Rosch Haschana

Ein Kuchen mit 5767 Kerzen

von Baruch Rabinowitz
und Tobias Kühn

Unsere Welt hat Geburtstag. Die Menschen und Tiere, Bäume und Blumen, alle Berge, Täler und jeder noch so kleine Stein feiern ihre Entstehung, und sie gratulieren dem Schöpfer. Nach der jüdischen Tradition vollendete Gott vor 5767 Jahren am 1. Tischri das Universum. Schau, mit wie- viel Liebe er unsere Welt gestaltet hat! Wie ein Bildhauer formt Gott jeden Schmetterling und jeden Elefanten, jedes Blatt und jede Blüte.
Schau dir die Blumen an: Es gibt so viele verschiedene – rote, gelbe und blaue, hohe und niedrige, einige wachsen in der Wüste, andere auf dem Wasser. Und auch wenn manche auf den ersten Blick gleich erscheinen, ist doch jede ganz einzigartig.
Dies erkannte schon Adam, der erste Mensch. Er lebte im Garten Eden. Dort gab es alle Tiere, Pflanzen und sogar alle Steine. Gott hatte Adam aufgetragen, sie alle kennenzulernen und ihnen Namen zu geben. Ein wichtiger Auftrag.
Gleich am ersten Tag begegnete Adam dem Hund. Ihm fiel auf, daß dieser dem Menschen besonders treu ist. Deshalb nannte er ihn Kelew, das heißt auf Hebräisch »ganzes Herz«.
Dann traf Adam den Esel. Während sie einige Tage beisammen waren, merkte Adam, daß der Esel einen starken Willen hatte. So nannte er ihn Chamor, das heißt auf Hebräisch »der, der sich selbst formt«.
Eines Morgens, ganz früh, noch bevor die Sonne aufgegangen war, kletterte Adam auf einen sehr hohen und steilen Felsen. Es war ein anstrengender Aufstieg, so anstrengend, daß Adam unterwegs mehrmals daran dachte, umzukehren. Doch als er endlich den Gipfel erreicht hatte, hielt er den Atem an vor Staunen: Unter ihm breitete sich das ganze weite Land aus. Als er seine Augen hob, entdeckte er plötzlich weit oben einen majestätischen Vogel, der mit ausgebreiteten Schwingen nur knapp unter den Wolken segelte. Es war ein Adler. Und weil Adam ihn bewunderte, wie er stundenlang am Himmel kreiste, nannte er ihn Nescher, das heißt auf Hebräisch »der Geduldige; der, der bleibt«.
So wie Adam sich seine Umwelt vertraut gemacht hat, sollen auch wir heute das, was uns umgibt, kennenlernen und mit ihm in Frieden leben. Vielleicht hast auch du ein Tier zu Hause und hast ihm einen Namen gegeben, der zu seinem Wesen paßt, genauso wie Adam.
An Rosch Haschana bedanken wir uns bei Gott für unser Leben, für unsere Eltern, Geschwister, Freunde und Lehrer, die uns dabei helfen, die ganze Schönheit der Welt zu entdecken. Wir bringen dem Schöpfer der Welt ein Geburtstagsgeschenk. Was können wir ihm schenken? Worüber wird er sich freuen? Sollen wir ein Bild malen? Oder ein Lied singen? Einen Kuchen backen – mit 5767 Kerzen? Vielleicht einen Brief schreiben? In der Tora, Gottes Brief an die Menschen, steht geschrieben, wie wir unserem Schöpfer eine Freude machen können: Das allerbeste Geschenk für ihn ist, wenn wir mit seiner Schöpfung, die er so sehr liebt, rücksichtsvoll umgehen.
An Rosch Haschana blicken wir zurück auf das vergangene Jahr. Sicherlich hat jeder von uns irgend etwas getan, was nicht gut war: Der eine hat über einen Lehrer gespottet, der andere war frech zu seinen Eltern, ein dritter hat seinen Banknachbarn ausgelacht, weil er keine Markenkleidung trägt, sondern die gebrauchten Hosen seiner Geschwister. Vielleicht haben wir einen Baumzweig zwecklos abgebrochen oder einem Tier wehgetan.
Rosch Haschana ist der Tag, an dem wir an unsere Fehler erinnern wollen. Wir fragen uns, was wir im vergangenen Jahr hätten anders machen sollen, damit wir es im neuen Jahr nicht wiederholen werden. Zehn Tage nach Rosch Haschana ist Jom Kippur. In den Tagen dazwischen nehmen wir uns Zeit, darüber nachzudenken. Der Klang des Schofar erinnert uns daran. Wenn wir diesen Ruf hören und unsere Verfehlungen einsehen, werden sie in die Tiefen des Ozeans geworfen und nie wieder auftauchen. Gott verspricht, den Menschen zu vergeben, wenn es ihnen leid tut. Daß wir unsere schlechten Taten bereuen, ist unser Geschenk an den Schöpfer.
Zum Geburtstag der Welt beschenken nicht nur wir den Schöpfer, sondern auch wir bekommen Geschenke. Denn auch wir sind ein Teil dieser Welt. An Rosch Haschana finden wir auf unserem Tisch und in der Synagoge viele Symbole, die uns daran erinnern, daß wir mit der ganzen Schöpfung verbunden sind. Wer kann sich Rosch Haschana ohne Schofar vorstellen, der uns von einem Widder gebracht wird. Jahre dauert es, bis die Hörner groß gewachsen sind, und ohne daß es dem Widder weh tut, stößt er sie ab, so daß wir sie an diesen Tagen benutzen können. Unsere Vorfahren haben entdeckt, daß man das Horn gemahlen als Dünger und sogar als Medikament verwenden kann.
Wir essen an Rosch Haschana Apfel mit Honig, die uns Bäume und Bienen schenken. Und wir essen Fisch. Vielleicht weißt du, daß Fische ihre Augen immer geöffnet haben. Auch wir wollen unsere Augen immer offenhalten im neuen Jahr, damit wir unsere Umwelt und unsere Mitmenschen nicht verletzen, sondern beschützen – so wie Gott immer auf uns schaut, um uns zu bewahren.

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