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Ein Floß von Wörtern

Für einen Roman aus der jiddischen Sprachwelt hätte es genügt, wenn der Amerikaner Peter Manseau »Die Memoiren des Itsik Malpesch« geschrieben hätte, die Lebenserinnerungen eines russisch-jüdischen Dichters in 22 Kapiteln. Doch die machen nur einen Teil in Manseaus prallem Debüt Bibliothek der unerfüllten Träume aus. Pointiert stecken die ersten vier Sätze in dem »alef« überschriebenem ersten Memoiren-Kapitel den Rahmen für die folgenden knapp 450 Seiten ab: »Es ist ein weiter Weg von Kischinjow nach Baltimore. Das Meer der Geschichte, das den Ort, an dem mein Leben begann, von jenem trennt, an dem es voraussichtlich enden wird, schlug Wellen, die mich immer wieder hinabzuziehen drohten. Wie ich überlebt habe? Ich trieb auf einem Floß aus Wörtern.«

entdeckung Auf die Lebensgeschichte des 1903 während eines Pogroms geborenen Itsik Malpesch stößt 93 Jahre später der 21-jährige Amerikaner, der als Erzähler in Manseaus Roman auftritt und die eingestreuten »Anmerkungen des Übersetzers« beisteuert. Nach einem Theologiestudium mit dem Schwerpunkt biblische Sprachen hat der junge Katholik in Ermangelung eines besseren Jobs für die Jewish Cultural Organization (JCO) in Boston die Aufgabe übernommen, in einem alten Lagerhaus Buchspenden zu sichten und zu sortieren, die jeden Tag aus aller Welt kommen. Keine ganz einfache Aufgabe, wenn man nur wenig Übung im Entziffern der fremden Buchstaben hat und die Lieferungen in so schneller Folge eintreffen, dass sie sich vor den Fenstern türmen. Zum Zusammentreffen der beiden Protagonisten kommt es, als Malpesch dem JCO eine gigantische Buchschenkung in Aussicht stellt: die »Bibliothek der unerfüllten Träume«, die der umtriebige Geschäftsmann Harry Knob-lauch zusammengetragen hat. Dummerweise befinden sich die Bücher in einem Abrisshaus, neben dem schon die Bagger lauern. Der greise Poet rät zu taktischem Vorgehen und überreicht dem Studenten beiläufig 22 Rechnungsbücher, deren Seiten »mit einer gestochenen jiddischen Schrift bedeckt waren« und die auf dem Deckblatt jeweils mit einem Buchstaben des hebräischen Alphabets gekennzeichnet waren. »In diesen Büchern finden Sie die bisher unerzählte Geschichte des bedeutendsten jiddischen Dichters von Amerika«, kommentiert der alte Mann den Papierstapel. Und weckt das Interesse des jungen Amerikaners.

muse Diese Geschichte, die auch eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte enthält, schlägt nicht nur Wellen, sondern auch große Bögen, zeitlich wie geografisch – von Kischinjow, der heutigen Hauptstadt Moldawiens, über Odessa bis zur Lower East Side von New York; von Pogromen zur Zarenzeit über die Februar- und die Oktoberrevolution bis zur Prohibition in Amerika und der Weltwirtschaftskrise. All das erlebt Malpesch in jungen Jahren, und doch denkt er nur an seine Dichtkunst und an seine unerreichbare Muse Sascha Bimko, die Metzgertochter, die nach Palästina gegangen ist.

prämiert Für sein Romandebüt erhielt Manseau, 1975 als Sohn eines katholischen Priesters und einer ehemaligen Nonne geboren, den National Jewish Book Award und die Sophie Brady Medal for Outstanding Achievement in Jewish Literature. Im September kam für den studierten Religionswissenschaftler, der an der Georgetown University in Washington unterrichtet und bereits drei Sachbücher verfasst hat, auch noch der vom Hadassah Magazine vergebene Harold U. Ribalow Prize dazu. Drei jüdische Literaturpreise für den Roman eines Nichtjuden: Unverkennbar hat der Mann mit seinem Wissen über die jüdische Welt schwer Eindruck gemacht bei den Juroren. Nur in einem winzigen Detail irrt Manseau, wenn er – mit der Stimme seines Übersetzers – schreibt, dass Scholem Aleichem »als der jüdische Mark Twain« gilt. Es ist genau anders herum, und der Gewährsmann ist Max Brod. Der berichtet in seinem Nachwort zur deutschen Ausgabe von Tewje, der Milchmann, dass Twain bei seiner ersten Begegnung mit dem ostjüdischen Dichter 1906 in New York auf diesen mit den Worten zugegangen sei: »Ich möchte mich Ihnen selbst vorstellen. Ich bin der amerikanische Scholem Aleichem.« Aber das ist, wie gesagt, nur ein Detail. Songs for the Butcher’s Daughter, so der Originaltitel, ist ein ebenso kluger wie lebenssatter Roman über die jiddische Sprache, das Handwerk des Buchdruckens, die Kunst des Übersetzens und über die Macht des Wortes. Er ist anregend, durchweg spannend und unterhält den Leser auf hohem Niveau. Mal liest das Buch sich so leicht wie die Gänsedaunen, die Itsiks Vater in der Fabrik in Kischinjow gerupft hat, dann wieder ist die Handlung so gewichtig wie die Bleilettern, die Itsik in der Setzerei der von Knoblauch herausgegebenen Zeitschrift »Naye Yidische Tsukunft« in New York sortiert. Und nicht selten fliegen in den Dialogen die Fetzen wie in der Bar »Untergrund« in Odessa, in der sich Zionis-ten und Sozialisten darüber streiten, welches die angemessene jüdische Nationalsprache ist – Hebräisch oder Jiddisch.

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