Neubürger

»Dresden ist unsere zweite Heimat«

von Ralf Hübner

German Levenfus ist immer froh, wenn er nach einem Urlaub wieder vor seiner Dresdner Wohnung steht. »Dresden ist unsere zweite Heimat geworden«, sagt der 45jährige. 1997 sind Levenfus und seine Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge von Baku in Aserbaidschan nach Sachsen gekommen. Seit Oktober vergangenen Jahres hat er einen deutschen Paß.
529 Männer und Frauen wurden in Sachsen 2005 eingebürgert. 2004 waren es nur 486. Die meisten kamen aus der Russischen Föderation, Vietnam, der Ukraine und der Türkei. In der vergangenen Woche gab es für die Neu-Sachsen ein Fest im Landtag. Seit 2004 begrüßt der Freistaat so einmal im Jahr die neuen Staatsbürger.
»Das Fest ist wichtig«, sagt Levenfus. Sich als Deutscher zu fühlen, sei davon nicht abhängig. Gefeiert habe er schon im vergangenen Jahr, als er die Einbürgerungsurkunde bekam. So war es vielleicht bei den meisten der rund 250 Gäste, die sommerlich, aber festlich gekleidet zum Fest erschienen. Die Männer in kurzärmligen Hemden, die Frauen in schicken Kleidern. Musikstücke werden gespielt und Reden gehalten. »Herzlich willkommen in Sachsen«, beginnt die Ausländerbeauftragte Friederike de Haas (CDU). Dann spricht sie davon, daß Zuwanderung eine Bereicherung für Sachsen sei und daß sich die Neuen am gesellschaftlichen Leben beteiligen sollen. Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) fordert Neubürger und Einheimische auf, stärker aufeinander zuzugehen.
Das harmonische Bild wird allerdings von den Erfahrungen gestört, die einige Neubürger gemacht haben. »Die Ausländer sollen sich integrieren«, sagt der gebürtige Libanese Riad Abara, der jetzt in Chemnitz lebt. Aber für Ausländer, die allein in Deutschland leben, sei das fast nicht möglich. Ohne seine deutsche Frau hätte er es nicht geschafft. Der 33jährige berichtet von einem monatelangen Papierkrieg mit den Ausländerbehörden, die zumeist nur Deutsch sprächen. 500 Euro hätten ihn allein die Übersetzungen gekostet. Als er für eine physiotherapeutische Praxis einen Kredit gebraucht habe, hätten die Banken nur abgewunken. Nun sei er Deutscher und betreibt zwei Praxen. »Jetzt kann ich mich vor Bank-Angeboten kaum noch retten.«
Levenfus, der im Ausländerbeirat der Dresdner Stadtverwaltung mitarbeitet, findet, daß die Kritik zu weit geht. Sicher, es gebe Bürokratie, und es gebe Probleme. Aber das sei nicht schlimm, das sei überall so. »Wir sind doch dankbar, hier leben zu dürfen.« Bürgerkrieg und aufkommender Nationalismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben ihn in den 90er Jahren veranlaßt, aus Aserbaidschan wegzugehen. Einst sei es dort schön gewesen,
dann aber sei es auf einmal gegen nationale Minderheiten und Juden gegangen.
Nach seinen Erlebnisse befragt, schweigt Levenfus. »Ich will über meine alte Heimat nicht schlecht sprechen. Wir haben großes Glück gehabt«, räumt er dann ein. Der Elektronik-Ingenieur hatte schon bald nach seiner Ankunft in Dresden Arbeit gefunden. Auch seine Frau hat einen Job bekommen. Der 16jährige Sohn Jan geht aufs Gymnasium und glänzt mit einem Notendurchschnitt von 1,3.
So viel Glück haben nicht alle Zugezogenen. »Viele wollen sich einbürgern lassen. Aber ohne Arbeit geht das nicht«, sagt die Sozialarbeiterin Elena Tanajeva von der Dresdner Jüdischen Gemeinde. Die Gemeinde zähle rund 700 Mitglieder. Etwa 95 Prozent seien aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert.
Bei den 35- bis 55jährigen sei die Arbeitslosigkeit hoch. Ohne Job aber gibt es keine Staatsbürgerschaft. Zudem fallen Kosten an. Allein 500 bis 600 Euro kostet es Tanajeva zufolge, um aus der russischen Staatsbürgerschaft entlassen zu werden. 255 Euro müssen dann nach Angaben des Sächsischen Innenministeriums Erwachsene für ihre Einbürgerung bezahlen. »Es ist ein Teufelskreis. Wer keine Arbeit hat, der hat auch kein Geld für die Staatsbürgerschaft«, sagt Tanajeva.
In Sachsen ist zudem schon seit 2001 ein Einbürgerungstest Pflicht. Die 50 Testfragen behandeln vor allem das Grundgesetz. Ein mündlicher und schriftlicher Sprachtest ist obligatorisch. »Ich habe mit meinen Eltern noch Jiddisch gesprochen. Dadurch hatte ich mit der deutschen Sprache keine Schwierigkeiten«, sagt Levenfus. Und die Fragen des Testes seien auch nicht schwer gewesen. Im Urlaub war er in der Türkei und in Griechenland. In Aserbaidschan und seinem geliebten Baku ist er nicht wieder zu Besuch gewesen.

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