Superman

Ein Held wie Moses

von Rabbiner Avichai Apel

Die Geschichte klingt banal, hat es aber in sich. Ein Rabbiner ist mit seinem Enkel im Zug unterwegs. Im Abteil sitzt ein Professor, der auch mit einem Enkelsohn reist und diesen während der Fahrt beköstigt. Zudem ist er darauf bedacht, den Jungen nicht durch Gespräche zu stören. Der En-
kel des Rabbiners hingegen hört seinem Großvater aufmerksam zu und versucht, ihm die Fahrt so angenehm wie möglich zu machen. Am Ziel fragt der zermürbte Professor den Rabbiner: »Warum muss ich alles für meinen Enkel tun, während der Ihrige alles für Sie macht?« Der Rabbiner antwortet: »Sie glauben an die Evolution. Da der Mensch sich entwickelt, ist Ihr Enkelsohn weiter als Sie. Deshalb müssen Sie ihm dienen. Wir hingegen glauben, dass die früheren Generationen besser waren als wir. Daher weiß mein Enkelsohn, dass er von mir lernen muss!«
Das alles hat sich vor mehr als 100 Jahren zugetragen. Und es hat nichts von seiner Aktualität verloren. Denn es geht um die Bedeutung der Tradition. In dem mannigfaltigen Unterhaltungsangebot der modernen Welt ist das Vergnügen umso größer, je kleiner das Gerät ist und die Finger, die seine Tasten berühren. Netbook, Playstation, Musikhandy – immer bunter, immer schneller.
Dabei entfernt die wahnwitzige Entwicklungsgeschwindigkeit die jün- gere Generation systematisch von Werten, die die Grundlage der Menschlichkeit, also unserer Existenz sind. Jüngst veröffentlichte Umfragen zeigen, dass nur noch jedes fünfte Kind in Deutschland religiösen Glauben für wichtig hält. Auf die Frage, wer ihre Vorbilder und Helden seien, antwortete die Mehrheit: Superman. Erst auf Platz zwei landete Gott, dicht gefolgt von Hollywoodschauspieler Brad Pitt und Zauberlehrling Harry Potter. Moses und Abraham, Itzchak und König David? Fehlanzeige. Ist Er out, die Tora von gestern?
Leinwandhelden haben stets einfache Antworten auf schwierige Fragen. Gut gegen Böse. Am Ende sind immer Superman, Spiderman oder Batman die Sieger. Und wir sind dabei. Begleitet von lauter Musik und aufregenden Kinotricks ermöglichen die künstlichen Helden es uns, der immer komplizierter werdenden Welt für einen kleinen Augenblick zu entfliehen. Oder es werden andere Superstars gesucht. Sänger zum Beispiel, deren Auftritte wir in bequemen Fernsehsesseln bei Popcorn und Cola verfolgen. Ihre »Performance« beurteilen wir dann anschließend beim Telefon-Voting. Das ist angesagt. Da machen alle mit. Jedes Wochenende wieder. Dagegen ist der Gottesdienst, zum Beispiel am Freitagabend oder am Schabbatmorgen, scheinbar nichts für die »Generation iPod«. Beter mit einem Durchschnittsalter um die 70 und dazu Kantoralmusik, die der Oper ähnelt, locken eben keine jungen Leute in die Synagogen.
Geht nichts mehr ohne bunte Bilder, akustische Reize und Werbepausen? Oh doch! Nehmen wir zum Beispiel unsere Feiertage. In wenigen Wochen ist Rosch Haschana. Alle feiern gemeinsam, bei Äpfeln und Honig. Ein besonderes Erlebnis für Jung und Alt. Oder Pessach: Mit welcher Freude kommen die Menschen in die Gemeinden, um Mazzot und Wein für den Sederabend zu kaufen! Und warum? Weil es sich um ein Erlebnis handelt, das jedem von uns das Gefühl vermittelt, einen wichtigen Augenblick zu erleben, Teil einer jahrtausendealten Tradition und dabei mit etwas Höherem verbunden zu sein.
Es wäre gut, wenn wir auch im Alltag die Werte, die Gebote und die Moral der Tora vermittelten. Dadurch könnten wir fühlen, dass Gott uns in jedem schwierigen und guten Augenblick des Lebens begleitet. Wir könnten feststellen, dass jeder von uns sich verbessern möchte, um Ihn besser zu fühlen. Jeder von uns könnte diese glücklichen Momente miterleben. Nur schöne Erinnerungen und ein angehnehmer Geschmack würden am nächsten Tag zurückbleiben.
Wenn wir das Studium des Judentums und die Teilnahme am Gottesdienst in ein intellektuelles und emotionales Erlebnis verwandelten, wäre es möglich, dass die Jugend uns Ältere zu einer moralischeren Lebensweise führt. Die Synagogen könnten zu einem Ort werden, an dem junge Menschen womöglich Antworten auf ihre Fragen fänden. Sie könnten zu Treffpunkten für Jugendliche werden, vielleicht mit Musik und Tanz. Parallel dazu würde aus ihnen ein Ort der Texte und Ideen werden, die mit dem Alltag zu tun haben. Das könnte für die jüngere Generation anziehend wirken. Dazu bedarf es guter Ideen und einer Aufgeschlossenheit gegenüber der modernen Welt. Und dann wird eines Taes vielleicht auch Superman Teil des Minjan sein.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Dortmund.

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