Touristen

Ein Land für Millionen

Ein Land
für Millionen

Geschäfte mit Gästen: Die Touristen
kommen zurück

Der Laden an der Strandpromenade von Eilat ist klein. Der Inhaber ist dennoch zufrieden: »In diesem Frühjahr war der Umsatz toll.« Der Grund: Es waren viele durstige Ausländer da. Im Jerusalemer In- bal-Hotel ist die Lobby voll, ebenso wie in anderen Herbergen der Hauptstadt. Eine vielsprachige Touristenmenge drängt sich an der Rezeption. Die vor der Hoteleinfahrt des benachbarten »Prima Royale« haltenden Busse machen die kleine Straße im edlen Stadtviertel Talbije praktisch unpassierbar. Auch der Fremdenführer Dudu aus Tel Aviv ist zufrieden: »Endlich schimpft meine Frau wieder mit mir, weil ich so wenig zu Hause bin.«
Ins noch vor zwei Jahren lahmende Tourismusgeschäft kommt wieder Leben. Nach Angaben des Zentralamtes für Statistik ist die Zahl der ausländischen Besucher in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um ein sattes Viertel gestiegen. Tourismusminister Jitzchak Herzog hofft, daß sich das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte beschleunigt. Für das ganze Jahr 2006 erwartet der Ressortchef 2,6 Millionen Touristen: nur drei Prozent weniger als im bisherigen Rekordjahr 2000, will heißen, vor der »zweiten Intifada«. Diese hatte im Geschäft mit der Reiselust einen nie dagewesenen Kahlschlag bewirkt und die Touristenzahl auf ein Drittel des Vorkrisenstandes schrumpfen lassen. Zehntausende von Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Die Erholung kam erst mit der Eindämmung des Terrorismus, doch blieb die Branche bis zum vergangenen Jahr von den Folgen des Zusammenbruchs gekennzeichnet.
Israels Tourismusverantwortliche haben jetzt ehrgeizige Pläne. »Die Zahl der ausländischen Touristen«, so die Schlußfolgerung einer vom Fremdenverkehrsressort eingesetzten Expertenkommission »läßt sich innerhalb von fünf Jahren auf fünf Millionen steigern«. Skeptikern hält die Kommission entgegen, selbst in den »goldenen Jahren« vor der Krise habe Israel sein Potential als Urlaubsland nur zum Teil ausgeschöpft. Die Einnahmen aus dem Ausländer-Verkehr hätten nicht einmal drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes betragen, während es in Ländern wie Marokko, Spanien und Griechenland sechs bis acht Prozent waren. Deshalb, so die Experten, lasse sich das Geschäft mit den Fremden noch erheblich ausbauen.
An Plänen mangelt es jedenfalls nicht. Die Palette von Projekten, die auf dem Reißbrett warten, reicht von einem Pilgerzentrum für amerikanische Protestanten am See Genezareth über einen Ausbau des medizinischen Tourismus am Toten Meer bis hin zu einer Spielbank in Eilat. Die Touristenstädte erhalten mehr Shop-ping-Zentren, die Strände sollen gepflegter und das Angebot an Touristenattraktionen reichhaltiger werden. Gleich-
zeitig bereitet sich Israel auf Verhandlungen mit der EU über ein Luftverkehrsabkommen vor. Dieses soll nicht nur die bestehenden bilateralen Vereinbarungen mit einer Reihe europäischer Länder ablösen, sondern auch für viel mehr Konkurrenz und billigere Flüge sorgen. »Ich hoffe nur«, seufzt Fremdenführer Dudu, »daß es keine dritte Intifada gibt. Dann liegt das Geschäft nämlich für viele Jahre wieder brach.« Wladimir Struminski

Tel Aviv/Abu Dhabi

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