teilnehmen.
Die Jury begründet die Wahl des bekannten jüdischen Historikers damit, dass »viele Menschen im Gespräch mit Vestermanis gebildet wurden zu historischer Wahrhaftigkeit und Toleranz«. Er habe zum Dialog zwischen Juden und Nichtjuden und so zur Integration beigetragen. Damit stehe er in der Tradition der preisverleihenden Stiftung »Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur« mit Sitz im Max-Samuel-Haus in Lettlands Partnerstadt Rostock.
In seiner Laudatio auf Vestermanis erinnert sich der evangelische Pfarrer Fred Mahlburg an seine erste Begegnung mit dem ruhigen und humorvollen Mann vor mehr als zehn Jahren. Vestermanis habe ihm damals seine eigene Geschichte in ebenso großer Sachlichkeit erzählt wie er auch von seinen geschichtlichen Forschungen berichte. »Vestermanis ist ein ungemein differenzierter Historiker«, lobt Mahlburg. Das mache ihn für das neue demokratische Lettland zu einem wichtigen und zugleich ungemütlichen Partner. Denn wenn es darum gehe, die Wahrheit zu finden, schweige er niemals. In seinen bislang zwölf Publikationen ging er unter anderem den Verbrechen der deutschen Wehrmacht, dem Schicksal Fahnenflüchtiger und auch der Frage nach, wer in Lettland Juden versteckt und gerettet habe. Dabei verschleiere er die Mitschuld der Letten am Holocaust keineswegs.
Margers Vestermanis’ Lebensgeschichte steht für das unermessliche Leid, das Juden erfahren mussten. Er wird 1925 in Riga geboren. Im Alter von 16 Jahren, die Nationalsozialisten besetzen Lettland, wird er mit seiner deutschsprachigen, bürgerlich-jüdischen Familie ins Rigaer Ghetto verschleppt. Es folgt die Internierung im KZ Kaiserwald und Zwangsarbeit im SS-Seelager Dondangen. Während eines Todesmarsches flieht Vestermanis 1944 in die Wälder Kurlands und schließt sich Widerständlern an. Er überlebt die deutsche Besatzung als Einziger seiner Familie. Nach Kriegsende studiert er Geschichte, seine persönlichen Erfahrungen und sein historischer Forscherdurst bewegen ihn dazu, sein Leben der Erforschung der Schoa in Lettland zu verschreiben. Weil aber die Sowjetunion den Judenmord tabuisiert, kann Vestermanis erst 1990 das erste jüdische Museum Lettlands gründen, dessen Direktor er bis heute ist.
»Es ist noch viel zu tun, und ich habe nur noch so wenig Zeit«, sagt Vestermanis besorgt und legt seine Stirn in Falten. Dabei denkt er wohl auch an sein aktuelles Buchprojekt »Lebensrettung im Holocaust. Miteinander und füreinander leben«, das er noch nicht vollendet hat. Er betracht es als eine historische Aufgabe, den Weg zu einem Miteinander von Juden und Nichtjuden zu finden, sagt Vestermanis. Wahrscheinlich meint er damit die notwendige Aufarbeitung der lettischen Mitschuld am Holocaust sowie auch die Tatsache, dass viele lettische Juden sich mit der sozialistischen Sowjetunion solidarisch zeigten.
Auf die Frage, warum Vestermanis den Herbert-Samuel-Preis für Toleranz verdient habe, antwortet die Direktorin der Rigaer jüdischen Gemeinde Gita Umanovska: »Margers Vestermanis ist einer der seltenen Menschen, die die jüdische Geschichte am eigenen Leib erlebt haben, und trotzdem eine unermüdliche positive und heilende Energie ausstrahlen. Ein Mensch, der nicht an Rache denkt, aber auch nicht verzeiht und der sein ganzes Leben der Toleranz und dem Dialog zwischen den Kulturen widmet«.
Den höchsten Orden aber verdiene seine Frau Hava Vestermanis, sagt der Preisträger in Gentleman-Manier, der einer zierlichen grauhaarigen Dame mit langem, kunstvoll hochgesteckten Haar auf die Bühne hilft. Seit 58 Jahren seien sie glück- lich verheiratet, verkündet er stolz. Ihr danke er sehr, denn sicher leide sie unter seinem unermüdlichen Forschergeist am meisten.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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